Was keiner sieht · Kapitel 11

Der weisse Hirsch

Sie brauchten zwei Tage für einen Weg, den ein Drache in einer Nacht schafft.

Agatha ging langsam. Sie sagte, es gehe ihr gut. Daan sagte, er glaube ihr, und sie sagte, er lüge schlecht, und dann gingen sie schweigend weiter — und irgendwann bemerkte Daan, dass ihm dieses Schweigen nicht mehr unangenehm war.

Einmal, an einem Bach, sagte sie ohne Vorwarnung: „Du hättest sterben können.“

„Sie auch.“

„Ich bin die Direktorin. Ich darf das.“

Er lachte. Sie lachte nicht. Aber sie sah ihn an, kurz, von der Seite, mit etwas im Gesicht, für das Daan kein Wort hatte — weil ihn noch nie jemand so angesehen hatte.

Das Reich des Königs begann jenseits des Waldes, hinter den Hügeln, und es war reich und schön und vollkommen aus den Fugen.

Man hatte Fackeln aufgestellt, obwohl es Tag war. Menschen standen in Gruppen und redeten leise, so wie Menschen reden, wenn sie nicht wissen, wovor sie Angst haben sollen. Und über allem lag eine Stille, die nicht zu einem Schloss passte.

Vor dem Tor stand ein roter Drache und rupfte gelangweilt an einem Busch.

„DAAN!“

Richard kam über den Hof gerannt, alle Höflichkeit vergessen, und riss ihn in eine Umarmung, die Daans geprellte Schulter aufheulen liess.

„Ich hab gesagt, er lebt!“, brüllte er über die Schulter. „Ich hab's gesagt!“ Dann leiser, nur zu Daan: „Ich war mir überhaupt nicht sicher.“

„Danke.“

„Du siehst furchtbar aus.“

„Das höre ich in letzter Zeit oft.“

Und dann stand Liv da.

Sie kam nicht gerannt. Sie blieb ein paar Schritte entfernt stehen, die Hände vor sich, und sah ihn an — und Daan, der neuerdings alles sah, sah, dass sie ihn schon eine Weile beobachtet hatte, bevor er sie bemerkte.

„Du bist zu Fuss gegangen“, sagte sie.

„Ein netter Spaziergang. Ein bisschen Gift, ein bisschen Mord. Sehr abwechslungsreich.“

Sie lächelte nicht.

„Es tut mir leid“, sagte sie. „Wegen des Pferdes. Ich hätte —“

„Liv.“ Er hob die Hand. „Du hast nichts falsch gemacht.“

Sie sah ihn an, als wäre das nicht die Antwort, die sie gebraucht hätte. Aber sie sagte nichts mehr.

Es dauerte nicht lange, bis Daan begriff, warum der Hof so still war.

„Es gibt nichts“, sagte Richard — und zum ersten Mal, seit Daan ihn kannte, klang er wütend. „Verstehst du? Nichts. Kein Heer. Kein Ungeheuer. Kein Zauberer auf einem Turm. Wir sind hergeflogen, bereit, uns in irgendetwas zu stürzen —“ er machte eine hilflose Geste zum Drachen hinüber, „— und es gibt nichts, in das man sich stürzen könnte.“

„Und die Prinzessin?“

Richards Kiefer arbeitete.

„Sie stirbt“, sagte er. „Und niemand weiss, woran.“

Sie führten ihn hinauf.

Der Raum war zu warm und roch nach Kräutern, die nicht halfen.

Die Prinzessin war jung. Jünger, als Daan gedacht hatte — vielleicht in Livs Alter. Sie lag sehr still. Und sie war nicht bleich wie eine Kranke. Sie war bleich wie etwas, aus dem man langsam die Farbe zieht.

Neben ihrem Bett, den Kopf auf der Decke, lag ein Hirsch.

Er war weiss, und er war einmal gross und prächtig gewesen; das sah man noch. Sein Geweih warf einen letzten milchigen Schein an die Wand, kaum heller als eine Kerze. Er rührte sich nicht, als sie eintraten.

„Ihr Wesen“, sagte Agatha leise. „Sie wurde mit zwölf erwählt. Man sagte damals, es sei ein grosses Zeichen.“

Daan trat näher.

Und dann kam es. Nicht wie im Wald, nicht mit einem Schlag, kein Honig, keine Zeitlupe. Diesmal kam es langsam, fast höflich — so, wie etwas kommt, das niemanden erschrecken will.

Die Welt wurde still, und Daan sah.

Er sah, dass der Hirsch nicht krank war. Kranke Tiere haben trübe Augen; die Augen des Hirsches waren klar, so klar, dass es weh tat. Er sah, dass das Tier nicht schlief, sondern lauschte — den Kopf kaum merklich geneigt, die Ohren nach Norden gedreht, zu einem Fenster hin, hinter dem nichts war als Himmel. Er sah, wie es mit jedem Atemzug ein winziges Stück seines Lichtes verlor, und wie es sich nicht wehrte, überhaupt nicht, sondern es hingab, willig, so wie man etwas hingibt, das man nie hätte behalten dürfen.

Das Tier war nicht krank.

Das Tier hatte Heimweh.

Und dann sah Daan das Mädchen im Bett an.

Sie hatte die Augen offen. Sie sah in dieselbe Richtung. Zum selben Fenster. Zum selben Nichts.

Und sie verlor ihr Licht im selben Takt.

Daan trat einen Schritt zurück, stiess gegen einen Stuhl, und der Lärm riss ihn heraus. Die Welt kam zurück — warm und laut und nach nutzlosen Kräutern stinkend.

„Was?“, sagte Richard. „Was hast du gesehen? Du hast dein Gesicht gemacht.“

„Ich habe kein Gesicht.“

„Doch. Du hast ein Gesicht.“

Daan machte den Mund auf.

Und schloss ihn wieder.

Denn was hätte er sagen sollen? Das Tier will nach Hause. Und es nimmt sie mit. Sie würden ihn ansehen wie einen Verrückten. Oder — schlimmer — sie würden ihm glauben. Und dann würde Liv sich umdrehen, hinaus zum Hof, wo ihr blaues Pferd stand, und dieselbe Frage würde ihr ins Gesicht springen wie ein Hund.

Er sah zu Agatha.

Agatha sah ihn an.

Und in ihren Augen stand kein Erstaunen. Kein Was hast du gesehen. Nichts von alldem.

In ihren Augen stand: Sag es nicht.

Draussen im Hof wieherte ein Pferd. Blau und hell und lebendig.

Und in Daans Kopf stellte eine ruhige, silberne Stimme zum ersten Mal seit dem Wald wieder ihre Frage.

Wer bezahlt?