Was keiner sieht · Kapitel 16

Der Fluss steht still

„Ein Bach“, sagte Liv.

„Ein Bach“, bestätigte Agatha.

„Wir haben eine Prinzessin gerettet.“

„Und jetzt rettet ihr einen Bach.“

Liv stand mitten im Hof, und Daan hätte für dieses Gesicht sein halbes Leben gegeben. Sie war fassungslos. Sie war so fassungslos, dass sie ganz vergass, schön zu sein, und stattdessen aussah wie ein sehr empörtes Kind.

„Wir sind Beschützer des Reiches“, sagte sie.

„Und das Reich“, sagte Agatha, „besteht zu einem beträchtlichen Teil aus Bächen.“

„Ich liebe Dörfer“, sagte Richard.

Alle drehten sich zu ihm um.

„Was denn?“ Er zuckte die Schultern. „Dörfer geben einem Kuchen. Das machen Prinzessinnen nie. Prinzessinnen liegen im Bett und sind dramatisch. Dörfer geben einem Kuchen und nennen einen junger Herr.“

„Du bist ein Idiot“, sagte Liv.

„Ich bin ein Idiot mit Kuchen.“

Und Liv lachte.

Es rutschte ihr heraus, gegen ihren Willen, ein kurzes helles Lachen, und dann sah sie zu Daan hinüber, um zu sehen, ob er es gehört hatte, und lächelte ihn an.

Sie lächelte ihn seit neun Tagen an.

Seit er ihr gesagt hatte, dass ihrem Pferd nichts fehlt.

Daan lächelte zurück.

„Ihr geht nicht allein“, sagte Agatha. „Alexia begleitet euch.“

Und da lief Daan zum ersten Mal seit Tagen etwas Warmes über den Rücken, das nicht wehtat.

Alexia lehnte an der Stalltür, wo sie vermutlich schon die ganze Zeit gestanden hatte, mit einem Becher Tee in der Hand.

Sie war vielleicht fünfzig. Sie hatte graue Strähnen und einen Besen aus Eschenholz über der Schulter, und sie sah aus, als könne sie nichts auf dieser Welt aus der Ruhe bringen.

„Guten Morgen, Wunderkinder“, sagte sie.

Es dauerte zwei Tage bis zu dem Dorf, und es waren die zwei besten Tage in Daans Leben.

Er wusste, dass das ein furchtbarer Satz war. Er wusste, dass er ihn irgendwann bezahlen würde. Er dachte trotzdem nicht daran, denn Richard sang falsch, und Liv warf ihm Äpfel an den Kopf, damit er aufhörte, und Alexia flog neben ihnen her, im Schneidersitz auf einem Besenstiel, und trank Tee.

„Wie machen Sie das?“, fragte Daan irgendwann.

„Was?“

„Der Tee. Sie fliegen. Er schwappt nicht.“

„Neunundzwanzig Jahre Übung“, sagte Alexia.

„Neunundzwanzig Jahre, um Tee nicht zu verschütten?“

„Neunundzwanzig Jahre, um überhaupt zu fliegen. Der Tee kam später.“ Sie trank einen Schluck. „Du bist seit zwei Wochen erwählt — von einem Glühwürmchen, sagt man —, und du siehst durch Wände. So ist es eingerichtet. Iss deinen Apfel. Er wird sonst braun.“

Sie sagte es ohne einen Funken Bitterkeit. Das war das Merkwürdige daran.

Und sie fragte nicht nach, was Daan dankbar zur Kenntnis nahm. Es fragte nie jemand nach. Man sah einen Jungen ohne Wesen, man dachte sich seinen Teil, und man ging weiter.

Das Dorf hiess Ellenbrück, und es hatte keinen Bach mehr.

Es hatte ein Bachbett — hübsch, sauber, mit runden Steinen und einer kleinen Brücke, unter der man sich hätte küssen können. Und darin war nichts als Staub.

Der Bürgermeister erklärte es umständlich. Die Mühle stehe. Die Ziegen hätten Durst. Es sei alles sehr schlimm.

Richard bekam Kuchen.

Sie gingen flussaufwärts.

Und nach einer Stunde wurde der Wald anders.

Daan spürte es zuerst, weil er alles zuerst spürte: den Käfer, der auf seiner Schulter kalt wurde. Die Vögel, die aufhörten. Das Licht, das zwischen den Bäumen hing — nicht golden, wie im Auswahlwald, sondern in einem sehr blassen, sehr müden Grün.

„Hier stimmt was nicht“, sagte Liv leise.

„Hier stimmt eine ganze Menge nicht“, sagte Alexia, und sie stieg von ihrem Besen, und sie stellte den Teebecher ab, und Daan begriff in diesem Moment, dass er den Ernstfall noch nie erlebt hatte.

Sie fanden es hinter der nächsten Biegung.

Der Damm war aus Ästen und Steinen, aus Wurzeln und Schlamm, und er war ungefähr so hoch wie Richard und so breit wie ein Haus.

Und er war schön.

Das war es, was Daan nicht in Worte fassen konnte. Er war nicht zusammengeworfen. Er war gebaut — die Steine lagen in Bögen, die Äste in Mustern, und in der Mitte, wo das Wasser sich sammelte, hatte jemand mit Kieseln eine Form gelegt, die Daan nicht kannte und die ihm trotzdem etwas tat.

Und auf dem Damm sass das Wesen.

Es war etwa so gross wie ein Hund. Es hatte zu viele Beine und viel zu grosse Augen, und es leuchtete in einem sanften, silbrig-grünen Licht, das im Wasser tanzte.

Es sah sie an.

Und es rührte sich nicht.

„Ein Wesen“, flüsterte Liv. „Ein leuchtendes Wesen. Aber — wem gehört es?“

„Niemandem“, sagte Alexia.

Sie sagte es ganz ruhig, und sie liess dabei den Blick nicht von dem Tier.

„Es kommt vor. Selten. Manche kommen aus dem Wald und werden nie gewählt.“ Sie legte den Kopf schief. „Dann wandern sie eben.“

„Und was tun die dann?“, fragte Richard.

„Nichts“, sagte Alexia. „Sie tun gar nichts. Sie sind einfach da.“

Richard, der niemals nachdachte und deshalb oft als Erster verstand, sah das kleine leuchtende Tier auf seinem grossen, sinnlosen, wunderschönen Damm an.

„Das ist das Traurigste, was ich je gehört habe“, sagte er.

Liv wollte es verjagen, und es liess sich nicht verjagen. Richard wollte mit ihm reden, und es antwortete nicht. Der Drache brüllte einmal versuchsweise, und das Wesen zuckte nicht einmal, was Richard tief kränkte.

Und dann tat Alexia etwas, wofür Daan sie nie vergessen würde.

Sie setzte sich ans Ufer, krempelte die Ärmel hoch und fing an, das Wasser umzuleiten.

Mit den Händen.

Zwei Stunden lang. Stein für Stein grub sie einen neuen Lauf, eine flache Rinne um den Damm herum, und wo der Boden zu hart war, legte sie die Handfläche darauf und murmelte etwas, und die Erde gab nach wie warmer Teig. Es war die unspektakulärste Magie, die Daan je gesehen hatte. Es sah aus wie Gartenarbeit.

Und als sie fertig war, floss der Bach.

Er floss um den Damm herum, unter der Brücke durch, zu den Ziegen und zur Mühle und zum Bürgermeister von Ellenbrück.

Und das Wesen sass immer noch auf seinem Damm, in seinem eigenen kleinen, stehenden Teich, den ihm niemand genommen hatte.

„Warum haben Sie es nicht einfach fortgejagt?“, fragte Liv.

Alexia wusch sich den Schlamm von den Händen.

„Weil es niemandem wehtut“, sagte sie. „Und weil es das Einzige ist, was es hat.“

Sie stand auf, nahm ihren Besen und ihren Tee, und ging.

Und die drei mächtigsten Kinder des Reiches, mit einem Drachen, einem leuchtenden Pferd und einem Käfer, der durch Wände sah, trotteten hinter ihrer Lehrerin her wie Enten.

Daan blieb als Letzter stehen.

Er drehte sich noch einmal um.

Das Wesen sass auf seinem Damm, mitten in seinem sinnlosen, sorgfältig gebauten, wunderschönen kleinen Nichts.

Und es sah nicht ihn an.

Es sah an ihm vorbei, zwischen den Bäumen hindurch, mit diesen viel zu grossen Augen, in eine Richtung, in der es nichts gab als Wald.

Nach Norden.

Daan runzelte die Stirn.

Dann rief Richard, dass es im Dorf Kuchen gebe, und er lief den anderen nach, und er dachte an das Wesen keinen einzigen Gedanken mehr.

Erst viel später, sehr viel später, in einem flachen schwarzen Wasser, würde er sich daran erinnern.