Was keiner sieht · Kapitel 13

Was er nicht sagte

Er hätte lügen können. Gleich dort, im Gang, mit der Hand noch an der Klinke.

Er tat es nicht.

Er erzählte ihr alles. Den Hirsch, der lauschte. Das Fenster nach Norden. Das Licht, das im selben Takt verlosch. Die Bindung, die in beide Richtungen läuft. Und den Preis: dass man ein Wesen nur retten kann, indem man es gehen lässt — und dass es alles mitnimmt, was es je gegeben hat.

Er sagte es einfach. Ohne Polster. So, wie es ihm gesagt worden war.

Liv hörte zu, und ihr Gesicht veränderte sich nicht.

„Du lügst“, sagte sie.

„Nein.“

„Du hast dir das ausgedacht.“

„Warum sollte ich?“

„Weil du —“ Sie brach ab. Und Daan sah, wie sie den Satz in sich zurückschluckte, weil sie ihn nicht zu Ende bringen konnte, ohne grausam zu werden.

Er hätte ihr sagen können, dass er es trotzdem gehört hatte.

„Geh hinein“, sagte er stattdessen. „Sieh sie dir an. Und dann sag mir, dass ich mir das ausgedacht habe.“

Liv ging hinein.

Daan blieb im Gang stehen und zählte seine Atemzüge, weil er sonst nichts zu tun hatte. Er kam bis vierzig.

Dann ging die Tür auf, und Liv war weiss.

Sie ging an ihm vorbei, ohne ihn anzusehen. Die Treppe hinunter, durch die Halle, hinaus in den Hof. Sie ging nicht schnell. Sie ging wie jemand, der nicht sicher ist, ob der Boden noch da ist.

Daan folgte ihr.

Das Pferd stand mitten im Hof, und als es sie kommen sah, wurde sein Leuchten heller.

Das war das Schlimmste. Nicht der Hirsch oben im Zimmer. Nicht das Mädchen, aus dem die Farbe lief. Sondern dieses gesunde, glückliche, strahlende Tier.

Liv blieb stehen. Sie stand sehr lange.

Dann ging sie zu ihm und legte die Stirn an seinen Hals, genau so, wie sie es am ersten Tag getan hatte, am Bach, als der ganze Wald blau geworden war.

„Es geht ihm gut“, sagte sie in die Mähne. „Sieh es dir an. Es ist gesund. Es ist stark. Es ist —“

Ihre Stimme brach weg.

Dann drehte sie den Kopf. Und sah Daan an.

„Du siehst Dinge“, sagte sie. „Alle sagen das. Der Obermagier sagt das.“ Sie schluckte. „Dann sieh es dir an.“

„Ich war vorher niemand“, sagte sie. „Frag irgendwen.“

Eine Pause.

„Sag mir, dass ich recht habe.“

Und Daan sah hin.

Die Welt wurde still — langsam, höflich, so wie sie es jetzt tat. Und er sah alles.

Er sah, dass das Pferd stark war. Dass sein Licht tief und satt brannte, ohne Flackern. Dass es gesund war bis in die Hufe, und dass es sie liebte, auf jene einfache, ganze Art, wie Tiere lieben, ohne Vorbehalt und ohne Bedingung.

Und er sah, wie es einmal — nur einmal, während sie die Stirn an seinem Hals hatte und die Augen geschlossen — den Kopf hob.

Und nach Norden sah.

Einen Herzschlag lang. Vielleicht zwei.

Dann senkte es den Kopf wieder zu ihr und berührte mit den Nüstern ihr Haar, und Liv lächelte mit geschlossenen Augen, und sie hatte nichts gemerkt, gar nichts, und wie hätte sie auch.

Daan spürte den Käfer auf seiner Schulter. Klein und leicht und ganz still.

Er half ihm nicht. Er half ihm nie. Er zeigte ihm nur, was da war — und liess ihn allein damit, was er damit tun sollte.

Liv öffnete die Augen.

„Daan.“

Es lag alles in diesem einen Wort. Bitte. Bitte, bitte, sag es.

Und einen Lidschlag lang, ehe er etwas dagegen tun konnte, war da noch etwas anderes.

Nicht das Pferd. Nicht der Norden. Sondern das Gesicht, das sie machen würde, wenn er es sagte. Und die Tage danach, an denen sie ihn ansehen würde wie jemanden, den es gab.

Es war klein und warm und widerlich, wie eine Münze, die man in der Hand findet und nicht weiss, von wem.

Er drückte es weg. Er drückte es so schnell weg, dass er sich später einreden konnte, es sei nie da gewesen.

„Ihm fehlt nichts“, sagte Daan.

Und Liv lachte.

Es war ein hässliches, nasses, erlöstes Lachen, halb Schluchzen, und sie schlang die Arme um den Hals des Pferdes und lachte hinein, und das Tier stand geduldig da und leuchtete, und irgendwo weit oben, hinter dem Fenster nach Norden, lag ein sterbendes Mädchen neben einem Hirsch, der lauschte.

„Danke“, sagte Liv.

Es war das schlimmste Wort, das Daan je gehört hatte.

Er stand im Hof, bis sie gegangen war, das Pferd am Zügel, mit einem Schritt, der wieder leicht war.

Dann sah er hinauf.

Im Fenster des Vorzimmers stand Agatha und sah zu ihm herunter.

Sie sah nicht triumphierend aus. Sie sah nicht vorwurfsvoll aus. Sie sah aus wie jemand, der etwas wiedererkennt.

Vor einer Stunde hatte er sie gefragt, wie sie es aushalte.

Schlecht, hatte sie gesagt.

Daan hatte es für eine Antwort gehalten.

Jetzt wusste er, dass es eine Warnung gewesen war.