Was keiner sieht · Kapitel 8
Silber im Blut
Agatha log gut. Aber sie log nicht gut genug für jemanden, der neuerdings alles sah.
Sie gingen weiter, tiefer in den Wald, und Agatha sagte, es sei nichts.
Sie sagte es einmal, und Daan glaubte ihr fast. Sie sagte es ein zweites Mal, und er glaubte ihr nicht mehr. Beim dritten Mal sagte sie es zu einem Baum, weil sie den Weg nicht mehr ganz gerade vor sich sah.
Daan sah, was sie verbarg. Er sah es an den Schritten, die kürzer wurden. An der Hand, die einmal zitterte und sich dann mit Gewalt beruhigte. An dem feinen silbernen Netz, das sich von der Wunde her über ihre Wange zog, dünn wie Reif auf einem Fenster.
„Setzen Sie sich“, sagte er.
„Ich setze mich nicht.“
„Sie setzen sich, oder Sie fallen. Suchen Sie sich etwas aus.“
Sie setzte sich. Das allein sagte Daan mehr als alles andere.
„Es ist ein altes Gift“, sagte Agatha schliesslich. Ihre Stimme war noch fest, aber es kostete sie jetzt etwas, sie fest zu halten. „Silberzehr. Selten. Es frisst sich nicht durch das Fleisch. Es frisst sich durch die Kraft. Erst die Magie. Dann alles andere.“
„Und ein Gegenmittel?“
Sie schwieg so lange, dass Daan schon dachte, es gäbe keins.
„Ein Kraut“, sagte sie dann. „Mondkraut. Es wächst an einer einzigen Stelle in diesem Wald. Dort, wo ein alter Bach aus dem Fels tritt, unter einem Vorsprung, der nie die Sonne sieht.“ Sie schloss für einen Moment die Augen. „Eine Stunde von hier. Vielleicht weniger, wenn du schnell bist.“
„Dann hole ich es.“
„Nein.“
Es war das erste Mal, dass Daan Agatha etwas sagen hörte, das nicht wie ein Befehl klang, sondern wie Angst.
„Du bist ein Kind. Seit heute Abend erwählt. Du kennst diesen Wald nicht — und in diesem Wald ist heute Nacht etwas, das dich gesehen hat.“ Sie öffnete die Augen. „Ich gehe selbst.“
Sie versuchte aufzustehen.
Sie schaffte es bis zur Hälfte, dann liess das Bein sie im Stich, und Daan fing sie auf, ehe sie den Boden berührte. Sie war leichter, als er gedacht hatte. Menschen, die einem Angst machen, sind fast immer leichter, als man denkt.
„Sie schaffen keine hundert Schritte“, sagte er leise. Kein Witz. Er merkte selbst, dass diesmal keiner kam.
Agatha sah ihn an, von unten, und Daan sah, wie sehr sie das hasste. Nicht das Gift. Das Hilflossein.
„Ich weiss, dass er da draussen ist“, sagte Daan. „Der Silberne. Er hätte Sie töten können und hat es nicht getan — ich habe gesehen, wie seine Hand abgewichen ist. Aber er weiss jetzt, was ich kann. Er hat gesehen, dass ich den Pfeil kommen sah.“ Er sah in die Dunkelheit. „Und es gibt nur eine Stelle, an der das Kraut wächst. Er muss mich nicht suchen. Er muss nur dort stehen und warten.“
„Dann weisst du auch, dass du nicht gehen darfst.“
Er hatte den Pfeil kommen sehen und war zu spät gekommen.
Das hier konnte er.
„Ich weiss, dass Sie sterben, wenn ich es nicht tue.“
Darauf sagte Agatha nichts. Es war die Sorte Wahrheit, gegen die auch die stärkste Magierin des Reiches machtlos ist.
Er half ihr, sich an einen Stamm zu lehnen. Er sammelte trockenes Holz, so viel er in der Dunkelheit fand, und entzündete es — nicht mit Magie, er hatte keine, sondern mit dem Feuerstein aus Agathas Tasche und einer Geduld, die er gar nicht von sich kannte.
Als das Feuer brannte, hielt Agatha ihn am Ärmel fest. Ihr Griff war schwach. Ihre Augen nicht.
„Wenn du ihm begegnest“, sagte sie, „und du wirst ihm begegnen — dann hör nicht zu.“
„Warum nicht?“
„Weil er die Wahrheit sagt“, sagte Agatha. „Und weil seine Wahrheit tötet. Langsamer als jedes Gift. Aber gründlicher.“
Daan wartete, ob mehr kam. Ob sie sagen würde, woher sie das wusste. Woher sie ihn kannte — denn dass sie ihn kannte, das hatte Daan in ihrem Gesicht gelesen, in dem Augenblick, als die Blätter aufwirbelten und der Schütze verschwand.
Aber Agatha schloss die Augen und sagte nichts mehr.
Also nahm Daan sich einen brennenden Ast zur Fackel und den Käfer auf seiner Schulter, der nichts sagte und doch irgendwie bei ihm war, und ging in die Dunkelheit — in die Richtung, wo ein alter Bach aus dem Fels trat, unter einem Vorsprung, der nie die Sonne sah.
Dorthin, wo das Mondkraut wuchs.
Und wo, das wusste Daan so sicher, wie er je etwas gewusst hatte, ein Bogenschütze aus Silber auf ihn wartete.