Was keiner sieht · Kapitel 18
Der alte Mann und sein Bär
„Es ist eine Ehre“, sagte Agatha.
„Es ist ein Höflichkeitsbesuch“, sagte Liv.
„Es ist beides. Junge Erwählte besuchen alte. So ist es immer gewesen.“ Agatha rollte die Karte auf. „Halvar. Sieben Tage nach Norden. Er ist seit fünfzig Jahren Beschützer des Reiches, und seit zwölf hat ihn niemand mehr gesehen.“
„Warum nicht?“
„Weil er nicht kommt, wenn man ihn ruft“, sagte Agatha, „und weil er alt genug ist, dass man ihn nicht zwingt.“
Der Norden war schön.
Daan hatte nicht gewusst, dass die Welt so gross war. Sie ritten sieben Tage lang, und das Land wurde weit und leer und kalt, die Wälder wurden dünner, die Himmel höher, und am fünften Abend sahen sie einen ganzen Schwarm von etwas Leuchtendem über einen zugefrorenen See ziehen, sehr hoch, sehr weit weg, und niemand konnte sagen, was es war.
Richard weinte fast.
„Ich wusste nicht, dass es so was gibt“, sagte er immer wieder. „Ich wusste das nicht.“
Am sechsten Tag sah Daan die Gestalt.
Sie stand zwischen zwei Bäumen am Kamm des Hügels, sehr weit oben, und sie war silbern, und sie stand vollkommen still.
„Da“, sagte Daan.
Alle drehten sich um.
Da war nichts. Nur Bäume und ein grauer Himmel.
„Da war jemand“, sagte Daan.
„Da war ein Baum“, sagte Liv.
„Er war silbern.“
„Bäume sind hier oben grau, Daan. Das ist ein bekanntes Phänomen.“
Richard lachte, und Liv lachte, und Daan sah noch einmal hinauf und sah nichts, und er ritt weiter und war sich nicht mehr sicher.
Nur Alexia sagte kein Wort und sah den ganzen Nachmittag nicht mehr zum Kamm hinauf.
Halvar wohnte in einer Kate am Ende eines Tales, und er hatte zwei Zähne, und er lachte, als er sie kommen sah.
„Kinder!“, brüllte er. „Sie schicken mir Kinder!“
Er war siebzig und krumm wie eine Wurzel, und er umarmte alle drei, ob sie wollten oder nicht, und er roch nach Rauch und nassem Hund, und in seiner Kate war es so warm, dass Daan sofort schläfrig wurde.
Er machte ihnen Suppe.
Er stellte Liv drei Fragen über ihr Pferd und hörte bei allen dreien wirklich zu. Er verwickelte Richard in eine Diskussion über Schafe, die eine Stunde dauerte und in der beide sehr glücklich waren.
Und dann, mitten im Satz, hörte er auf zu reden und sah Daan an.
Genauer: Er sah Daans Schulter an.
Er kniff die Augen zusammen, beugte sich vor, und dann pfiff er leise durch die Zahnlücke.
„Na“, sagte er. „Du bist ja mal was Kleines.“
Daan sass da, mit dem Löffel auf halbem Weg zum Mund, und rührte sich nicht.
Drei Menschen auf dieser Welt hatten den Käfer gesehen, ohne dass man sie mit der Nase darauf gestossen hätte. Der erste war der oberste Magier des Reiches. Der zweite hatte vierzehn Jahre lang nichts anderes getan, als Bindungen zu suchen.
Der dritte war ein siebzigjähriger Mann mit zwei Zähnen in einer Kate am Ende eines Tales.
„Sie sehen ihn“, sagte Daan.
„Natürlich sehe ich ihn.“
„Es sieht ihn keiner. Zweihundert Leute an meiner Schule sehen ihn nicht.“
Und Halvar löffelte seelenruhig weiter.
„Zweihundert Leute an deiner Schule schauen nicht hin, Junge“, sagte er. „Das ist ein Unterschied, und er ist grösser, als du glaubst.“
Und Daan mochte ihn von diesem Augenblick an mehr als die meisten Menschen, die er kannte.
Und in der Ecke, vor dem Feuer, lag der Bär.
Er war riesig. Er musste einmal ungeheuerlich gewesen sein — ein Tier, das man auf Wappen malt. Jetzt lag er auf einer Decke, mit dem Kopf auf den Pfoten, und atmete langsam.
Und er leuchtete kaum noch.
Daan sah ihn an.
Und der Raum und das Feuer rückten fort.
Und er sah, was er in einem überheizten Zimmer in einem fremden Schloss schon einmal gesehen hatte: die klaren Augen, die nicht trüb waren. Das Licht, das mit jedem Atemzug ein Stück dünner wurde. Und den Kopf, der ganz leicht zur Seite geneigt war, zur Wand hin, hinter der nichts war als Schnee.
Nach Norden.
Daan stellte den Löffel ab.
„Halvar“, sagte er. Seine Stimme klang seltsam. „Ihr Bär —“
„Ich weiss“, sagte Halvar.
Es war so einfach, dass Daan einen Moment brauchte.
„Sie —“
„Seit sechs Jahren“, sagte der alte Mann. Er blies auf seine Suppe. „Vielleicht sieben. Er hört es schon lange. Zuerst nur nachts. Jetzt immer.“
Liv sah von einem zum anderen. „Wovon redet ihr?“
Und Halvar sah sie an, und dann sah er Daan an, sehr genau, mit den Augen eines Menschen, der siebzig Jahre lang Leute angesehen hat.
„Nichts, Mädchen“, sagte er freundlich. „Iss deine Suppe.“
Später, als die anderen schliefen, sass Daan mit dem alten Mann am Feuer.
„Sie können ihn gehen lassen“, sagte Daan leise. „Es gibt einen Weg. Ich habe es gesehen. Man lässt ihn los, und er geht nach Hause, und man —“
„— und man lebt“, sagte Halvar. „Ja.“
„Sie wissen es.“
„Junge.“ Halvar lachte leise. „Ich bin seit fünfzig Jahren mit ihm zusammen.“
Daan sah ins Feuer.
„Dann verstehe ich nicht, warum Sie —“
„Weil ich siebzig bin.“
Der alte Mann streckte die Beine aus. In der Ecke seufzte der Bär und legte den Kopf anders.
„Wenn ich ihn heute gehen lasse, dann sitze ich hier noch drei Winter, vielleicht vier. Allein. Ohne Gabe, ohne ihn, mit kaputten Knien.“ Er zuckte die Schultern. „Oder ich gehe mit ihm. Er heim, ich fort. Am selben Tag. Nach fünfzig Jahren.“
Er sah Daan an.
„Das ist kein Opfer, Junge. Das ist ein guter Schluss. Verwechsle die beiden nicht.“
Und Daan sass da und hatte auf einmal einen Kloss im Hals, den er nicht erklären konnte.
„Aber ein Mädchen von sechzehn“, sagte Halvar, und seine Stimme wurde ernst, „mit fünfzig Jahren vor sich —“
Er beugte sich vor.
„Die muss loslassen. Die muss es tun. Und wenn du je dabei bist, wenn es jemandem passiert, dann hör mir jetzt gut zu.“
„Rede ihr nicht zu. Erklär ihr nichts. Sag ihr nicht, sie soll tapfer sein — es hat nichts mit Mut zu tun, und wer glaubt, er müsse tapfer sein, der macht es zu früh und bereut es sein Leben lang. Und wer wartet, bis er es nicht mehr aushält, der macht es zu spät.“
Das Feuer knackte.
„Es gibt genau einen richtigen Augenblick“, sagte Halvar. „Und er fühlt sich nach überhaupt nichts an.“
Er hob seine alte, schwere, zerschundene Hand, die Handfläche nach oben, und liess die Finger auseinandergehen. Ganz langsam. Ganz leicht.
„Wie eine Hand, die aufgeht“, sagte er. „Mehr ist es nicht.“
Daan sah auf die offene Hand des alten Mannes und verstand kein Wort.
Er würde noch monatelang nicht verstehen, was er da gehört hatte.
Er würde es erst begreifen, viel später, in einem flachen schwarzen Wasser, wenn ein Mädchen neben ihm stünde und ihre Finger sich in eine Mähne krallten, und er den Mund aufmachen wollte, um ihr zuzureden — und ihn wieder zumachte.
„Halvar“, sagte er.
„Hm.“
„Bereuen Sie es?“
Der alte Mann sah zu dem sterbenden Bären hinüber, der fünfzig Jahre lang neben ihm hergegangen war.
„Keine einzige Stunde“, sagte er.
Dann, nach einer Weile, ohne sich umzudrehen:
„Du trägst noch etwas, Junge.“
Daan erstarrte.
„Ich weiss nicht, was Sie —“
„Doch“, sagte Halvar. „Weisst du.“
Er stand ächzend auf, klopfte Daan im Vorbeigehen zweimal auf die Schulter — genau dort, wo der Käfer sass — und ging zu Bett.
Sie brachen im Morgengrauen auf.
Halvar stand vor der Kate und winkte, bis sie hinter dem Hügel verschwanden, und der Bär kam nicht heraus.
Richard weinte auf halber Höhe des Passes, ohne dass jemand etwas gesagt hätte, und schämte sich nicht dafür. Liv ritt sehr aufrecht und sagte drei Stunden lang kein Wort.
Dann, kurz vor dem Kamm, liess sie ihr Pferd zurückfallen, bis sie neben Daan war.
„Was hat er gesehen?“, sagte sie.
„Wie bitte?“
„Der alte Mann. Beim Essen. Er hat mitten im Satz aufgehört zu reden und deine Schulter angestarrt, und du bist weiss geworden.“ Sie sah geradeaus. „Ich bin nicht dumm, Daan.“
Und Daan ritt eine Weile schweigend weiter.
Er hätte einen Witz machen können. Er hatte drei im Kopf, und alle drei waren gut.
„Halt an“, sagte er.
Sie hielten an, am Rand eines Weges im Schnee, während Richard ahnungslos weiterritt und irgendwas über Schafe vor sich hin sang.
Daan schob den Kragen zur Seite.
„Sieh hin“, sagte er. „Sieh richtig hin.“
Und Liv beugte sich vor, und sie kniff die Augen zusammen, und dann sah Daan, wie sie ihn fand.
Sie sagte eine ganze Weile nichts.
„Das ist ein Käfer“, sagte sie schliesslich.
„Ja.“
„Das ist dein Wesen.“
„Ja.“
„Und alle glauben, dich hat ein Glühwürmchen gewählt.“
„Ja.“
Liv richtete sich im Sattel auf, und ihr Gesicht war ganz merkwürdig.
„Warum sagst du es ihnen nicht?“
„Weil sie ihn nicht sehen würden“, sagte Daan. „Ich könnte mich auf den Tisch stellen und schreien, und sie würden auf meine Schulter starren, und sie würden nichts sehen. Und dann hätte ich es versucht — und das ist schlimmer.“
Er zog den Kragen wieder hoch.
„Es ist leichter, ein Witz zu sein, den man selbst gemacht hat.“
Liv sah ihn an.
Und dann streckte sie die Hand aus und legte sie ihm ganz kurz auf die Schulter — genau dort, wo der Käfer sass, ohne ihn zu berühren, als wüsste sie das ganz genau.
„Ich sehe ihn“, sagte sie.
Und ritt weiter.
Und Daan sass noch einen Moment auf seinem Pferd im Schnee und musste sich zusammenreissen.
Und Daan drehte sich am Kamm noch einmal um.
Unten im Tal lag die Kate, klein und braun, mit ihrem dünnen Rauchfaden.
Und am Waldrand, keine hundert Schritte von der Tür entfernt, stand eine Gestalt in Silber und sah zu dem Haus hinüber.
Sie hob den Bogen nicht.
Sie stand einfach da, sehr lange, mit hängenden Armen, wie jemand, der gekommen ist, um etwas zu tun, und es nicht tut.
Dann ging ein Windstoss über den Kamm, und der Schnee wirbelte auf, und als er sich legte, war der Waldrand leer.