Was keiner sieht · Kapitel 4
Die Botschaft
Das Unglück klopfte nicht an. Es kam mitten hinein, so wie es immer kommt.
Ein Bote.
Er kam über die Wiese geritten, auf einem Pferd, das mehr Schaum war als Pferd, und er ritt, als wäre hinter ihm etwas, das man besser nicht ansieht. Noch ehe er den Kreis erreichte, rief er schon.
„Ein Wort mit dem Obersten Magier! Sofort! Im Namen von Prinzessin —“
Der Rest ging im Hufschlag unter.
Der alte Mann drehte sich nicht hastig um. Er drehte sich so um, wie sich jemand umdreht, der eine schlechte Nachricht seit Langem erwartet und nur nicht wusste, an welchem Tag sie kommen würde.
Der Bote fiel mehr vom Pferd, als dass er abstieg. Er drückte dem alten Mann etwas in die Hand — ein Tuch, einen Brief, Daan war zu weit weg, um es zu erkennen. Er sah nur, wie der Obermagier es öffnete, wie seine freundlichen Augen darüberliefen, und wie das Freundliche für einen Moment daraus verschwand.
Nur für einen Moment. Aber Daan sah es. Daan sah neuerdings vieles.
„Die Tochter des Königs“, sagte der alte Mann, und seine leise Stimme trug über den ganzen Platz, „ist in Gefahr. Man bittet uns um Erwählte. Heute noch. Niemand weiss, wie lange sie hat.“
Ein Raunen ging durch die Anwärter.
Agatha trat neben ihn. „Wir schicken die drei Stärksten. Ich stelle sie zusammen und —“
„Die drei Jüngsten“, sagte der Obermagier freundlich. „Die von heute.“
Agatha sah ihn an. „Das sind Kinder. Seit einer Stunde erwählt.“
„Der Wald hat sie erwählt“, sagte der alte Mann, „nicht ich. Und der Wald irrt selten.“ Er lächelte. „Ausserdem sind es die Einzigen, die es rechtzeitig schaffen.“
Und da lag das Problem, das alle gleichzeitig verstanden und niemand aussprach.
Rechtzeitig schaffte es nur, wer flog oder ritt.
Liv hatte ein Pferd, schnell wie ein blauer Gedanke. Richard hatte einen Drachen. Und Daan —
Daan hatte ein Glühwürmchen. Und einen Käfer, von dem er nichts wusste. Keins von beiden würde ihn irgendwohin tragen, ausser vielleicht zum nächsten Blatt.
„Kein Problem“, sagte Daan, ehe sein Verstand seinem Mund Einhalt gebieten konnte. „Ich reite bei Liv mit.“
Es rutschte ihm heraus, und in dem Bruchteil, in dem es draussen war, wusste er auch schon, warum. Nicht wegen der Mission. Wegen der Vorstellung, einen ganzen Ritt lang neben ihr zu sitzen, den Wald vorbeifliegen zu sehen, für einmal nicht der am Rand zu sein.
Liv drehte den Kopf.
Der Blick, mit dem sie ihn ansah, hätte das blaue Pferd frieren lassen. Als hätte er angeboten, ihr funkelnagelneues, heiliges, eben erst geschenktes Wunder mit schmutzigen Stiefeln zu betreten.
„Auf keinen Fall“, sagte sie.
Sie sagte es zu schnell. Und ihre Hand ging in die Mähne, als müsste sie nachsehen, ob das Pferd noch ihr gehörte.
Aber Daan hatte lange Übung darin, das Lachen früher zu haben als den Schmerz.
„War nur ein Angebot“, sagte er und hob die Hände. „Manche Leute mögen Gesellschaft.“
Richard lachte. Es war das gute, breite Lachen eines Jungen, dem das Leben nie etwas verweigert hatte und der deshalb grosszügig sein konnte, ohne es zu merken. Er nahm an, einem wie Daan mache das Danebenstehen nichts aus — dass so einer gar nicht gewählt werden wollte.
„Bei mir ist Platz“, sagte er und klopfte seinem Drachen an die Flanke. „Für zwei allemal. Halt dich fest und beschwer dich nicht über den Wind.“
Und Daan mochte ihn in diesem Augenblick so sehr, dass es die Sache mit Liv aufwog.
Fast.
Aber die Lehrer schüttelten die Köpfe.
So etwas hatte es noch nie gegeben. Ein Nicht-Erwählter auf dem Wesen eines Erwählten — niemand wusste, wie die Tiere darauf reagierten. Die leuchtenden Wesen des Waldes waren sanft zu denen, die sie gewählt hatten. Zu allen anderen waren sie eine Frage ohne Antwort.
„Wir versuchen es vorsichtig“, sagte Agatha schliesslich, und man hörte, dass ihr die ganze Angelegenheit zutiefst zuwider war. „Am ruhigsten der Tiere.“
Alle sahen zum blauen Pferd.
„Tritt näher“, sagte Agatha. „Langsam. Wir sehen, ob es dich duldet.“
Und Daan, der an diesem Tag schon tiefer in den Wald gegangen war, als klug gewesen wäre, tat die zweite Dummheit des Tages.
Er ging auf das leuchtende Pferd zu.