Was keiner sieht · Kapitel 6

Unter vier Augen

Als die anderen zurückgetreten waren, blieb es still zwischen Daan und dem alten Mann. Nur der Wind ging durch das Gras.

Daan setzte sich auf. Die Schulter brannte. Er beschloss, sie zu ignorieren, so wie er das meiste ignorierte, was wehtat.

„Sie müssen nichts sagen“, fing er an. „Ich weiss schon. Es war ein dummer Streich. Das Pferd hasst mich — was ich verstehe, ich bin nicht sein Typ —, und Liv hasst mich jetzt vermutlich auch, und ich bin kein Erwählter, ich hatte nie vor, einer zu sein, und wenn Sie wollen, gehe ich einfach nach Hause und tue so, als wäre der ganze Tag nicht passiert.“

Er sagte es schnell. Man musste schnell sein, dann kam man dem Schmerz zuvor.

Der alte Mann hörte sich alles an. Dann sagte er:

„Du irrst dich. In beidem.“

„Das Pferd hasst dich nicht.“ Der Obermagier sah hinüber zu dem blauen Tier, das noch immer zitterte und von Liv beruhigt wurde. „Tiere hassen nicht. Sie fürchten sich. Und an dir hat etwas gezogen, das es nicht kannte. Etwas, das nicht in seine Welt gehört.“ Er lächelte. „Es hat nicht dich gemeint. Es hatte nur Angst. Das ist ein Unterschied, den zu lernen sich lohnt.“

Daan wusste nichts darauf zu sagen. Also sagte er nichts — was ihm selten genug passierte.

„Und der zweite Irrtum“, fuhr der alte Mann fort, „ist der grössere. Du sagst, du seist nicht erwählt.“ Er beugte sich vor. „Aber der Wald hat dich sehr wohl gewählt, Daan. Nur nicht mit dem, was du für dein Wesen hältst.“

„Das Glühwürmchen —“

„— ist ein Glühwürmchen“, sagte der Obermagier freundlich. „Es leuchtet, und das war ein guter Witz, und es wird heute Abend nach Hause fliegen und diese Geschichte keinem seiner Glühwürmchen-Freunde erzählen, weil Glühwürmchen sich nichts merken.“ Er hob die Hand. „Halt still.“

Und dann streckte er einen Finger aus, ganz langsam, zu Daans Schulter.

Daan drehte den Kopf.

Dort, wo die Wucht des Pferdes ihn nicht ganz zerbrochen hatte, dort, wo er seit Stunden ein winziges Gewicht getragen hatte, ohne es zu merken, sass ein Käfer.

Klein. Schwarz. Unscheinbar. So unscheinbar, dass Daan ihn selbst jetzt, da er ihn direkt ansah, beinahe wieder übersehen hätte.

„Das“, sagte der alte Mann, und seine Stimme war anders geworden, leiser, fast ehrfürchtig, „ist seit sehr langer Zeit das erste Mal, dass ich einen von diesen sehe.“

„Ein Käfer“, sagte Daan.

„Ein sehr seltener Käfer.“

„Der mich… erwählt hat.“

„Der dich erwählt hat.“ Der Obermagier zog den Finger zurück, ohne das Tier zu berühren, so wie man etwas nicht anfasst, das kostbar ist. „Die leuchtenden Wesen schenken ihren Erwählten nicht einfach Kraft, Daan. Sie verstärken, was schon da ist. Ein starkes Herz. Ein schnelles Blut.“

Er sah auf den Käfer hinunter, der als Einziges an diesem Tag kein Licht gab.

„Nur leuchtet dieser hier nicht. Nicht einmal ein Schimmer. Und er hat trotzdem gewählt — das habe ich in sechzig Jahren nicht gesehen.“

Er sah Daan an, sehr lange.

„Und was er verstärkt, ist das Sehen.“

„Ich sehe gut“, sagte Daan. „Ich habe noch nie eine Brille gebraucht.“

„Nicht die Augen.“ Der alte Mann tippte sich an die Schläfe. „Das Sehen. Weisst du, was die meisten Menschen tun, wenn sie etwas ansehen? Sie sehen es nicht. Sie sehen die Geschichte, die sie darüber gehört haben. Sie sehen eine strenge Frau und denken kalt. Sie sehen einen frechen Jungen und denken nichts dahinter. Sie sehen einen Käfer auf einer Schulter und —“ Er zuckte die Schultern. „— sehen ihn gar nicht, weil auf Schultern keine Käfer sein sollen.“

Er beugte sich vor.

„Menschen sehen, was sie erwarten, Daan. Ihr Leben lang. Es ist bequem, und es ist meistens genug.“ Seine Stimme wurde leiser. „Du kannst das nicht. Du hast es nie gekonnt. Du siehst das Ding selbst — die strenge Frau, die in Wahrheit Angst hat; den frechen Jungen, der in Wahrheit einsam ist; den Käfer, den es nicht geben dürfte. Du siehst, was ist, und nicht, was man dir erzählt hat. Und der Käfer macht das schärfer, als ein Mensch es ertragen sollte.“

Daan sass ganz still.

„Das klingt nicht nach einer Gabe“, sagte er.

„Nein“, sagte der Obermagier freundlich. „Das tut es nie.“

Und da fiel bei Daan alles auf einmal an seinen Platz.

Das Pferd. Der Schädel. Die Welt, die langsam geworden war wie Honig. Jeder Grashalm, jeder Faden Licht, gestochen scharf.

„In der Gefahr“, sagte Daan langsam. „Da wurde alles langsam. Ich habe alles gesehen.“

„Du hast die Zeit nicht angehalten“, sagte der Obermagier. „Und du hast sie auch nicht überholt, was immer du glaubst. In der Gefahr fällt nur die Geschichte weg. Die Angst, das ich sterbe gleich, das ganze Geplapper, das ein Mensch über einen Augenblick legt, während er ihn erlebt.“ Er machte eine kleine Bewegung mit der Hand. „Und wenn die Geschichte weg ist, bleibt der Augenblick selbst. Nackt. Jede Flugbahn, jeder Grashalm, das Ding, wie es wirklich ist. Es fühlt sich langsam an, weil nichts mehr dazwischen steht. In Wahrheit siehst du zum ersten Mal in normaler Geschwindigkeit — und alle anderen sind ihr Leben lang zu schnell.“

„Aber es hat nichts genützt“, sagte Daan, und die Bitterkeit rutschte ihm heraus, ehe der Witz sie überdecken konnte. „Ich habe den Stoss kommen sehen und konnte trotzdem nicht ausweichen.“

„Nein.“ Der alte Mann nickte, als hätte Daan etwas Kluges gesagt. „Und das ist der Preis. Dein Blick ist schon ein Meister. Dein Körper ist noch ein Lehrling. Du siehst die Gefahr — aber deine Hände, deine Füsse, sie holen erst auf. Noch.“ Er betonte das kleine Wort. „Das ist die Aufgabe eines ganzen Lebens, Daan: den Abstand zwischen dem, was du siehst, und dem, was du tust, kleiner werden zu lassen.“

Daan sass im Gras, die brennende Schulter vergessen, und merkte, dass ihm etwas Dummes passierte. Seine Augen brannten.

Er, den keiner wählte. Er, der hervorragende Zuschauer. Er war gewählt worden. Von etwas so Kleinem, dass es niemand sah — von etwas, das genauso übersehen wurde wie er selbst.

Er öffnete den Mund, um einen Witz zu machen. Um sich zu verstecken. Seine älteste Tür.

Diesmal kam kein Witz. Nur ein sehr leises: „Warum ich?“

Der alte Mann sah ihn lange an. Und für einen Moment war da nichts Doppeltes in seinem Blick, nichts Verborgenes — nur ein alter Mensch, der einem jungen die Wahrheit sagt.

„Weil manche Dinge nicht mit Kraft zu retten sind“, sagte er. „Nicht mit Feuer und nicht mit Grösse. Manche Dinge muss man erst sehen. Und die meisten Menschen, Daan, sehen nichts.“

Irgendwann — und Daan hätte nicht sagen können, wann genau — kehrte das Andere in die freundlichen Augen zurück. Die Aufmerksamkeit. Das Rechnende, Geduldige, das Daan noch nicht zu benennen wusste.

„Und deshalb“, sagte der Obermagier und richtete sich auf, „kommst du mit. Auf diese Mission. Ganz gleich, wie langsam dein Körper noch ist.“

„Aber ich kann nicht fliegen“, sagte Daan. „Kein Drache. Kein Pferd. Nur ein Käfer, der… was tut er eigentlich, ausser dass er dasitzt?“

„Er wartet“, sagte der alte Mann. „So wie du.“

„Und was sage ich den anderen?“ Daan sah auf das kleine schwarze Ding auf seiner Schulter hinunter. „Ich meine — ich gehe da jetzt raus und sage: Übrigens, das Glühwürmchen war ein Scherz, in Wahrheit hat mich ein Käfer erwählt, den ihr nicht sehen könnt?“

Der Obermagier lächelte.

„Versuch es“, sagte er. „Es wird dich sehr einsam machen.“

„Wie bitte?“

„Er versteckt sich nicht, Daan. Sieh ihn dir an — er sitzt mitten auf deiner Schulter, am helllichten Tag. Jeder Mensch in diesem Hof könnte ihn sehen.“ Der alte Mann zuckte die Schultern. „Sie werden es nicht tun. Menschen sehen, was sie erwarten. Und ein Erwählter mit einem Käfer ist nichts, was irgendjemand erwartet.“

Er wandte sich zum Gehen.

„Du kannst es ihnen sagen. Sie werden dir ins Gesicht sehen, während du redest, und dann auf deine Schulter, und dann werden sie nichts sehen, und dann werden sie denken, dass der freche Junge mit dem Glühwürmchen sich jetzt auch noch ein unsichtbares Wesen ausgedacht hat.“

Er blieb stehen.

„Sag es denen, die hinsehen. Es werden nicht viele sein.“

Er sah zum Himmel, wo die Sonne schon tief stand.

„Liv und Richard fliegen voraus. Sie werden bei der Prinzessin sein, ehe der Mond aufgeht.“ Er lächelte, und diesmal lag etwas darin, das Daan nicht gefiel, obwohl er nicht hätte sagen können, warum. „Du nimmst den anderen Weg. Durch den Wald. Zu Fuss.“

„Allein?“

„Nicht allein.“ Der Obermagier wandte sich schon zum Gehen. „Ich habe jemanden für dich ausgesucht.“

Und etwas an der Art, wie er es sagte, liess Daan ahnen, dass ihm diese Wahl nicht gefallen würde.