Was keiner sieht · Kapitel 15

Die Rechnung

Sie feierten nicht.

Das war das Merkwürdigste an diesem Reich: Ihre Prinzessin lebte, sie stand auf eigenen Beinen, sie ass und schlief und atmete — und niemand feierte.

Man war höflich. Man war dankbar. Man wusste nur nicht, wohin mit ihr. Vor einer Woche war sie eine Erwählte gewesen, ein Zeichen, ein Stolz. Jetzt war sie ein Mädchen. Und die Leute sahen sie an, wie man jemanden ansieht, der von einer sehr langen Reise zurückkommt und dabei etwas verloren hat, worüber man nicht spricht.

Elin brachte sie selbst zum Tor.

„Danke“, sagte sie zu Daan.

„Das haben schon einmal Leute zu mir gesagt“, sagte Daan. „Es endet selten gut.“

Sie lächelte nicht. Aber sie legte ihm kurz die Hand auf den Arm, und ihre Hand war warm und gewöhnlich und ganz und gar lebendig.

„Wenn du je jemandem dasselbe sagen musst“, sagte sie, „dann sag es früher. Ich hätte gern mehr Zeit gehabt, um mich davon zu verabschieden.“

Daan nickte.

Er sah nicht zu Liv hinüber. Er musste nicht. Er spürte, wie sie hinter ihm stand und nicht atmete.

Sie flogen und ritten und gingen zwei Tage zurück, und Richard redete die ganze Zeit.

„Ich sage euch, das war es!“, rief er vom Rücken seines Drachen herunter, während Daan und Agatha unten am Waldrand entlanggingen. „Erste Mission! Prinzessin gerettet! Man wird Lieder darüber schreiben. Schlechte Lieder, aber immerhin.“

„Richard —“

„Und weisst du, was das Beste ist?“ Er beugte sich so weit herunter, dass sein Drache empört schnaubte. „Ich habe überhaupt nichts getan. Gar nichts! Der beste Held ist der, der auftaucht und dann zusieht, wie ein Junge ganz ohne Wesen die Arbeit macht.“

Er lachte über seinen eigenen Witz, laut und breit und ohne jede Bosheit, und Daan sah zu ihm hinauf und dachte: Er weiss es nicht.

Er weiss nicht, dass der Drache, auf dem er sitzt, ihn eines Tages umbringen wird. Er weiss nicht, dass es das Freundlichste wäre, ihn zu verlassen. Er weiss gar nichts, und er ist der glücklichste Mensch im Umkreis von hundert Meilen.

„Richard“, sagte Daan noch einmal. „Ich muss dir etwas —“

Eine Hand schloss sich um sein Handgelenk.

„Nicht“, sagte sie.

Sie sagte es sehr leise. Ihr Griff war fest.

„Liv, er hat ein Recht —“

„Und dann?“ Ihre Augen waren trocken und hart. „Dann weiss er es. Und dann tut er es vielleicht. Er ist genau der Mensch, der es tun würde, Daan — der lacht und seinem Drachen auf die Nase klopft und ihn ziehen lässt und am Abend wieder Witze macht.“ Ihre Stimme zitterte ein einziges Mal. „Und dann bin ich die Einzige, die es nicht kann.“

Da war es.

Daan sah sie an, und sie liess seinen Arm los und wandte sich ab und tat, als müsste sie am Sattel etwas richten, das nicht falsch war.

„Liv.“ Er ging ihr nach. „Über dein Pferd. Als ich es angesehen habe — ich muss dir sagen, dass ich —“

„Nein.“

„Ich habe nicht —“

Nein, Daan.“

Sie drehte sich um. Und ihr Gesicht war ganz ruhig, und in ihren Augen stand genau das, was in Agathas Augen gestanden hatte, in einem Zimmer voller nutzloser Kräuter.

Sag es nicht.

Und Daan, der sich eine Stunde vorher geschworen hatte, nie wieder zu schweigen, schwieg.

So wurden sie zu zweit.

Die Schule empfing sie mit Glocken, und es war lächerlich, und Daan hasste jeden einzelnen Ton.

Die Anwärter standen am Rand des Hofes und starrten — dieselben, in deren stillem, äusserem Ring er drei Jahre lang gestanden hatte. Jetzt starrten sie ihn an. Den Jungen, der eine Prinzessin gerettet hatte.

Er hatte sich das ungefähr tausendmal vorgestellt.

Er hatte es sich schöner vorgestellt.

Der Obermagier wartete auf den Stufen.

Er lächelte, als sie kamen. Er lächelte immer. Und er sah Daan an, und Daan brauchte keine Gabe, um zu wissen, dass dieser alte Mann bereits alles wusste — jede Einzelheit, den Hirsch, das Fenster, die offenen Hände auf dem Steinboden.

Und Daan wusste, dass er auch die Lüge wusste.

„Sie lebt“, sagte der Obermagier.

„Sie ist leer“, sagte Daan.

Es kam heraus wie eine Anklage. Er hatte es nicht so gemeint. Doch, er hatte.

Der Obermagier nickte langsam, als wäre das eine sehr vernünftige Bemerkung.

„Ja“, sagte er. „Sie ist leer. Und sie ist am Leben.“ Er legte Daan die Hand auf die Schulter, dorthin, wo der Käfer sass, und sein Griff war leicht und warm und vollkommen ruhig. „Das ist die Rechnung, mein Junge. Sie geht nicht schön auf. Sie geht nur auf.“

„Und wenn ich sie nicht mag, Ihre Rechnung?“

„Dann bist du ein Mensch mit einem Gewissen“, sagte der Obermagier freundlich, „und ich beneide dich. Ich hatte auch einmal eines.“

Er sagte es ohne jede Bitterkeit. Das war das Schlimme daran.

Daan machte einen Schritt zurück, weg von der Hand auf seiner Schulter.

„Sie haben gewusst, was wir finden würden“, sagte er. „Sie haben uns hingeschickt. Sie haben mich hingeschickt. Damit ich es sehe.“

„Ja.“

Kein Zögern. Kein Ausweichen. Nur: ja.

Und irgendetwas an dieser Ehrlichkeit war schlimmer als jede Lüge, die man Daan an diesem Tag erzählt hatte — und man hatte ihm einige erzählt, und eine davon hatte er selbst gesagt.

„Warum?“, fragte er.

Der Obermagier sah eine Weile über den Hof, über die Anwärter, über die leuchtenden Wesen, die zwischen ihnen standen wie ein Wald aus Fackeln.

„Weil du es glauben musstest“, sagte er. „Und man glaubt nichts, was man nicht gesehen hat.“

Dann, ganz beiläufig, während er sich schon zum Gehen wandte:

„Die Prinzessin war übrigens nicht die Erste, die ihr Wesen gehen liess.“

Daan stand ganz still.

„In diesem Jahr“, sagte der Obermagier, „war sie die Dritte.“