Was keiner sieht · Kapitel 20
Das Richtige
Am neunten Tag sah Daan wieder hin.
Er hatte es sich verboten. Er hatte es sich neun Tage lang verboten, und am neunten Tag ging er über die Wiese, weil er es nicht mehr aushielt, und blieb am Zaun stehen und sah das blaue Pferd an.
Und der Hof hinter ihm verstummte.
Das Licht war noch da. Ein Fremder hätte nichts bemerkt — er hätte ein prächtiges Tier gesehen und wäre weitergegangen und hätte den ganzen Tag daran gedacht, wie schön es war.
Daan sah, dass es dünner geworden war. Nicht das Pferd. Das Licht. Als hätte jemand einen Vorhang eine Handbreit zugezogen.
Er sah, dass es nach Norden stand. Nicht zufällig. Es hatte den ganzen Hof zur Verfügung, Schatten, Wasser, Gras — und es stand mit der Brust nach Norden, so wie eine Kompassnadel steht, ohne dass sie es beschliesst.
Und er sah, dass Liv es fütterte, und dass es frass, und dass es dabei nicht einmal den Kopf zu ihr drehte.
„Es ist müde“, sagte Liv, ohne sich umzudrehen. „Der Ritt war weit.“
Der Ritt war neun Tage her.
„Liv.“
„Es ist müde, Daan.“
Sie sagte es zu dem Pferd, nicht zu ihm. Und Daan begriff, dass sie den Satz nicht ihm zuliebe sagte, und auch nicht dem Tier — sondern sich selbst, laut, jeden Tag, so wie man einen Zaun repariert, der jede Nacht wieder einfällt.
Er ging zum Obermagier.
Er fand ihn im Turmzimmer, wo die Fenster nach allen Seiten offen standen. Der alte Mann sass an einem Tisch, auf dem nichts lag, und sah hinaus, und Daan hatte den unangenehmen Eindruck, dass er schon eine Weile darauf wartete, dass jemand die Treppe heraufkam.
„Wer ruft sie?“, sagte Daan.
Keine Begrüssung. Er war es leid, höflich zu sein.
Der Obermagier drehte sich nicht um.
„Ich werde es dir nicht sagen“, sagte er.
Daan hatte mit vielem gerechnet. Mit einer Ausflucht. Mit einer Gegenfrage. Mit einem freundlichen, langen Satz, an dessen Ende er nichts wüsste und sich trotzdem gut fühlte.
Er hatte nicht damit gerechnet, dass der Mann einfach die Tür zumachen würde, vor seinen Augen, ohne sich dafür zu entschuldigen.
„Sie lügen nie“, sagte Daan. „Das haben alle gesagt.“
„Und ich lüge auch jetzt nicht.“ Der Obermagier wandte den Kopf. „Ich sage dir, dass ich es dir nicht sage. Das ist etwas anderes, als dir eine Geschichte zu erzählen. Merk dir den Unterschied, Daan. Er wird dir noch begegnen.“
„Warum?“
„Weil du dann täglich das Richtige tun würdest.“
Daan starrte ihn an.
„Ist das —“ Er lachte, kurz und ungläubig. „Ist das ein Vorwurf?“
„Es ist eine Vorhersage.“ Der alte Mann stand auf. Er ging zum Fenster, das nach Norden zeigte. „Du würdest zu jedem Erwählten des Reiches gehen und ihm die Wahrheit sagen. Du würdest es nicht lassen können; es liegt in deiner Natur wie das Sehen. Und die Guten unter ihnen — die wenigen, die tapfer genug wären — würden ihre Wesen freilassen.“
Er sah hinaus.
„Und dann hätte das Reich keine Beschützer mehr.“
„Dann gäbe es eben keine —“
„Und was, glaubst du, beschützen sie?“
Es kam sehr leise. Und Daan, der eine Antwort auf alles hatte, hatte darauf keine.
Der Obermagier liess die Frage im Raum stehen, bis sie schwer wurde.
„Nein“, sagte er dann. „Du weisst es nicht. Und ich werde es dir nicht sagen. Denn im Augenblick, in dem du es weisst, ist die Rechnung deine — und du bist fünfzehn, und ich möchte dir das noch ein Weilchen ersparen.“
Daan trat einen Schritt vor.
„Livs Pferd stirbt“, sagte er. „Sie stirbt mit ihm. Sie weiss es und sie will es nicht wissen. Und Sie —“ Seine Stimme kippte, und er liess sie kippen. „Sie stehen hier am Fenster und rechnen.“
„Ja.“
„Sie würden sie sterben lassen.“
Der Obermagier drehte sich um.
Und er tat Daan nicht den Gefallen, den Blick zu senken.
„Ja“, sagte er. „Wenn die Rechnung es verlangt, würde ich sie sterben lassen. Und ich würde es mein Leben lang bedauern. Beides ist wahr, und ich möchte, dass du weisst, dass ich das eine sage, ohne das andere zu heucheln.“
Der Wind ging durch das Turmzimmer.
„Ich sage es dir jetzt“, fuhr der alte Mann ruhig fort, „damit du später nicht überrascht bist. Ich werde dich nie belügen, Daan. Nicht ein einziges Mal. Aber ich werde tun, was das Gleichgewicht verlangt — auch dir gegenüber. Auch deinen Freunden gegenüber. Wenn du mich dafür hasst, ist das ein vernünftiger Gebrauch deines Hasses.“
Daan stand da.
Und das Widerwärtigste an diesem Augenblick war nicht der Zorn. Es war, dass er den alten Mann in genau diesem Moment mochte. Dass irgendetwas in ihm sich beruhigte, weil hier endlich, endlich jemand aussprach, was er dachte.
Zwei Menschen hatten ihn heute nicht belogen. Der eine war ein Bogenschütze, der auf Agatha geschossen hatte. Der andere stand vor ihm und würde Liv sterben lassen.
Alle anderen liebten ihn und logen.
„Geh jetzt“, sagte der Obermagier freundlich. „Du hast eine Entscheidung zu treffen, und ich möchte nicht im Raum sein, wenn du sie triffst.“
Daan ging.
Er ging die Treppe hinunter, über den Hof, an dem blauen Pferd vorbei, das mit der Brust nach Norden stand. Er ging in seine Kammer und wartete, bis es dunkel war und die Fenster der Schule eines nach dem anderen erloschen.
Dann band er sich die Stiefel.
Der Käfer sass auf seiner Schulter, klein und schwarz und ganz still, und Daan hob ihn mit einem Finger und setzte ihn sich auf den Handrücken und sah ihn an.
„Er hat gesagt, ich würde kommen“, sagte Daan.
Der Käfer sagte nichts.
„Ich hasse es, wenn Leute recht haben.“
Er stieg aus dem Fenster.