Was keiner sieht · Kapitel 5

Das Pferd

Aus der Nähe war das Pferd noch schöner. Und noch grösser.

Sein Licht war nicht kalt, wie Daan gedacht hatte. Es war warm — ein tiefes, ruhiges Blau, das über seine Haut strich wie Sommerwasser. Aus der Nähe verstand Daan zum ersten Mal, warum Liv geweint hatte.

Er ging langsam. Eine Hand vor sich, offen, so wie man einem Tier zeigt, dass man nichts Böses will.

Das Pferd sah ihn an.

Es sah ihn wirklich an — neugierig, den Kopf ein wenig geneigt, als wäre Daan das Merkwürdigste, was ihm an diesem Tag begegnet war. Für einen Augenblick dachte Daan: Vielleicht. Vielleicht mag es mich. Vielleicht ist das der Moment, in dem sich alles dreht.

Dann stutzte es.

Daan sah, wie sich etwas in dem grossen dunklen Auge veränderte. Aus Neugier wurde Unruhe. Aus Unruhe wurde Angst.

Das Pferd spürte etwas an ihm, das es nicht kannte, etwas, das nicht hierhergehörte.

Etwas, das zog.

Und Tiere, die sich fürchten, kennen nur eine Antwort.

Es warf den Kopf hoch.

Und in dem Bruchteil, in dem der schwere, leuchtende Schädel auf ihn zuschnellte, geschah das, was Daan sein Leben lang nicht würde erklären können: Die Welt wurde langsam — nicht ein wenig, sondern ganz und gar, als hätte jemand die Zeit in Honig gelegt —, und Daan sah jede Einzelheit, das Beben der Nüstern, den einzelnen Grashalm, der sich unter dem Huf bog, das blaue Licht, das in Fäden von der Mähne tropfte, und den Schädel, der auf ihn zukam, langsam, unendlich langsam, jeden Zentimeter deutlich, und er dachte mit einer seltsamen, kalten Klarheit: Weg. Dreh dich weg. Jetzt.

Sein Körper hörte ihn.

Aber der Körper war langsam.

So schrecklich viel langsamer als der Blick. Daan schrie ihn innerlich an, sich zu drehen, sich zu ducken, irgendetwas — und der Körper kam nur halb hinterher, wie ein Schläfer, den man aus dem tiefsten Traum reisst.

Es reichte nicht, um auszuweichen.

Es reichte gerade, um das Schlimmste zu drehen.

Der Schädel traf ihn nicht dort, wo er ihn zerbrochen hätte. Er traf die Schulter, die sich in letzter, viel zu später Sekunde dazwischengeschoben hatte.

Dann kehrte die Zeit zurück. Alles auf einmal.

Der Aufprall. Der Himmel, der kippte. Das Gras, das ihm entgegenflog.

Daan sah sich selbst auf den Boden krachen, als sähe er einem anderen zu — und dann war einen Augenblick lang alles schwarz.

Und still.

Es war nicht unangenehm, das Schwarze. Es war das Ruhigste, was er den ganzen Tag gehabt hatte.

Dann kam die Welt zurück, Stück für Stück.

Ein Grashalm an seiner Wange. Der Geruch von Erde. Stimmen, weit weg, dann näher.

Er öffnete die Augen.

Agatha kniete neben ihm. Ausgerechnet Agatha, deren Gesicht sonst so streng war und die ihn jetzt ansah, als wäre sie erschrocken — richtig erschrocken, so, wie man nur um etwas erschrickt, das einem nicht ganz gleichgültig ist. Richard war da, gross und bleich, die Hand schon ausgestreckt, um ihn hochzuziehen.

Und weiter hinten, ein Stück abseits, stand Liv.

Sie war ganz weiss. Sie sah ihn an, die Hand vor dem Mund, und in ihren Augen war etwas, das Daan dort noch nie für ihn gesehen hatte. Angst. Angst um ihn.

Es war fast den Schädel wert gewesen.

„Lebst du noch?“, fragte Richard.

„Sag du's mir“, krächzte Daan. „Wie sehe ich aus?“

„Furchtbar.“

„Dann lebe ich.“

Liv war nicht näher gekommen.

Agatha kniete neben ihm, Richard beugte sich über ihn, und Liv stand vier Schritte weiter und blieb dort stehen, und Daan bemerkte es nicht.

Er hatte nie etwas anderes gekannt.

Und da legte sich eine Hand auf Daans Schulter. Leicht. Warm. Er musste nicht hinsehen, um zu wissen, wem sie gehörte.

„Lasst uns bitte einen Moment allein“, sagte der alte Mann. Er sagte es freundlich. Er sagte alles freundlich. Und trotzdem standen Agatha und Richard auf und traten zurück, ohne zu fragen — so, wie man vor etwas zurücktritt, das grösser ist als man selbst.

Der Obermagier sah Daan an, mit seinen freundlichen Augen, in denen für einen Moment das Freundliche zur Seite getreten war und etwas anderes daruntergelegen hatte. Aufmerksamkeit. Uralte, geduldige Aufmerksamkeit.

„So“, sagte er leise. „Jetzt, mein Junge, reden wir beide.“