Was keiner sieht · Kapitel 14

Zwei Tode

Sie liessen ihn allein mit ihr hinein. Agatha blieb an der Tür. Liv stand im Gang und kam nicht weiter.

Der Hirsch hob nicht einmal den Kopf.

Daan setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett und erzählte einer sterbenden Prinzessin, woran sie starb. Er machte es kurz. Er hatte gelernt, dass Wahrheit nicht weicher wird, wenn man sie in Watte packt — nur länger.

Sie hörte zu.

Und sie war nicht erschrocken.

Das war es, was Daan nicht erwartet hatte. Kein Aufschrei, kein Weinen, kein Das kann nicht sein. Sie lag da, sehr blass, und nickte langsam, wie jemand, dem man endlich ein Wort für etwas gibt, das er längst kennt.

„Ich habe es gehört“, sagte sie. Ihre Stimme war nur noch Luft. „Nachts. Es klingt wie —“ Sie suchte. „Wie wenn jemand von sehr weit her deinen Namen ruft und du nicht sicher bist, ob du ihn wirklich gehört hast.“

Sie sah zum Fenster. Nach Norden.

„Ich dachte, ich träume“, sagte sie. „Ich habe mich gefreut.“

Daan sagte nichts.

„Und wenn ich ihn gehen lasse“, sagte sie, „dann lebe ich.“

„Ja.“

„Und ich bin nichts mehr.“

Er wollte widersprechen. Er wollte sagen, dass sie eine Prinzessin bleiben würde, dass sie ein Reich hätte, Menschen, ein ganzes Leben. Er sagte es nicht. Sie hätte es sofort durchschaut, und dann hätte er sie verloren.

„Du wärst keine Erwählte mehr“, sagte er.

Sie schloss die Augen.

„Ihr redet alle davon wie von einer Wahl zwischen Leben und Tod“, sagte sie. „Das ist es nicht. Ich war zwölf, als er kam. Alles, was ich seither bin, hat er mir gegeben.“ Sie atmete. Es kostete sie etwas. „Es ist eine Wahl zwischen zwei Toden. Ich darf nur einen davon überleben.“

Draussen, weit weg, rief jemand nach einem Pferd.

Dann drehte sie den Kopf auf dem Kissen und sah Daan an, und ihre Augen waren klar. So klar wie die des Hirsches.

„Du hast auch eines“, sagte sie.

„Einen Käfer.“

„Was tut er?“

„Er lässt mich Dinge sehen.“

Die Prinzessin lächelte, ganz schwach.

„Würdest du ihn gehen lassen?“

Und Daan öffnete den Mund.

Und da war nichts darin.

Kein Witz. Keine freche Antwort. Nicht einmal eine Lüge. Er sass auf einem Stuhl neben einem sterbenden Mädchen und suchte in sich nach einem einzigen ehrlichen Ja — und fand es nicht.

Die Prinzessin nickte, als hätte er geantwortet.

„Eben“, sagte sie.

Sie schwiegen eine Weile. Draussen, sehr weit weg, rief jemand nach einem Pferd.

„Weisst du, was das Schlimmste ist?“, sagte sie dann.

„Was?“

„Es hat noch nie jemand getan.“

Sie sagte es ganz ruhig, und Daan brauchte einen Moment, um zu verstehen, was sie meinte.

„Man hat mir keine Geschichte erzählt“, sagte Elin. „Es gibt keine. Es gibt kein Mädchen vor mir, von dem man sagen könnte: Sieh, die hat es auch getan, und sie ist immer noch da. Es gibt keinen Beweis. Es gibt niemanden, den ich fragen kann, ob es aufhört wehzutun.“

Sie sah zur Decke.

„Ich weiss nicht einmal, ob es richtig ist. Ich weiss nur, dass er sterben will und dass ich ihn festhalte.“

Und Daan, der neben ihrem Bett sass, begriff auf einmal, was diese Fünfzehnjährige hier eigentlich tat.

Sie ging als Erste.

Ohne Vorbild. Ohne Karte. Ohne einen einzigen Menschen auf der Welt, der ihr sagen konnte, was auf der anderen Seite dieser Entscheidung liegt.

Alle, die nach ihr kämen — jeder Einzelne, für alle Zeit —, würden es leichter haben. Weil es sie gegeben hatte.

„Wie heisst du?“, fragte sie.

„Daan.“

„Das meine ich nicht.“ Sie drehte den Kopf. „Wer bist du? Sie sagen, du siehst Dinge — der ganze Hof, seit ihr gekommen seid. Aber das ist nur ein Wort, das sie sich weitergeben. Es sagt mir nichts über dich.“

Daan sass da.

Und dann tat er etwas, das er noch nie getan hatte und für das er kein einziges Motiv nennen konnte, ausser dass sie sterben würde und dass es plötzlich nichts mehr kostete.

Er schob den Kragen zur Seite.

„Sieh hin“, sagte er.

Und Elin sah hin.

Sie sah lange hin, und Daan wartete darauf, dass sie nichts sah, so wie alle nichts sahen.

„Ich sehe ihn“, sagte sie.

Etwas in Daans Brust zog sich zusammen.

„Ja.“

„Und niemand sieht ihn.“

„Der Obermagier.“ Daan zog den Kragen wieder hoch. „Und jetzt du.“

Elin lächelte. Es war das erste Mal.

„Dann sind wir zwei Leute, an denen keiner hinsieht“, sagte sie.

Dann sagte sie sehr lange nichts. Der Hirsch atmete flach. Das Licht an der Wand wurde schwächer, während sie schwiegen — man konnte es sehen, wenn man wusste, wohin man schauen musste, und Daan wusste es jetzt.

„Hilf mir hoch“, sagte sie.

Er half ihr hoch.

Sie war leicht wie Agatha im Wald. Alle, dachte Daan. Alle sind leichter, als man denkt.

Sie kniete sich neben den Hirsch, und der Hirsch hob endlich den Kopf, und einen Moment sahen sich die beiden an, wie sich zwei ansehen, die dieselbe Sprache sprechen und wissen, dass sie sie zum letzten Mal sprechen.

„Ich weiss“, sagte sie zu ihm. „Ich weiss doch. Geh.“

Sie legte beide Hände in sein Fell.

Und öffnete sie.

Das Licht ging nicht aus. Es ging. Es floss aus dem Geweih und aus dem weissen Fell und aus den klaren Augen, nach oben, nach Norden, durch die Wand, als wäre die Wand nie dort gewesen — und einen Herzschlag lang war der Hirsch wieder so gross und prächtig, wie er einmal gewesen sein musste, und der ganze Raum stand in kaltem, mildem Licht.

Dann war er fort.

Kein Körper. Kein Fell auf dem Boden. Nur eine Mulde in der Decke, wo sein Kopf gelegen hatte.

Und ein Mädchen auf den Knien.

Daan wartete.

Er wartete darauf, dass etwas geschah. Dass sie zusammenbrach, dass sie schrie, dass sie weinte. Dass sie ihn ansah und sagte, es sei ein Fehler gewesen.

Nichts davon geschah.

Die Prinzessin kniete auf dem Boden ihres Zimmers, und die Farbe kam langsam in ihr Gesicht zurück, und ihre Hände hörten auf zu zittern, und sie atmete tief und regelmässig, zum ersten Mal seit Wochen.

Sie lebte.

Und sie war leer.

Daan sah sie an, und er sah — nichts. Kein Leuchten, kein Faden, keine zweite Anwesenheit hinter ihren Augen. Nur ein Mädchen. Ein gewöhnliches, gesundes, atmendes Mädchen auf einem kalten Steinboden.

Er hatte sein Leben lang geglaubt, gewöhnlich zu sein sei das Schlimmste, was einem passieren kann.

Jetzt sah er zu, wie es jemandem tatsächlich passierte.

„Es ist so still“, sagte sie.

Sie sagte es ohne Vorwurf. Fast verwundert. Wie ein Kind, das aus einem Zimmer kommt, in dem immer Musik gespielt hatte, und feststellt, dass das Haus die ganze Zeit leer gewesen war.

„So still.“

Daan kniete sich zu ihr auf den Boden. Er wusste nichts zu sagen. Zum ersten Mal in seinem Leben störte ihn das nicht.

Nach einer Weile hob sie den Kopf.

„Ich heisse Elin“, sagte sie.

Und dann, weil er sie nicht verstand, und weil sie sah, dass er sie nicht verstand:

„Das ist alles, was übrig ist.“

Als Daan sich umdrehte, stand die Tür offen.

Im Gang, ganz still, mit beiden Händen an der Wand, stand Liv.

Sie hatte alles gesehen.

Und Daan, der Dinge sah, die andere nicht sahen, brauchte seine Gabe nicht, um in ihrem Gesicht zu lesen, was dort geschrieben stand.

Niemals.