Was keiner sieht · Kapitel 7

Der Weg zu Fuss

Es gab an der Schule zwei Lehrer, die Daan wirklich mochte.

Alexia, die auf einem Besen aus Eschenholz stand, als wäre er ein Teil ihrer Füsse, und die einmal einen ganzen Sturm zum Schweigen gebracht hatte, nur um in Ruhe ihren Tee zu trinken. Und Benjamin, der lachte wie ein Wasserfall und Feuer in den Händen drehte wie andere Leute eine Münze.

Wenn ihn also schon jemand durch den gefährlichsten Wald des Reiches begleiten musste, dann, so betete Daan zu allem, was gerade zuhören mochte, bitte einer von diesen beiden.

„Die Direktorin begleitet dich“, sagte der Obermagier.

Daan sah ihn an und wartete auf die Pointe. Es kam keine.

„Sie“, sagte Daan. „Agatha. Die Frau, die mich vor einer Stunde aus dem Kreis werfen wollte.“

„Sie ist eine der stärksten Magierinnen des Reiches“, sagte der alte Mann. „Bei ihr bist du sicher.“

„Bei ihr erfriere ich, bevor mich im Wald irgendwas frisst.“

Der Obermagier lächelte nur. Und Daan hatte zum zweiten Mal an diesem Tag das Gefühl, dass hinter diesem Lächeln eine Entscheidung stand, die längst gefallen war — lange, bevor irgendjemand gefragt hatte.

Sie brachen auf, als die Sonne rot zwischen den Stämmen hing.

Agatha ging voran, den Rücken gerade, den Blick überall. Sie sprach nicht. Daan, der Stille noch nie gut ertragen hatte, versuchte es dreimal.

„Schöner Abend.“ Nichts.

„Kommen Sie oft hierher?“ Nichts.

„Ich sammle übrigens Fakten über Sie. Bisher habe ich: geht schnell, redet wenig, hasst mich. Ein reichhaltiges Bild.“

Agatha blieb stehen. Für einen Moment dachte Daan, jetzt komme etwas — eine Strafe, ein Zauber, irgendetwas.

„Ich hasse dich nicht“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Ich habe nur keine Zeit für Jungen, die glauben, ein Witz sei dasselbe wie Mut.“

Dann ging sie weiter.

Daan blieb einen Schritt zurück. Merkwürdig. Es war das Unfreundlichste, was ihm an diesem Tag jemand gesagt hatte — und trotzdem klang es fast wie ein Kompliment, das sich verlaufen hatte.

Der Wald wurde dichter, und das letzte Licht ging.

Daan spürte den Käfer an seiner Schulter, ehe er irgendetwas sah. Ein Kribbeln. Kalt und fein. Er hatte es an diesem Tag schon einmal gespürt — kurz bevor die Welt langsam geworden war.

„Agatha —“

Der erste Pfeil kam aus dem Dunkeln.

Agatha hob die Hand, ohne hinzusehen, und der Pfeil zerbrach in der Luft, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand geflogen.

„Diebe“, sagte sie ruhig. „Der Wald ist voll von ihnen. Ihre Pfeile können mir nichts tun. Bleib hinter mir und rühr dich nicht.“

Ein zweiter Pfeil. Zerbrach. Ein dritter. Zerbrach.

Und Daan, der an diesem Tag gelernt hatte, dass er Dinge sah, die andere nicht sahen, sah etwas.

Die Pfeile kamen zu gleichmässig.

Einer. Pause. Einer. Pause. Einer. Immer derselbe Abstand, immer dieselbe Bahn, als zählte jemand im Dunkeln mit. Diebe schiessen aus Gier — ungleich, hastig, gierig. Das hier war kein Überfall.

Das hier war ein Takt.

Jemand brachte Agatha in einen Rhythmus. Hob die Hand, hob die Hand, hob die Hand — bis das Heben keine Entscheidung mehr war, sondern Gewohnheit.

„Agatha, das ist eine Fal—“

Und da kam er.

Nicht aus derselben Richtung. Von der Seite. Silbern, viel schneller als die anderen, viel schwerer. Ein Pfeil, der nicht zerbrechen würde.

Die Welt wurde langsam.

Honig. Wieder Honig. Daan sah den silbernen Schaft durch die Luft pflügen, sah, wie Agathas Hand noch oben war, in der falschen Richtung, im falschen Takt, sah, dass sie es nicht rechtzeitig kommen sehen würde, sah alles — und diesmal, diesmal war da ein winziges Stück mehr Körper als beim Pferd, ein halber Herzschlag, den seine Hand schon aufgeholt hatte, und er warf sich vor, nicht schön, nicht geschickt, einfach mit allem, was er hatte.

Er kam zu spät.

Und im selben Herzschlag sah er, weit hinten im Dunkeln, eine Hand, die nicht dorthin zeigte, wo der Pfeil hinflog.

Der silberne Pfeil, der Agathas Kehle gesucht hatte, riss ihr stattdessen die Wange auf und verschwand im Dunkeln.

Die Zeit kam zurück.

Und mit ihr alles, was in der Langsamkeit keinen Platz gehabt hatte: das Rauschen in den Ohren, die Knie, die ihm nicht mehr ganz gehörten, und der Gedanke sie wäre jetzt tot, der erst jetzt ankam und dann blieb.

Agatha stand ganz still. Eine Hand an der Wange, Blut zwischen den Fingern. Sie, die keine Sekunde zu spät kam, die alles vorher wusste, sah Daan an, als sähe sie ihn zum ersten Mal.

„Du hast —“ Sie brach ab.

„Ich weiss“, sagte Daan, ausser Atem. „Ich bin selbst überrascht.“

Sie drehten sich beide zugleich in die Richtung, aus der der silberne Pfeil gekommen war.

Und da stand jemand.

Zwischen den dunklen Bäumen, reglos, als hätte er alle Zeit der Welt. Ein Bogenschütze, ganz in Silber, den Bogen gesenkt — und er machte keine Anstalten zu fliehen. Er sah sie nur an. Vor allem sah er Daan an. Lange, aufmerksam, so, wie man etwas ansieht, das man nicht erwartet hat und das plötzlich alles verändert.

Und Daan dachte an den Mann aus grauem Stein, vor dem er an diesem Abend gestanden hatte. An die leeren Hände.

Dieser hier hatte einen Bogen.

Ein Windstoss fuhr durch den Wald und riss die welken Blätter hoch, eine ganze Wolke davon, zwischen sie und den Schützen.

Und als die Blätter wieder zu Boden sanken, war die Stelle zwischen den Bäumen leer.

„Wir gehen weiter“, sagte Agatha. Ihre Stimme war fest wie immer. „Sofort.“

Aber Daan sah — er sah ja jetzt so vieles —, wie sie die Hand einen Moment zu lange an der Wange hielt. Wie ihr Blick, nur für einen Lidschlag, die Schärfe verlor.

Und er fragte sich, warum ein Dieb, den es nicht gab, einen Pfeil aus reinem Silber verschoss.

Und warum der Schnitt an Agathas Wange nicht rot war, sondern an den Rändern schon leise silbern schimmerte.