Was keiner sieht · Kapitel 3

Der Kreis

Als Daan hinter der Schule aus dem Wald trat, standen die anderen schon im Licht.

Es waren nicht viele. Es waren nie viele. In diesem Jahr sechs — und jeder von ihnen stand neben einem Wesen, das leuchtete, als hätte jemand ein Stück Himmel heruntergeholt und an eine Leine gelegt.

In der Mitte der Lichtung stand er, wie seit tausend Jahren: ein Mann aus grauem Stein, lebensgross, mit leeren Händen. Neben ihm ein Luchs, den Kopf gehoben, als hätte er eben etwas gehört.

Der erste Silberne.

Die vier Reiche hatten ihn gemeinsam aufgestellt, damals, als der Vertrag geschlossen wurde — nicht für einen Mann, sondern für ein Amt. Es gab Lieder darüber, wie der Erste allein einem Heer entgegengegangen war, ohne etwas in den Händen, und die Kinder stritten sich, ob es tausend gewesen seien oder viertausend, und keines von ihnen zweifelte daran, dass es geschehen war.

Wer in den inneren Kreis trat, trat vor ihn.

Liv stand bei ihrem blauen Pferd, die Hand in seiner Mähne, als traute sie dem Glück noch nicht ganz. Richard bei seinem Drachen, rot wie ein Sonnenuntergang, der beschlossen hatte, nicht unterzugehen.

Und beide leuchteten.

Nicht stark. Es war kein Licht, bei dem man lesen konnte. Es lag auf ihrer Haut wie der letzte Rest Abend auf einer Wand — bei Liv ein tiefes Blau, bei Richard ein warmes Rot —, und man wollte hinsehen, auch wenn man sich vorgenommen hatte, es nicht zu tun.

So sah man, wer erwählt war. Man musste keine Listen führen.

Liv sah nicht auf die anderen. Sie sah hinauf zu dem Stein.

Daan stand nah genug, um zu hören, was sie zu ihrem Pferd sagte, und es war nicht für ihn bestimmt.

„Ich werde die Erste“, sagte sie. „Die erste Silberne.“

Das Pferd schnaubte. Es klang nicht wie Widerspruch.

Und dann kam Daan. Mit einem Glühwürmchen.

Er sah einen Augenblick zu lange zu dem roten Drachen hinüber. Dann blickte er wieder auf sein Glühwürmchen.

Die Anwärter, die nicht gewählt worden waren, standen am Rand, in einem grösseren, stilleren Ring. Daan kannte diesen Ring gut. Er hatte drei Jahre darin gestanden. Man lernte dort vor allem eines: das Gesicht ruhig zu halten.

Ganz hinten, wo der Ring am dünnsten war, stand ein kleines Mädchen und sah auf seine Schuhe.

Daan sah es. Er sah immer alles.

Dann rief Agatha die Namen, und er dachte an nichts anderes mehr.

In der Mitte wartete die Direktorin.

Agatha war keine Frau, die man zweimal ansehen musste, um zu wissen, dass man ihr besser nicht in die Quere kam. Sie war streng wie ein Wintermorgen — und ungefähr so warm.

Und neben ihr stand jemand, den Daan noch nie gesehen hatte.

Ein alter Mann. Nichts an ihm war laut. Kein Stab, kein Umhang aus Sternen, nichts von dem Prunk, den Daan sich unter dem obersten Magier des Reiches immer ausgemalt hatte. Nur ein alter Mann mit freundlichen Augen, der dastand, als hätte er alle Zeit der Welt — und als wäre er gleichzeitig an einem sehr wichtigen Ort.

Das war das Unangenehmste an ihm. Dass man das Gefühl hatte, er sähe einen. Nicht das Gesicht. Einen.

„Die Erwählten treten in den inneren Kreis“, sagte Agatha. „Mit ihren Wesen.“

Liv trat vor. Richard. Die anderen.

Und Daan.

Er trat in den Kreis, das Glühwürmchen behutsam vor sich hertragend wie eine Kerze, mit einem Gesicht so ernst, dass es fast schon wieder komisch war.

Einen Moment lang sagte niemand ein Wort.

Und einen Moment lang trat auch niemand näher.

Daan bemerkte es nicht. Er hatte es sein Leben lang nicht bemerkt, weil es immer so gewesen war: dass um ihn herum ein wenig mehr Platz blieb, als nötig gewesen wäre.

Darauf sah Daan, wie Agatha die Farbe wechselte.

„Was“, sagte sie, sehr leise, „glaubst du, tust du da?“

„Ich reihe mich ein“, sagte Daan. „Bei den Erwählten.“

„Du bist kein Erwählter.“

„Bei allem Respekt.“ Er hob die hohle Hand ein wenig. „Das hier leuchtet.“

Irgendwo im äusseren Ring lachte jemand und verschluckte es sofort.

Agathas Stimme wurde noch leiser — was, wie jeder an der Schule wusste, das Gefährlichste war, was sie tun konnte. „Du machst dich lustig. Über die älteste Zeremonie des Reiches. Am Tag der Auswahl. Vor diesen Augen.“ Sie warf einen kurzen Blick auf den alten Mann. „Verlass den Kreis, Daan. Sofort. Du gehörst nicht hierher.“

Und da war er wieder. Der alte Satz. Der, den Daan sich schon so oft selbst gesagt hatte, damit ihn kein anderer sagen musste.

Diesmal hatte ihn ein anderer gesagt.

Es tat mehr weh, als er erwartet hatte.

Daan öffnete den Mund für eine freche Antwort — seine älteste Tür — und fand sie zum ersten Mal verschlossen.

Und dann lachte der alte Mann.

Es war kein spöttisches Lachen. Es war warm und tief und ehrlich überrascht — das Lachen eines Menschen, der etwas Schönes gesehen hat, wo er nichts erwartet hatte. Der ganze Platz schien sich ein wenig zu entspannen.

„Aber Agatha“, sagte er, und seine Stimme war leise, und trotzdem hörte man jedes Wort. „Der Junge hat recht.“

Agatha starrte ihn an. „Er hat —“

„Das Gesetz sagt: erwählt ist, wen ein leuchtendes Wesen des Waldes annimmt.“ Der alte Mann betrachtete das grüne Pünktchen in Daans Hand, und sein Mundwinkel zuckte. „Nun. Es leuchtet. Es ist aus dem Wald. Und es sitzt ausgesprochen freiwillig auf seiner Hand.“ Er breitete die Arme aus, als wäre die Sache damit erledigt. „Nach dem Buchstaben deines eigenen Gesetzes, meine Liebe, steht dieser Junge genau dort, wo er hingehört.“

Agatha sah aus, als hätte sie in eine Zitrone gebissen, die ihr obendrein noch widersprach.

Und während alle auf das Glühwürmchen sahen, sah der alte Mann etwas anderes an.

Nur einen Augenblick. Nur einen Wimpernschlag lang wanderte sein Blick von der leuchtenden Hand hinauf zu Daans Schulter — zu dem kleinen, dunklen, unscheinbaren Ding, das dort sass und das ausser ihm niemand bemerkte.

Etwas ging über sein Gesicht. Es war keine Überraschung. Es war eher das Gegenteil.

Dann lächelte er wieder, warm wie zuvor, und sagte kein Wort.

Zum ersten Mal in seinem Leben stand Daan im inneren Kreis.

Er hätte glücklich sein müssen.

Er verstand nicht, warum ihm mit einem Mal so kalt war.