Was keiner sieht · Kapitel 2

Das Glühwürmchen

Je tiefer Daan ging, desto weniger Wald war der Wald.

Das Licht, das zwischen den Bäumen gehangen hatte wie Goldstaub, wurde dünner. Dann grau. Dann war da nur noch das gewöhnliche Zwielicht eines gewöhnlichen Waldes — und Daan merkte, dass er zum ersten Mal an diesem Tag allein war.

Es gefiel ihm besser, als er zugeben wollte.

Hier musste er niemandem zusehen, wie er gewählt wurde. Hier gab es niemanden, für den er sich freuen und zugleich etwas Leises in der Brust tragen musste. Hier gab es nur Bäume. Und Bäume erwarteten nichts von einem.

„Also gut“, sagte er zum Wald. „Wo versteckt ihr die kleinen Lichter?“

Der Plan war albern. Daan wusste, dass der Plan albern war. Das war der beste Teil daran.

Wenn er schon nicht gewählt wurde — und er würde nicht gewählt werden, das stand so fest wie der Sonnenaufgang —, dann wollte er wenigstens der Junge sein, der mit todernstem Gesicht in den Kreis trat, irgendetwas Leuchtendes in den Händen, und der Direktorin erklärte, auch er sei erwählt worden. Von einer Mücke vielleicht. Oder einem Pilz.

Er stellte sich Agathas Gesicht vor und musste grinsen.

Man lachte besser, bevor die anderen es taten. Das war eine weitere Zauberei, die Daan beherrschte. Wenn der Witz von einem selbst kam, tat er nicht weh.

Er fand es tief unten, wo der Boden feucht war, auf der Unterseite eines Blattes.

Ein Glühwürmchen. Winzig. Es leuchtete kaum — ein müdes grünes Pünktchen, das aussah, als schäme es sich ein wenig dafür, überhaupt zu leuchten.

„Perfekt“, flüsterte Daan. „Du und ich. Wir sind uns ähnlich.“

Er hielt ihm die Hand hin, und das Glühwürmchen kroch hinauf, ahnungslos, dass es soeben eine Rolle in der grössten Frechheit des Jahres übernommen hatte.

Und in diesem Augenblick — Daan bemerkte es nicht, wie hätte er auch — wurde der Wald für einen Herzschlag ganz still.

Kein Vogel. Kein Blatt. Als hielte etwas den Atem an.

Etwas Kleines liess sich auf Daans Schulter nieder. Ein Käfer, schwarz und kaum grösser als ein Regentropfen, ganz und gar unscheinbar. Daan spürte ihn nicht. Er sah auf das grüne Pünktchen in seiner Hand und dachte an das Gesicht der Direktorin, und der kleine Käfer sass da und rührte sich nicht und wartete, wie Dinge warten, die alle Zeit der Welt haben.

Dann atmete der Wald wieder. Ein Vogel. Ein Blatt. Der gewöhnliche Abend.

In der Ferne läutete die Glocke.

Die Zeit war um.

Daan stand auf, das Glühwürmchen behutsam in der hohlen Hand, und ging dem Licht entgegen, das langsam wieder dichter wurde.

Er hatte kein magisches Wesen, dachte er. Er hatte ein Glühwürmchen, einen guten Witz und nichts zu verlieren.

In allen drei Punkten irrte er sich.