Was keiner sieht · Kapitel 9

Der Silberne

Der Bach war dort, wo Agatha gesagt hatte.

Er trat aus dem Fels wie ein dünner silberner Faden, und darunter, im ewigen Schatten des Vorsprungs, wuchs das Mondkraut. Daan erkannte es sofort. Kleine, blasse Blätter, die ein eigenes, mildes Licht gaben, als hätten sie irgendwann einmal Mondlicht getrunken und es nie wieder losgelassen.

Er machte einen Schritt darauf zu.

„Ich würde warten“, sagte eine Stimme.

Er stand auf der anderen Seite des Baches, wo eben noch niemand gewesen war. Ganz in Silber, reglos, den Bogen in der Hand, aber nicht gespannt. Im Licht des Mondkrauts sah er aus wie etwas, das der Wald selbst geträumt hatte.

Daan blieb stehen. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Aber er hatte in seinem Leben so oft Angst gehabt und dabei so oft gelernt, dass man reden kann, während man sich fürchtet, dass die Worte fast von allein kamen.

„Sie haben ein Problem“, sagte Daan. „Sie könnten mich jetzt erschiessen. Aber dann hole ich das Kraut nicht — und Sie haben mich hergelockt, damit ich es nicht hole? Das ergibt keinen Sinn. Also wollen Sie etwas anderes.“

Der Schütze legte den Kopf ein wenig schief.

„Du hast meinen Pfeil gesehen“, sagte er. Es klang nicht wie eine Frage. Es klang, als hätte er die halbe Nacht gebraucht, um es zu glauben. „Die Ersten sollten gesehen werden — dafür schiesst man sie. Aber den silbernen sieht niemand. Keine Magierin. Kein Krieger. Niemand.“

„Ich dachte, es gäbe keine mehr von deiner Sorte.“

Und dann, leiser, fast zu sich selbst: „Der Junge, der sieht.“

„Sie haben gezögert“, sagte Daan.

„Wie bitte?“

„Bei Agatha. Ich habe es gesehen — ich sehe solche Dinge jetzt.“ Daan zwang seine Stimme ruhig. „Ihr Pfeil war schneller, als sie ihn je hätte kommen sehen. Sie hätten sie töten können, ohne dass sie es überhaupt gemerkt hätte. Und im letzten Herzschlag ist Ihre Hand abgewichen. Nur ein winziges Stück. Aber sie ist abgewichen.“

Er atmete aus.

„Ein Mörder zögert nicht. Sie sind keiner.“

Der Silberne stand ganz still.

„Und Sie stehen jetzt hier“, sagte Daan, „weil es nur diese eine Stelle gibt, an der das Kraut wächst. Sie mussten mich nicht suchen. Sie mussten nur warten.“

„Ich habe dich nicht hergelockt.“ Die Stimme des Schützen war leise. „Heute Nacht bin ich ihretwegen gekommen. Nur ihretwegen. Du warst nicht vorgesehen.“ Etwas darin klang beinahe müde. „Du bist mir passiert.“

Und Daan, der jetzt so vieles sah, sah auch das: dass der Mann mit keinem Wort erklärt hatte, warum seine Hand abgewichen war. Und dass er es auch nicht erklären würde.

Einen langen Moment sagte der Silberne nichts. Das Wasser lief. Irgendwo, weit weg, verrann Agathas Leben.

„Nimm das Kraut“, sagte der Schütze schliesslich.

Daan sah ihn an.

„Nimm es.“ Er trat einen Schritt zurück, weg vom Kraut. „Und während du pflückst, hörst du mir zu.“

„Wie lange?“

„So lange ich rede.“ Seine Stimme blieb ganz gleichmässig. „Ein guter Handel — für einen Jungen, der es eilig hat.“

Und da verstand Daan die Falle. Es war nie die gewesen, die er erwartet hatte. Er sollte nicht sterben. Er sollte hören.

Er kniete sich ans Wasser. Er begann, das Mondkraut zu pflücken, Blatt um Blatt, die Hände so ruhig, wie er sie halten konnte. Und er hörte zu — weil er keine Wahl hatte. Und weil ein Teil von ihm, genau der Teil, vor dem Agatha ihn gewarnt hatte, auch hören wollte.

„Sag mir“, begann der Schütze, „hat man dir erzählt, woher sie kommen? Die leuchtenden Wesen. Ihr Pferd, sein Drache —“

Eine winzige Pause.

„— und dein Käfer.“

Daans Hände hielten mitten in der Bewegung inne.

„Sie sehen ihn.“

„Selbstverständlich sehe ich ihn.“

„Ihn sieht niemand.“ Daan hörte selbst, wie schrill seine Stimme wurde, und es war ihm gleich. „Zweihundert Menschen an meiner Schule laufen jeden Tag an mir vorbei —“

„Genug.“ Der Silberne klang beinahe milde. „Ich habe vierzehn Jahre damit verbracht, Bindungen zu finden. Ich schlafe in Hecken, weil ich darauf warte, dass irgendwo ein Kind an einem Tier hängt. Ich sehe eine Naht auf dreihundert Schritt, im Regen, im Dunkeln, durch drei Reihen Menschen.“

Er legte den Kopf schief.

„Es ist mein Handwerk. Es ist das einzige, was ich habe.“

Und Daan begriff mit einem kalten Ruck, dass er die ganze Zeit einem Mann gegenübersass, der ihn nicht nur sah — sondern der ihn studierte, wie ein Zimmermann ein Brett studiert, an dem er gleich die Säge ansetzt.

„Woher sie kommen“, sagte der Schütze noch einmal. „Weisst du es?“

„Aus dem Wald.“

„Der Wald ist eine Tür. Nichts weiter. Etwas geht hindurch. Von dort. Zu uns.“ Seine Stimme war ruhig, fast sanft. „Und hat dir jemand gesagt, was es kostet? Jedes Jahr, wenn ihr Kinder in den Wald schickt und jubelt, sobald eines gewählt wird — hat dir jemand gesagt, wer dafür bezahlt?“

Daan pflückte weiter. Seine Hände wurden langsamer.

„Nein“, sagte der Schütze. „Natürlich nicht. Niemand fragt, was der Wald sucht. Niemand fragt, woher die Wesen kommen. Man fragt nur das eine.“ Ein bitteres Lächeln lag in seiner Stimme. „Wirst du gewählt.“

Und Daan, mitten in der Bewegung, erstarrte. Denn das waren die Worte, die er sein Leben lang gehört hatte — und aus dem Mund dieses fremden, silbernen Mannes klangen sie plötzlich wie eine Anklage.

Er liess die Hände sinken.

„Dann sagen Sie es mir“, sagte er. „Wer bezahlt?“

Der Schütze antwortete nicht. Das Wasser lief.

„Sie stellen die Frage.“ Daans Stimme wurde lauter, als er wollte. „Mitten in der Nacht, mit einem Bogen in der Hand. Dann beantworten Sie sie auch. Wer bezahlt?

„Wenn ich es dir jetzt sage“, sagte der Schütze langsam, „hörst du nur Worte. Und du glaubst sie nicht. Du hältst sie für die Lüge eines Mannes, der eben noch auf deine Direktorin geschossen hat.“

„Das ist keine Antwort.“

„Nein.“ Der Schütze sagte es ganz ruhig. „Manche Wahrheiten kann man nicht sagen. Man kann sie nur zeigen. Und ausgerechnet du wirst sie sehen — früher, als dir lieb ist.“

„Sagen Sie es mir jetzt.“

„Deine Direktorin stirbt, während wir hier stehen.“

Und das war das Grausamste, was dieser Mann an diesem Abend getan hatte. Grausamer als der Pfeil. Er hielt Daan die Antwort hin wie ein Stück Brot — und nahm sie im selben Atemzug wieder fort.

„Agatha hat gesagt, ich soll Ihnen nicht zuhören“, sagte Daan leise.

„Natürlich hat sie das.“ Etwas ging durch die Stimme des Schützen, ein Riss, kaum hörbar. „Sie weiss ja, dass ich recht habe. Und das ist das Schlimmste, was man über einen Menschen sagen kann. Nicht, dass er lügt. Sondern dass er die Wahrheit sagt — und man trotzdem nicht hinhören darf.“

Daan hatte das Kraut beisammen. Genug, um Agatha zu retten. Er hätte längst rennen müssen.

Er blieb knien. Nur einen Atemzug zu lange.

„Wer sind Sie?“, fragte er.

Und zum ersten Mal bewegte sich der Silberne wirklich. Er sah nicht Daan an, sondern über ihn hinweg, in eine Ferne, die es zwischen den Bäumen nicht gab.

„Jemand, der auch einmal gewählt wurde“, sagte er. „Und der zu spät gelernt hat, was das bedeutet.“

Dann straffte er sich, und das Weiche war fort.

„Geh“, sagte der Schütze. „Ich habe das Gift gemischt. Ich weiss, wie lange sie noch hat.“

Eine Pause.

„Sie ist eine gute Frau. Auch wenn sie einer schlechten Sache dient.“ Er hob den Bogen. Nicht auf Daan. Zum Gruss, beinahe. „Wir sehen uns wieder, Junge, der sieht. Und wenn wir uns wiedersehen, wirst du gekommen sein, um mich zu suchen. Nicht ich dich.“

Daan stand auf, das Mondkraut fest in der Faust, das Herz voll mit etwas, das schwerer war als Angst.

Er rannte.

Er rannte durch die Dunkelheit zurück — zu Agatha, zum Feuer, zum Leben —, und mit jedem Schritt lief eine Frage neben ihm her, die er nicht abschütteln konnte, so schnell er auch war.

Wer bezahlt?