Was keiner sieht · Kapitel 17
Die Grenze
Die zweite Mission war noch langweiliger als die erste, und Daan hätte nie gedacht, dass er dafür einmal dankbar sein würde.
Sie sollten einen Wagen begleiten. Getreide, Zoll, Verträge — irgendetwas mit Siegeln. Zwei Tage nach Süden, an die Grenze, Übergabe, zurück. Agatha hatte es in vier Sätzen erklärt, und Daan hatte nach dem zweiten aufgehört zuzuhören.
„Warum wir?“, hatte Liv gefragt.
„Weil man Erwählte zeigt“, hatte Agatha gesagt. „So wie man einen Ring zeigt.“
Man hatte ihnen Pferde gegeben — gewöhnliche, geduldige Tiere, die weder leuchteten noch Feuer spuckten. Daans war das geduldigste von allen.
Sie ritten am zweiten Tag durch flaches Land, und Daan fragte Alexia, wem der Wald eigentlich gehöre.
Er fragte es aus keinem besonderen Grund. Er fragte es, weil er redete, wenn er zu Pferde sass, so wie andere Leute summen.
„Niemandem“, sagte Alexia.
„Wie, niemandem? Er liegt doch bei uns.“
„Er liegt zwischen uns.“ Sie deutete mit dem Teebecher nach Süden, dann nach Norden. „Vier Königreiche stossen dort zusammen. Der Wald gehört keinem davon. Es gibt einen Vertrag, er ist ungefähr tausend Jahre alt, und er sagt: Jedes Reich darf seine Anwärter schicken.“
Richard runzelte die Stirn. „Aber die anderen haben doch fast keine Erwählten.“
„Nein“, sagte Alexia. „Haben sie nicht.“
„Warum nicht?“
Alexia trank ihren Tee.
„Weil wir die Zeremonie ausrichten“, sagte sie.
Und dann sagte sie nichts mehr dazu, und Richard fragte, ob es an der Grenze auch Kuchen gebe, und Daan lachte, und der Satz fiel hinter ihnen ins Gras wie ein Stein in einen Brunnen, und keiner von ihnen hörte, wie tief er fiel.
Die Grenze war ein Fluss und eine Brücke und zwei Fahnen.
Auf der anderen Seite wartete die Abordnung des Königs.
Und Daan brauchte ungefähr drei Herzschläge, um zu begreifen, dass etwas nicht stimmte.
Es war nichts Offensichtliches. Sie waren höflich. Sie waren sogar sehr höflich. Ein Schreiber verbeugte sich, ein Hauptmann grüsste, die Siegel wurden verglichen.
Es waren die Soldaten.
Es standen zwölf von ihnen am Brückenkopf, und sie waren keine Magier — Daan sah es sofort, es war kein Licht in ihnen, nicht das kleinste Sickern —, und sie sahen aus wie Menschen, die sehr lange sehr harte Arbeit getan hatten. Narben. Ruhige Hände. Und Augen, die nicht auf Daans Gesicht landeten, sondern auf seiner Schulter, seinen Knien, seinem Sattelgurt.
Sie sahen ihn an, wie man ein Pferd ansieht, das man kaufen will.
Und sie sahen den Drachen an.
Das war das Schlimmste.
Richards Drache war ein Berg. Er war rot und riesig und er atmete, und in jedem Dorf, durch das sie kamen, rannten die Kinder weg und die Erwachsenen bekreuzigten sich.
Diese zwölf Männer sahen ihn an, und keiner von ihnen wich einen Schritt zurück.
„Ihr seid der Junge, der sieht“, sagte der Hauptmann.
„Berühmt in vier Königreichen“, sagte Daan. „Meine Mutter wäre stolz, wenn sie es noch erlebt hätte, dass mich jemand für etwas anderes als Frechheit kennt.“
Der Hauptmann lächelte nicht.
„Ihr habt unsere Prinzessin gerettet“, sagte er. „Das Reich ist Euch dankbar.“
„Es war eine Gemeinschaftsleistung.“
„Wie habt Ihr es gemacht?“
Es kam ganz beiläufig. Es kam so beiläufig, wie man nach dem Weg fragt.
„Der Hirsch“, sagte der Hauptmann. „Er ist fort, nicht wahr? Und die Prinzessin lebt. Man erzählt, sie sei jetzt —“ er suchte nach einem höflichen Wort und fand keines, „— ohne.“
„Sie ist am Leben“, sagte Daan.
„Gewiss. Aber wie löst man so etwas?“ Der Mann trat einen halben Schritt näher. „Trennt man es? Nimmt man es weg? Kann man das —“
„Hauptmann.“
Alexia hatte sich nicht bewegt. Sie sass auf ihrem Pferd, den Becher in der Hand, und ihre Stimme war so freundlich wie immer.
„Die Siegel stimmen. Das Getreide ist gezählt. Es war ein warmer Tag, und wir haben einen weiten Weg.“
Der Hauptmann sah sie an.
Dann verbeugte er sich, und das Lächeln kam zurück, und er sagte, natürlich, selbstverständlich, gute Reise.
Und Daan sah, dass der Mann sich jedes Wort gemerkt hatte.
Sie waren schon halb gewendet, als die Frau vortrat.
Sie war unter den Soldaten gewesen, und Daan hatte sie nicht bemerkt, was ihm nie passierte und ihm später noch oft durch den Kopf gehen würde. Sie war nicht gross. Sie war nicht auffällig. Sie hatte einen Bogen auf dem Rücken und graue Augen, die vollkommen ruhig waren.
Sie ging an Daan vorbei, ohne ihn anzusehen.
Sie ging zu Liv.
Und sie blieb vor dem blauen Pferd stehen und sah es an.
Nicht ehrfürchtig. Nicht ängstlich. Sie sah es an, wie ein Schmied ein Schwert ansieht: den Hals, die Sehnen, den Ansatz der Schulter. Sie ging einmal langsam um es herum. Liv sass ganz still im Sattel und wusste offensichtlich nicht, ob sie sich geschmeichelt oder bedroht fühlen sollte.
„Wie schnell ist es?“, fragte die Frau.
„Schneller als alles, was Sie je gesehen haben“, sagte Liv, und da war der alte Hochmut.
Die Frau nickte, als hätte sie eine nützliche Auskunft erhalten.
„Das dachte ich mir.“
Sie trat einen Schritt zurück und sah zu Liv hinauf, und zum ersten Mal veränderte sich etwas in ihrem Gesicht. Es war kein Lächeln. Es war etwas Wärmeres und viel Schlimmeres.
Es war Respekt.
„Ich habe mein Leben lang trainiert“, sagte sie. „Zweiunddreissig Jahre. Und ich werde nie so sein wie du.“
Liv sagte nichts.
„Das ist keine Klage“, sagte die Frau. „Es ist einfach so. Man bekommt, was man bekommt, und dann macht man das Beste daraus.“ Sie legte den Kopf ein wenig schief. „Wenn es je dazu käme — du und ich —, dann wärst du mir eine Ehre.“
Und dann, ganz beiläufig, im Weggehen:
„Ich heisse Mara. Merk es dir nicht. Es ist nur höflich.“
Sie ritten nach Norden, und es war ein schöner Abend.
Richard fand die ganze Sache grossartig. Zwölf Mann, sagte er immer wieder, und keiner sei zurückgewichen — das seien mal Männer. Liv war den halben Weg still und dann plötzlich sehr gesprächig, und Daan merkte, dass sie das Kompliment mit sich herumtrug wie einen warmen Stein.
Nur Alexia sagte nichts.
Sie ritt vorneweg, sehr aufrecht, und ihr Teebecher war leer, und sie füllte ihn nicht nach.
Daan trieb sein Pferd neben ihres.
„Was ist?“, sagte er.
„Nichts.“
„Alexia.“
Sie sah ihn an, und Daan, der Dinge sah, die andere nicht sahen, sah etwas in dem Gesicht seiner Lehrerin, das er dort noch nie gesehen hatte und von dem er nicht gewusst hatte, dass es dort überhaupt hineinpasste.
Angst.
„Zwölf Männer“, sagte Alexia, „stehen vor einem Drachen, und keiner rührt sich.“
Sie sah wieder nach vorn.
„Frag dich, wie oft man das üben muss.“