Was keiner sieht · Kapitel 19

Der Abstand

Berühmt zu sein war nicht das, was Daan erwartet hatte.

Vor allem, weil er es nicht war.

Berühmt waren Liv und Richard. Sie waren durch die Luft geflogen, um eine Prinzessin zu retten — ein blaues Pferd, ein roter Drache, zwei strahlende Sechzehnjährige. Man hatte im Hof drei Tage lang nichts anderes gehört.

Und Daan war der Junge, der nebenher gelaufen war.

„Warst du überhaupt dabei?“, fragte ihn ein Anwärter aus dem ersten Jahrgang, ganz ohne Bosheit, mit ehrlicher Neugier.

„Ich war der Erste im Zimmer“, sagte Daan.

„Und was hast du gemacht?“

Und Daan öffnete den Mund und schloss ihn wieder.

Ich habe hingesehen, dachte er. Ich habe hingesehen, und ich habe gesagt, was ich sah, und ein Mädchen hat einen Hirsch fortgeschickt und lebt jetzt.

Er sagte es nicht. Er konnte es nicht sagen, ohne alles zu sagen.

„Ich habe Suppe gekocht“, sagte er.

Der Junge lachte und lief davon, und in der Woche darauf erzählte man sich an der Schule, Daan habe der Prinzessin Suppe gekocht, und es hielt sich hartnäckig, und irgendwann fand Daan es sogar komisch.

Denn das war die Lage.

Es gab in diesem Reich vierzig Erwählte mit einem Wesen — und einen mit gar nichts.

Sie hatten es alle gesehen: Der freche Junge war mit einem Glühwürmchen in den Kreis getreten. Der Obermagier hatte gelacht und ihn nach dem Buchstaben des Gesetzes durchgehen lassen. Und das Glühwürmchen war noch am selben Abend davongeflogen, wie Glühwürmchen es tun.

Also war Daan ein Erwählter ohne Erwähltes.

Ein Formfehler mit Beinen.

Niemand war böse zu ihm. Das machte es schlimmer. Sie waren nett — auf jene besondere Art, mit der man mit jemandem umgeht, der bei einem Wettbewerb versehentlich einen Preis gewonnen hat und es noch nicht gemerkt hat.

Und der Käfer sass auf seiner Schulter, klein und schwarz und kaum grösser als ein Regentropfen, und niemand sah ihn.

Niemand sah ihn je.

Nicht, weil er sich versteckte. Er versteckte sich überhaupt nicht — er sass da, mitten auf seiner Schulter, jeden Tag, vor zweihundert Menschen.

Sie schauten einfach nicht hin.

Man schaut nicht hin. Nicht bei einem Käfer, nicht bei einem Kind im äusseren Ring, nicht bei einem Bauernmädchen im Graben.

Das war die erste Regel dieser Welt, und Daan hatte sie sein Leben lang am eigenen Leib gelernt, und jetzt trug er sie auf der Schulter herum.

Aber Daan schaute hin. Er konnte gar nicht anders; das war ja seine ganze Gabe.

Und deshalb bemerkte er in dieser Woche das Mädchen.

Sie war aus dem ersten Jahrgang und so klein, dass man sie für zwölf hielt, und sie stand immer dort, wo die anderen gerade nicht standen. Beim Essen sass sie am Ende der Bank. Im Hof lehnte sie an der Mauer. Sie sagte nichts, sie fragte nichts, sie lachte nicht mit, und wenn jemand in ihre Richtung sah, sah sie weg, schnell, wie jemand, der gelernt hat, dass Bemerktwerden nichts Gutes bedeutet.

Auf ihrem Finger sass ein Vogel, winzig und golden, kaum grösser als ein Daumen.

Sie hatte an dem Abend auf der Lichtung ganz hinten gestanden, im äusseren Ring, und auf ihre Schuhe gesehen.

Sie hatte den Vogel schon damals gehabt.

Er war nur zu klein gewesen, um von weitem zu leuchten, und niemand war näher gekommen.

Zweihundert Menschen liefen jeden Tag an ihr vorbei.

Daan wusste nicht einmal ihren Namen. Er fragte auch nicht. Er dachte nur, ganz kurz, im Vorbeigehen — so wie man einen Gedanken denkt, den man sofort wieder vergisst:

Da ist noch eine.

Dann ging er weiter, und der Käfer sass auf seiner Schulter, und keiner von beiden wurde gesehen.

Sie fragten ihn nach der Prinzessin. Sie fragten, ob es eine Schlacht gegeben habe. Und wenn er sagte, es habe kein Ungeheuer gegeben, gar nichts zu bekämpfen, dann nickten sie enttäuscht und gingen zu jemandem, der eine bessere Geschichte erzählte.

Niemand fragte, woran die Prinzessin gestorben wäre.

Natürlich fragte das niemand.

Richard fand die ganze Sache grossartig.

Daan hatte es ihm am Abend nach der Rückkehr gezeigt, hinter den Ställen, mit einer Feierlichkeit, die ihm selbst hinterher furchtbar peinlich war. Er hatte den Kragen zur Seite geschoben und gesagt: „Sieh hin. Sieh richtig hin.“

Und Richard hatte drei Sekunden lang blinzelnd auf seine Schulter gestarrt, und dann hatte er gesagt: „Das ist ein Käfer.“

„Ja.“

„Das ist ein Käfer, Daan.“

„Ich weiss.“

Und dann hatte Richard so gelacht, dass er sich hinsetzen musste.

Seitdem war es das Lieblingsthema seines Lebens.

„Zweihundert Leute“, sagte er beim Essen, mit vollem Mund, und deutete mit dem Löffel in den Saal. „Zweihundert Leute, und keiner von denen sieht ihn. Er sitzt da. Er sitzt seit sechs Wochen genau da.“ Er beugte sich vor. „Das ist der beste Witz, von dem die Welt nichts weiss.“

„Sag es keinem.“

„Ich sage es keinem“, sagte Richard beleidigt. Er stahl Daan das Brot vom Teller. „Sollen wir ihm einen Namen geben? Etwas Furchteinflössendes. Der Zermalmer.“

„Er ist einen Zentimeter gross.“

Der kleine Zermalmer.

Und Daan lachte, wirklich, zum ersten Mal seit dem Hof — und im selben Atemzug schnürte sich ihm die Kehle zu, weil Richards Drache draussen auf der Wiese lag und in der Sonne blinzelte, riesig und rot und vollkommen ahnungslos.

Sag es ihm, dachte Daan.

Am anderen Ende des Saals sass Liv und sah ihn an.

Er sagte es nicht.

Am Kamm im Schnee hatte sie ihm einmal die Hand auf die Schulter gelegt und Ich sehe ihn gesagt. Es war das eine Mal geblieben.

Liv sprach nicht mehr mit ihm. Nicht auf die laute Art — sie war höflich, sie grüsste, sie reichte ihm bei Tisch das Salz. Es war die andere Art. Die, bei der jemand einen Raum betritt, in dem du bist, und ihre Augen nirgendwo landen, wo du stehst.

Ihr Pferd war strahlend und gesund und schaute jeden Tag ein bisschen länger nach Norden.

Und Liv, die es fütterte und bürstete und nachts bei ihm sass, sah alles — nur das eine nicht. Oder sah es und liess es nicht herein.

Daan hatte aufgehört, hinzusehen.

Am fünften Tag liess Agatha ihn holen.

Sie stand auf dem alten Übungsplatz hinter den Ställen, wo das Gras kurz war und der Boden hart. Der Schnitt an ihrer Wange war verheilt und hatte eine feine, silbrige Narbe hinterlassen, die nie mehr weggehen würde.

„Zieh die Jacke aus“, sagte sie.

„Warum?“

„Weil sie sonst dreckig wird.“

Sie hob die Hand, und ein faustgrosser Erdklumpen stieg vom Boden auf und traf Daan in die Brust, ehe er auch nur das Wort Was zu Ende gedacht hatte.

Er sass im Gras.

„Wieder“, sagte Agatha.

Sie machten es zwanzigmal.

Und hier war das Seltsame, das Wütendmachende, das Unerträgliche: Er sah sie kommen. Jedes Mal. Die Welt wurde still und langsam und höflich, und Daan sah den Klumpen aufsteigen, sah die Bahn, sah die Drehung, sah den Punkt auf seiner Brust, an dem er treffen würde — er hätte den Fleck mit dem Finger markieren können —

und dann sass er im Gras.

„Wieder.“

Beim vierzehnten Mal warf er sich zur Seite und stolperte über die eigenen Füsse und schlug sich das Kinn auf.

„Immerhin Bewegung“, sagte Agatha. „Wieder.“

Beim zwanzigsten Mal blieb er einfach liegen.

„Es funktioniert nicht“, keuchte er in den Boden. „Ich sehe alles. Ich sehe alles. Und dann tue ich nichts. Was nützt es, wenn ich —“

„Steh auf.“

Er stand auf.

Agatha kam über den Platz auf ihn zu, und sie hob die Hand nicht.

„Weisst du, warum du zu langsam bist?“, fragte sie.

„Weil mein Körper —“

„Nein.“ Sie blieb vor ihm stehen. „Dein Körper ist fünfzehn und schnell und läuft dir vor Angst überallhin. Dein Körper ist nicht das Problem.“

Sie sah ihm ins Gesicht.

„Zwischen dem, was du siehst, und dem, was du tust, ist ein Abstand. Und in diesem Abstand“, sagte sie, „denkst du.“

Daan schwieg.

„Du siehst den Stein. Und dann fragst du dich: Springe ich? Ist es der Mühe wert? Sehe ich lächerlich aus? Und während du dich das fragst, trifft dich der Stein.“ Sie legte den Kopf schief. „Ein Krieger fragt nicht. Ein Krieger vertraut sich.“

„Und wenn ich mir nicht traue?“

Es rutschte ihm heraus. Er hätte es gern zurückgehabt.

Agatha sah ihn lange an.

„Ich weiss“, sagte sie.

Zwei Worte. Daan spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss.

„Ich stand am Fenster. Ich habe gesehen, wie du es ihr gesagt hast. Ich habe ihr Gesicht gesehen, als sie gelacht hat.“ Ihre Stimme wurde nicht härter. Das war das Schlimmste. „Seitdem traust du deinen eigenen Händen nicht mehr. Weil du nicht mehr weisst, was sie tun, wenn du sie lässt.“

Daan starrte auf das kurze, harte Gras.

„Es ist nicht dein Körper, der hinterherhinkt“, sagte Agatha. „Es ist dein Gewissen.“

Sie sah ihn an.

„Sehen ist leicht. Sehen tust du im Schlaf. Das Schwere ist, dem zu trauen, was du siehst — und dann die Hand danach auszustrecken, ohne zu zögern. Und eine Hand, die eine Lüge trägt, zögert immer. Sie weiss nicht mehr, was an ihr noch wahr ist.“

Sie liess ihn eine Weile so stehen. Dann drehte sie sich um und ging über den Platz, und Daan dachte, es sei vorbei.

„Agatha.“

Sie blieb stehen. Sie drehte sich nicht um.

„Der Silberne“, sagte Daan. „Was war er für Sie?“

Der Wind ging durch das kurze Gras. Irgendwo hinter den Ställen lachte jemand.

„Er war der Beste, den ich je unterrichtet habe“, sagte Agatha.

Und dann, nach einer Pause, die ein bisschen zu lang war:

„Und ich habe ihn belogen.“

Sie ging weiter.

„Genau wie du.“