Was keiner sieht · Kapitel 22

Der Falke

„Sie haben selbst eins“, sagte Daan.

Der Silberne stand ganz still.

Und dann tat er etwas, womit Daan nicht gerechnet hatte. Er stritt es nicht ab. Er ging nicht fort. Er drehte den Kopf zur Seite, zu dem tiefen Schatten neben sich, und sagte, sehr leise, in einem Ton, den Daan noch nie von ihm gehört hatte:

„Komm.“

Und aus dem Schatten kam ein Falke.

Er kam nicht geflogen. Er humpelte — auf einem Fuss, den anderen angezogen, einen Flügel schleifend, über das Gras, langsam, mit jener entsetzlichen Würde, die verletzte Tiere haben, wenn sie sich weigern, es einfach sein zu lassen.

Er war einmal silbern gewesen. Man sah es noch an den Schwungfedern, an denen ein letzter kalter Schimmer hing, wie Frost auf altem Metall.

Jetzt war er grau.

Er kam bis an den Stiefel des Bogenschützen und blieb dort stehen und drehte den Kopf und sah nach Norden.

Daan konnte nichts sagen.

„Sein Name“, sagte der Silberne, „geht dich nichts an.“

Er sagte es ohne Schärfe. Es klang wie das Letzte, was er noch besass.

„Er hat mir das Auge gegeben“, sagte er. „Die ruhige Hand. Die Bahn eines Pfeils, ehe der Pfeil sie nimmt.“ Er sah auf das graue Bündel zu seinen Füssen hinunter. „Den Rest habe ich mir selbst beigebracht. Das ist das Schlimmere. Er hätte vor vierzehn Jahren nach Hause gehen sollen.“

„Vierzehn —“

Daan hörte seine eigene Stimme brechen.

„Vierzehn Jahre?“

„Ja.“

„Sie halten ihn seit vierzehn Jahren hier?“ Daan stand auf, und das Zittern in seinen Beinen war jetzt etwas anderes als Erschöpfung. „Er stirbt. Er stirbt seit vierzehn Jahren. Er kann nicht mal mehr fliegen —“

„Ich weiss.“

„Sie gehen durch dieses Reich und schiessen auf Menschen, damit sie ihre Wesen freilassen! Sie haben Agatha vergiftet! Sie haben mir gesagt, ich soll sehen — und die ganze Zeit —“ Daan rang nach Luft. „Sie sind ein Heuchler.“

„Ja“, sagte der Silberne.

Und da war nichts mehr, wogegen Daan hätte schreien können.

Der Mann in Silber stand vor ihm und nahm es hin, wie man Regen hinnimmt.

„Ich habe es hundertmal versucht“, sagte er. „Ich habe ihn an dieses Wasser getragen, öfter, als du in deinem Leben Wochen gehabt hast. Ich habe die Hände auf ihn gelegt. Ich habe mit ihm geredet. Ich habe ihm gesagt, er soll gehen.“

Eine Pause.

„Und dann bin ich mit ihm nach Hause gegangen.“

Der Falke drückte den Kopf gegen seinen Stiefel. Ganz kurz. Fast wie ein Trost.

„Warum?“, sagte Daan. „Sie wissen es. Sie haben es gesehen. Warum können Sie es nicht?“

Und da hob der Silberne endlich den Kopf.

„Weil ich dann nichts mehr wäre“, sagte er. „Und weil das, was ich dann nicht mehr wäre, das Einzige ist, was ihnen drüben noch bleibt.“

Daan verstand nicht.

„Rechne es aus.“ Der Schütze machte eine kleine, müde Geste über das dunkle Wasser. „Wer sonst kämpft für sie? Kein König. Keine Schule. Kein Obermagier. Ich bin der Einzige. Und ich kann es nur, weil ich das Auge habe. Weil ich einen Pfeil durch ein Schlüsselloch schiesse. Weil ich eine Bindung durchtrenne, ehe der Erwählte weiss, dass ich im Wald stehe.“

Er sah auf den Falken hinunter.

„Wenn ich ihn gehen lasse, bin ich ein Mann mit einem Bogen, den er nicht mehr spannen kann. Dann sind es zwei Lichter mehr drüben — seines und meines — und danach nie wieder eines. Nie wieder.“ Seine Stimme wurde ganz leise. „Ich zerstöre das Einzige, was ich liebe, um viele zu retten. Und ich weiss genau, was ich tue.“

Der Wald schwieg.

Und Daan stand am Rand des schwarzen Teiches und spürte, wie sich etwas in ihm umdrehte, langsam, kalt, wie ein Schlüssel in einem alten Schloss.

„Sie sind er“, sagte er.

„Wie bitte?“

„Der Obermagier.“ Daan lachte, und es war kein schönes Lachen. „Er steht in seinem Turm und sagt: Ich würde sie sterben lassen. Die Rechnung geht nicht schön auf, sie geht nur auf. Und er meint es ehrlich. Und Sie stehen hier im Wald und sagen dasselbe.“ Er zeigte auf den Falken. „Er opfert Liv für das Reich. Sie opfern ihn für die andere Welt. Sie rechnen beide. Sie rechnen nur in verschiedene Richtungen.“

Zum ersten Mal, seit Daan ihn kannte, sah der Silberne aus, als hätte ihn etwas getroffen.

Er stand sehr lange da.

Dann bückte er sich, hob den Falken auf — behutsam, mit beiden Händen, wie man etwas hebt, das aus Glas ist — und trug ihn ans Wasser.

„Sieh zu“, sagte er.

Er kniete sich hin. Er setzte den Falken an den Rand des Teiches, wo das schwarze Wasser die Sterne hielt und den anderen Himmel darunter.

Der Falke hob den Kopf.

Und Daan sah, wie sich das Tier straffte, wie ein Zittern durch die grauen Federn lief, wie der geschundene Flügel sich ein Stück hob, ein einziges Stück, zum ersten Mal seit Jahren vielleicht — weil es den Ruf hörte, weil es ganz nah war, weil es nur einen Atemzug entfernt war von zu Hause.

Und der Silberne legte beide Hände in sein Gefieder.

„Geh“, sagte er.

Seine Hände zitterten.

„Geh. Bitte. Geh doch endlich.“

Und Daan sah — er sah es, er konnte gar nicht anders — wie sich die Finger des Mannes ins Gefieder krallten. Nicht öffneten. Krallten. Wie sie sich schlossen, hart und weiss und ohne dass ihr Besitzer es befahl, und wie der Falke stillhielt, geduldig, so wie er seit vierzehn Jahren stillhielt.

Der Silberne riss ihn an sich.

Er presste den Kopf in die grauen Federn und machte ein Geräusch, das Daan sein Leben lang nicht mehr loswerden würde, und er blieb so, gebeugt am Rand des schwarzen Wassers, und liess nicht los.

Daan sagte nichts.

Er hatte gelernt, dass es Kummer gibt, den man nicht kleiner redet.

Nach einer langen Zeit stand der Mann in Silber auf. Er trug den Falken zurück in den Schatten. Er richtete sich, und als er sich umdrehte, war sein Gesicht wieder das eines Bogenschützen.

„Jetzt weisst du es“, sagte er.

„Ja.“

„Und jetzt weisst du auch, warum es niemand tut.“ Er hob den Bogen aus dem Gras. „Nicht, weil sie es nicht glauben. Sondern weil ihre Hände es nicht tun.“

Er ging an Daan vorbei, in Richtung der Bäume.

Dann blieb er stehen.

„Warte.“

Daan drehte sich um.

„Wenn du je einen Menschen findest, der es kann“, sagte der Silberne, ohne sich umzudrehen, „dann bring ihn hierher. An dieses Wasser.“

Er brauchte einen Moment dafür.

„Ich will es einmal sehen. Ein einziges Mal. Ich will sehen, dass es geht.“

Und dann war er zwischen den Bäumen, und der Wald schloss sich hinter ihm, und Daan stand allein an einem schwarzen Teich, in dem eine sterbende Welt auf ihre Kinder wartete.