Was keiner sieht · Kapitel 10

Wer bezahlt

Das Feuer war fast heruntergebrannt, als Daan die Lichtung erreichte.

Agatha lehnte am Stamm, dort, wo er sie gelassen hatte, aber sie war weiter gesunken, das Kinn auf der Brust, und das silberne Netz hatte sich über ihren Hals bis unter das Ohr gezogen. Für einen entsetzlichen Moment dachte Daan, er sei zu spät.

Dann bewegte sich ihre Hand. Kaum. Aber sie bewegte sich.

„Das Kraut“, krächzte sie. „Kau es. Leg es auf… die Wunde.“

Daan tat, was sie sagte. Das Mondkraut schmeckte nach kaltem Stein und nach etwas, das er nicht kannte — nach Nacht vielleicht —, und er zerkaute es, bis es weich war, und presste es auf den silbernen Schnitt an ihrer Wange und hielt es dort mit zwei Fingern, so behutsam, wie er noch nie im Leben etwas gehalten hatte.

Eine Weile geschah nichts.

Dann, ganz langsam, begann das Silber zu weichen. Es zog sich zurück, Faden um Faden, wie Reif, über den die Sonne kriecht. Agathas Atem wurde tiefer. Die Farbe kam zurück in ihr Gesicht — nicht viel, aber genug, dass Daan zum ersten Mal seit dem Bach wieder richtig Luft bekam.

„Du bist zurückgekommen“, sagte sie. Es klang, als hätte sie es nicht ganz erwartet.

„Sie hätten dagegen wetten sollen“, sagte Daan. „Ich hätte gute Quoten gegeben.“

Aber der Witz kam müde, und Agatha lachte nicht, und keiner von beiden tat so, als wäre das nötig gewesen.

Agatha sah ihn an.

Es war das erste Mal, dass sie ihn wirklich ansah, und sie tat es gründlich, so wie sie alles tat. Über das Gesicht. Über die Hände. Und dann, weil der alte Mann ausgerechnet diesen Jungen mit ihr in diesen Wald geschickt hatte, über die Schulter.

Der Käfer sass da, wo er den ganzen Abend gesessen hatte.

„Da ist nichts“, sagte Agatha.

„Nein“, sagte Daan. „Da ist nichts.“

Sie sassen eine Weile am Feuer, das Daan neu nährte. Der Wald war still geworden. Der silberne Mann war fort, so vollständig, als hätte es ihn nie gegeben — bis auf das, was er in Daan zurückgelassen hatte. Und das war nicht fort. Das würde nicht mehr fortgehen.

„Er hat mit mir geredet“, sagte Daan schliesslich.

Agatha schloss die Augen. „Ich habe dir gesagt, du sollst nicht —“

„Ich weiss, was Sie gesagt haben. Ich habe trotzdem zugehört. Ich höre eben zu — das ist ungefähr das Einzige, was ich kann.“ Er sah ins Feuer. „Er hat gefragt, woher die Wesen kommen. Und wer dafür bezahlt, dass wir sie bekommen. Und Sie —“ Er drehte den Kopf zu ihr. „Sie sind nicht überrascht. Sie fragen nicht, wovon ich rede. Sie wissen genau, wovon ich rede.“

Agatha öffnete die Augen und sah ins Feuer. Lange.

„Es gibt Dinge“, sagte sie schliesslich, „die ein Kind an seinem ersten Tag nicht tragen muss. Und Dinge, die zu sagen ich nicht frei bin. Beides trifft hier zu.“

„Das ist keine Antwort.“

„Nein“, sagte sie. „Es ist die einzige, die ich habe.“

Daan sah ins Feuer.

Zweimal in dieser Nacht hatte er dieselbe Frage gestellt. Einmal einem Mann, der auf Agatha geschossen hatte. Einmal Agatha selbst.

Beide hatten dasselbe geantwortet.

Daan liess es einen Moment stehen. Danach sagte er es leise, weil er wusste, dass er eine Tür berührte, die vielleicht besser geschlossen blieb.

„Sie kennen ihn.“

Agatha antwortete nicht. Aber ihre Hand ging, ganz ohne dass sie es zu bemerken schien, zu der Wange, wo der Schnitt gewesen war — nicht zu der Wunde, sondern höher, zu einer alten, unsichtbaren Stelle. So, wie man eine Narbe berührt, die man schon so lange trägt, dass man vergessen hat, dass sie einmal wehgetan hat.

„Er war einmal jemand anderes“, sagte sie schliesslich. Nur das. „Und der, der er war, ist schwerer zu retten als ich.“

Mehr sagte sie nicht, und Daan fragte nicht weiter — denn er begriff, dass hinter dieser Tür kein Geheimnis lag, sondern ein Kummer. Und Kummer stösst man nicht auf wie eine Tür.

Kurz vor Sonnenaufgang zerriss weit im Norden ein Licht den Himmel. Blau, hell, für einen Wimpernschlag — dann verglomm es.

„Das Zeichen“, murmelte Agatha, und zum ersten Mal lag etwas wie Erleichterung in ihrer Stimme. „Sie haben die Prinzessin erreicht. Liv und Richard. Sie leben.“

Und Daan, der die halbe Nacht nicht an Liv gedacht hatte, weil kein Platz dafür gewesen war, dachte nun an sie. An das blaue Pferd. An ihr weisses, erschrockenes Gesicht.

Er wusste noch nicht, dass er sie bald an einem stillen Teich wiedersehen würde, an einem Ort, wo die Welt dünn ist. Und dass er ihr dort helfen würde, das Schwerste zu tun, was ein Mensch tun kann: die Hand zu öffnen und etwas ziehen zu lassen, das man liebt.

Aber das ist eine andere Geschichte, und sie soll ein andermal erzählt werden.