Was keiner sieht · Kapitel 1

Die Auswahl

Daan hatte einen Plan für diesen Tag, und der Plan hiess: nichts erwarten.

Man kann nicht enttäuscht werden, wenn man nichts erwartet. Das war die einzige Zauberei, die Daan wirklich beherrschte — und er war ziemlich gut darin.

Der Wald empfing die Anwärter wie jedes Jahr. Mit Licht.

Es hing zwischen den Bäumen wie Staub aus Gold. Es sammelte sich in den Lichtungen. Es zog an einem vorbei, wenn man still genug stand, und manchmal, wenn jemand ganz viel Glück hatte, blieb etwas stehen und sah ihn an.

Bei Daan war noch nie etwas stehen geblieben.

Er sah, wie es bei den anderen geschah. Man erkannte es immer zuerst am Gesicht.

Und er sah noch etwas, das keiner sonst ansah, weil alle nur auf das Licht schauten. Am Rand der Lichtung sass ein kleines Mädchen, viel zu jung für den Kreis, das niemandem gehörte und das niemand beachtete, und in ihren hohlen Händen lag ein Rest von dem goldenen Staub, ganz schwach.

Sie hätte die Finger schliessen können.

Stattdessen öffnete sie die Hände und liess ihn ziehen, und sah ihm nach, bis nichts mehr da war, und lächelte.

Daan verstand nicht, warum jemand so etwas tat.

Bei Liv geschah es an einem Bach.

Sie stand am Wasser, und aus dem Wald trat ein Pferd, dessen Licht so blau war, dass der ganze Bach zu brennen schien. Es kam auf sie zu, langsam, als hätte es sie lange gesucht. Es senkte den Kopf. Und Liv, die sich zweimal umsah, ob wirklich sie gemeint war, legte die Stirn an seinen Hals und weinte, so wie man weint, wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein.

Daan freute sich für sie. Wirklich.

„Na also“, sagte er zu niemandem. „Wenn schon jemand, dann sie.“

Denn so war die Welt eingerichtet, fand Daan. Die Schönen bekamen das Licht. Die Starken bekamen das Licht. Und die, die den Lehrern freche Antworten gaben und die anderen zum Lachen brachten, damit keiner merkte, wie still es in ihnen drinnen war — die bekamen einen guten Platz zum Zuschauen.

Er war ein hervorragender Zuschauer.

Bald würde die Glocke läuten. Dann würde man zusammentreten, die Gewählten würden mit ihren leuchtenden Wesen in den Kreis treten, und Daan würde danebenstehen, so wie er immer danebenstand.

Er hätte einfach warten können.

Stattdessen — und er hätte nicht sagen können, warum, ausser dass ein Tag, an dem man ohnehin nichts zu verlieren hat, der beste Tag für eine Dummheit ist — drehte er sich um und ging tiefer in den Wald hinein.

Dorthin, wo das Licht dünner wurde.

Um sich selbst etwas zu suchen, das leuchtete.