Was keiner sieht · Kapitel 21

Die andere Seite

Er ging zum Bach unter dem Felsvorsprung, weil es der einzige Ort war, den er kannte.

Das Mondkraut war nachgewachsen. Es leuchtete schwach und mild, und Daan setzte sich ans Wasser und wartete, und er hatte keine Ahnung, wie lange man auf jemanden wartet, der nicht kommen muss.

Es dauerte bis nach Mitternacht.

„Du bist gekommen“, sagte der Silberne.

Er stand wieder auf der anderen Seite des Baches, als hätte er dort die ganze Zeit gestanden, und vielleicht hatte er das.

„Sie hatten recht“, sagte Daan. „Es ärgert mich sehr.“

„Das glaube ich dir.“

Daan stand auf.

„Ich will die Wahrheit. Die ganze. Nicht Ihre Fragen. Nicht Ihre Andeutungen. Ich will wissen, wer sie ruft und warum, und ich will es jetzt, weil das Pferd, an dem meine —“

Er brach ab.

„Weil ein Pferd stirbt“, sagte er.

Der Schütze legte den Bogen ins Gras.

Das war das Erste, was er tat. Nicht sprechen. Er legte den Bogen weg — und Daan, der sah, was andere nicht sahen, verstand, dass das kein kleiner Vorgang war.

„Ich habe dir gesagt, dass man es nicht sagen kann“, sagte der Silberne. „Ich habe nicht gesagt, dass man es nicht zeigen kann.“

„Dann zeigen Sie es mir.“

„Es hat einen Preis.“

„Natürlich hat es das.“

„Nicht die Art Preis, die du meinst.“ Der Schütze kam durch den Bach herüber; das Wasser ging ihm bis über die Stiefel, und er achtete nicht darauf. „Ich will nichts von dir. Ich nehme dir nichts weg. Der Preis ist einfach dieser: Wenn du es gesehen hast, hast du es gesehen. Du kannst es nicht mehr nicht wissen. Du wirst nie wieder in diesem Hof stehen und die leuchtenden Wesen ansehen und stolz sein.“

Er blieb vor Daan stehen.

„Sie werden dich immer noch feiern. Aber du wirst nicht mehr dazugehören. Nie wieder. Das ist der Preis. Ich zahle ihn seit vierzehn Jahren, und ich sage dir ehrlich: Ich weiss nicht, ob ich ihn noch einmal zahlen würde.“

Daan dachte an Liv, die ihm bei Tisch das Salz reichte und nicht durch ihn hindurchsah, sondern an ihm vorbei.

„Ich gehöre schon nicht mehr dazu“, sagte er.

Der Silberne nickte langsam.

„Dann komm.“

Sie gingen fast eine Stunde, tiefer, als Daan je gewesen war, und der Wald wurde alt. Die Bäume standen weiter auseinander. Das Unterholz hörte auf. Es war, als ginge man durch einen Saal.

Und dann kamen sie auf eine Lichtung, und Daan blieb stehen, weil ihm der Käfer auf der Schulter kalt wie ein Tropfen Eis wurde.

In der Mitte lag ein Teich.

Er war schwarz und vollkommen glatt, und die Sterne lagen darin, ohne zu zittern. Es ging kein Wind, und doch hatte Daan das Gefühl, dass etwas hier atmete, sehr langsam, sehr tief, wie ein Haus atmet, in dem jemand schläft.

„Hier ist es dünn“, sagte der Schütze.

„Was ist dünn?“

„Alles.“

Er trat an den Rand des Wassers.

„Ihr nennt es den Wald“, sagte er. „Ihr sagt, die Wesen kommen aus dem Wald, so wie man sagt, das Brot kommt aus dem Ofen. Der Wald ist kein Ort. Der Wald ist eine Wand. Und an manchen Stellen ist die Wand dünn genug, dass man hindurchsehen kann.“ Er sah Daan an. „Die meisten Menschen sehen nichts. Ein paar sehen ein Flackern. Und du —“

Er machte eine kleine, fast höfliche Handbewegung zum Wasser hin.

„Du siehst.“

Daan trat an den Teich.

Er sah hinunter, und das Wasser und die Sterne und sein eigener Atem hielten inne.

Zuerst war da nur das schwarze Wasser und die Sterne. Dann verschoben sich die Sterne, ganz langsam, wie Dinge sich verschieben, wenn man aufhört, sie sehen zu wollen — und Daan begriff, dass es nicht die Spiegelung eines Himmels war, sondern ein Himmel. Ein anderer. Und darunter lag Land.

Er sah einen Wald.

Er sah seinen Wald — dieselben Bäume, dieselben Lichtungen, dieselbe Krümmung des Hügels im Süden, alles so vertraut, dass ihm der Atem stockte —

und es war dunkel.

Nicht Nacht-dunkel. Nicht Wolken-dunkel.

Leer-dunkel.

Da war kein Licht zwischen den Bäumen. Kein Goldstaub, der zwischen den Stämmen hing. Kein Schimmern in den Lichtungen. Kein Flackern, kein Funkeln, kein einziges kleines, müdes grünes Pünktchen unter einem Blatt.

Und es war still.

Daan hatte in seinem Leben viel Stille gehört. Die Stille des äusseren Rings, wenn ein Name aufgerufen wurde, der nicht seiner war. Die Stille, wenn sein Vater nicht antwortete. Die Stille, nachdem Liv „Danke“ gesagt hatte.

Nichts davon war wie das hier.

Das hier war die Stille eines Hauses, in dem jemand seit sehr langer Zeit auf jemanden wartet, der nicht kommt, und in dem die Uhren trotzdem weitergehen.

Und dann sah er die Lichter.

Sehr weit weg, am Rand des dunklen Landes, bewegten sich ein paar wenige, winzige Punkte. Sechs. Vielleicht sieben. Sie zogen langsam durch die Schwärze, alle in dieselbe Richtung, alle nach Hause.

Es waren nicht viele.

Für eine ganze Welt waren es überhaupt nicht viele.

„Alles, was bei euch leuchtet“, sagte der Silberne hinter ihm, und seine Stimme war ganz ruhig, „hat einmal dort geleuchtet.“

Daan konnte den Blick nicht abwenden.

„Jedes Jahr“, sagte der Schütze. „Ein Jahrgang nach dem anderen. Seit über tausend Jahren. Ihr stellt eure Kinder in den Wald, und ihr jubelt, wenn eines gewählt wird, und ihr nennt es eine Ehre.“ Eine Pause. „Und drüben geht ein Licht aus.“

Und da spürte Daan es.

Es kam nicht durch die Ohren. Es kam durch die Brust. Ein Ziehen, warm und tief und namenlos, so wie man Heimweh spürt, bevor man weiss, dass man Heimweh hat — und es war nicht böse, es war überhaupt nicht böse, es war das Traurigste, was Daan je gefühlt hatte, weil es keine Drohung war und keine Wut, sondern nur:

Kommt zurück.

Bitte kommt zurück.

Er taumelte einen Schritt zurück vom Wasser.

Und im selben Moment — er hätte nicht sagen können, wie — merkte es ihn.

Etwas auf der anderen Seite drehte sich zu ihm hin. Nicht mit Augen. Nicht mit einem Körper. Aber es wandte sich ihm zu, und es tastete an der dünnen Stelle entlang, dorthin, wo er stand, und Daan spürte, wie es ihn fand.

Und es war nicht wütend.

Es war froh.

Es hielt ihn für eines von seinen. Es dachte, endlich, endlich sei eines heimgekommen.

Daan riss sich los, warf sich herum, fiel ins Gras und lag da und atmete, als wäre er unter Wasser gewesen, und über ihm standen die Sterne seiner eigenen Welt, hell und satt und gestohlen.

Er weinte, und er merkte es nicht.

Der Silberne liess ihn liegen. Er sagte nichts Tröstliches. Er stand nur daneben, still, wie jemand, der weiss, dass es hier nichts zu sagen gibt, weil er selbst einmal genau so im Gras gelegen hat.

Nach einer langen Zeit setzte Daan sich auf.

„Vierzehn Jahre“, sagte er heiser. „Sie sagten, Sie zahlen den Preis seit vierzehn Jahren.“

„Ja.“

„Dann haben Sie es also auch gesehen.“ Daan wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht. „Sie haben da hineingesehen, und dann sind Sie zurückgegangen und haben Ihr Wesen freigelassen. Wie die Prinzessin.“

Der Silberne antwortete nicht.

Und Daan, der auf dem Boden sass, nass und zitternd und müde bis auf die Knochen, sah zu ihm auf.

Und sah ihn an.

Richtig an.

Zum ersten Mal.

Die Welt wurde still, und Daan sah den Mann in Silber — und er sah, dicht bei ihm, dort, wo der Schatten am tiefsten war, einen mageren, halb verloschenen Schein.

Etwas kauerte neben dem Bogenschützen.

Etwas Kleines. Etwas Sterbendes.

Etwas, das nach Norden sah.