Was keiner sieht · Kapitel 12
Was es kostet
Er wartete, bis sie allein waren.
Agatha stand am Fenster des Vorzimmers, das Gesicht zum Hof. Daan sah, dass sie ihn kommen hörte und sich nicht umdrehte. Das allein war schon eine Antwort.
„Sie wussten es“, sagte er.
„Geh schlafen, Daan.“
„Sie wussten es, bevor wir das Zimmer betreten haben. Sie haben nicht einmal hingesehen.“ Er trat neben sie. „Sie haben mich angesehen. Und gehofft, dass ich es nicht sehe.“
Agatha schwieg.
„Das Tier hat Heimweh“, sagte Daan. „Es geht nach Hause. Und weil sie an ihm hängt, geht sie mit.“
Ihre Hand am Fensterbrett wurde weiss.
„Sag das nicht so laut.“
„Dann sagen Sie mir, dass ich mich irre.“
Sie drehte sich um. Und Daan, der so vieles sah, sah auch das: dass sie es nicht konnte. Dass sie nach einem Satz suchte, mit dem man einem Jungen die Wahrheit wieder wegnimmt — und keinen fand, weil man einem Sehenden nichts wegnehmen kann.
„Nein“, sagte sie schliesslich. „Du irrst dich nicht.“
Daan atmete aus.
„Dann trennen wir es“, sagte er. „Schicken Sie den Hirsch heim. Sofort. Dann lebt sie.“
„Ja.“
Es kam zu schnell. Ohne jedes Zögern. Und genau deshalb wusste Daan sofort, dass da noch etwas war.
„Aber“, sagte er.
Agatha sah wieder hinaus.
„Aber die Gabe geht mit“, sagte sie. „Die Bindung ist die Gabe, Daan. Es gibt nicht das eine ohne das andere. Wenn das Tier geht, nimmt es alles mit, was es ihr je geschenkt hat. Für immer.“
„Also wäre sie —“
„Ein gewöhnliches Mädchen.“ Agathas Stimme war ganz ruhig. „Keine Erwählte. Keine Beschützerin. Nie wieder. Eine Prinzessin, weiter nichts.“
Daan starrte sie an.
„Sie wäre am Leben.“
„Ja.“
„Dann verstehe ich das Problem nicht.“
Und da tat Agatha etwas, das er ihr nie zugetraut hätte. Sie lachte. Ein kurzes, hässliches, müdes Lachen.
„Weil du fünfzehn bist“, sagte sie, „und weil du dein Leben lang niemand warst. Frag sie doch. Sie war zwölf, als der Hirsch sie wählte. Sie kennt sich selbst gar nicht anders. Für dich ist die Gabe etwas, das du seit gestern hast. Für sie ist sie das, was sie ist.“
Daan schwieg.
„Menschen sterben lieber, als das aufzugeben“, sagte Agatha. „Das ist keine Redensart. Ich habe es gesehen.“
Etwas Kaltes kroch Daan den Rücken hinauf.
„Wie oft“, sagte er.
Agatha antwortete nicht.
„Wie oft, Agatha.“
„Oft genug, dass es einen Namen hat.“ Sie sagte es zum Fenster, nicht zu ihm. „Man nennt es das Verlöschen. Den Familien sagt man, das Wesen sei erkrankt. Man sagt, es sei ein Unglück gewesen.“ Sie schloss kurz die Augen. „Man sagt vieles.“
„Und warum weiss es keiner?“ Daan merkte, dass seine Stimme laut wurde, und es war ihm gleich. „Warum steht das nicht in jedem Buch, in jeder Schule, an jeder Wand des Reiches —“
„Weil es niemand hören will.“
Sie sagte es ohne jede Schärfe. So, wie man das Wetter sagt.
„Stell es dir vor. Du sagst es ihnen. Jedem Erwählten im Reich. Du sagst: Euer Wesen will nach Hause. Eines Tages wird es gehen, und dann geht ihr mit — es sei denn, ihr lasst es heute frei und seid für den Rest eures Lebens niemand.“ Sie sah ihn an. „Was glaubst du, wie viele es täten?“
Daan öffnete den Mund.
Und wusste die Antwort.
„Eben“, sagte Agatha.
„Warum gehen sie überhaupt?“, fragte er leise. „Warum jetzt? Warum alle?“
Agatha zögerte einen Augenblick zu lang.
„Sie werden gerufen“, sagte sie.
„Von wem?“
Und da war sie wieder, die Tür, die zublieb. Daan sah, wie sie sich schloss — in Agathas Gesicht, in der Art, wie ihre Schultern eine Spur höher gingen.
„Das“, sagte sie, „ist nicht meine Antwort zu geben.“
„Wessen dann?“
Sie sagte es nicht. Sie musste es nicht sagen. Daan dachte an einen alten Mann mit freundlichen Augen, der als Einziger den Käfer auf seiner Schulter gesehen hatte — und der nicht überrascht gewesen war.
„Sie tragen das“, sagte Daan langsam. „Seit Jahren. Und Sie sagen nichts.“
„Ja.“
„Wie halten Sie das aus?“
Agatha sah ihn an, und zum ersten Mal, seit er sie kannte, sah Daan nicht die Direktorin. Er sah eine Frau, die sehr müde war und die vor sehr langer Zeit aufgehört hatte, nach einer Antwort auf genau diese Frage zu suchen.
„Schlecht“, sagte sie.
Sie liess ihn eine Weile stehen. Dann:
„Wenn du es ihr sagst, Daan — wenn du in dieses Zimmer gehst und dem Mädchen die Wahl gibst —, dann sagst du es nicht nur ihr.“
Er wusste, was kam. Er wusste es, und es half nichts.
„Richard steht unten bei seinem Drachen“, sagte Agatha. „Und Liv steht neben ihrem Pferd.“
Daan ging zur Tür.
Seine Hand lag schon auf der Klinke, als Agatha noch einmal sprach. Ihre Stimme war jetzt nicht mehr die einer Direktorin. Nur noch die eines Menschen.
„Es gibt keine gute Wahl.“
Eine Pause.
„Nur die, mit der du leben kannst.“
Daan öffnete die Tür.
Im Gang, gegenüber, an die Wand gelehnt — als hätte sie schon eine ganze Weile dort gestanden — wartete Liv.
„Und mein Pferd, Daan?“, sagte sie.