Was keiner sieht · Kapitel 23
Die gestohlene Zeit
Er kam im Morgengrauen zurück und ging nicht schlafen.
Er ging über die Wiese hinter den Ställen, weil er wusste, wen er dort finden würde. Richard war immer als Erster wach. Nicht aus Pflichtgefühl — er war einfach ein Mensch, der es kaum erwarten konnte, dass der Tag anfing.
Er sass im nassen Gras neben seinem Drachen, den Rücken an dessen Flanke gelehnt, und ass ein Stück Brot.
Der Drache schlief. Er war so gross wie ein Scheunentor und rot wie ein Sonnenuntergang, der beschlossen hatte, nicht unterzugehen, und bei jedem Atemzug hob sich Richard ein Stück und sank wieder herab, als läge er auf dem Meer.
„Du siehst aus wie etwas, das ein Hund ausgegraben hat“, sagte Richard fröhlich.
Daan setzte sich neben ihn ins nasse Gras.
„Ich muss dir etwas sagen.“
Und dann sagte er es.
Er sagte es ganz. Er liess nichts weg und polsterte nichts. Den Hirsch. Das Fenster nach Norden. Elin auf dem Steinboden und die Stille, die sie danach hörte. Die Bindung, die in beide Richtungen läuft. Den Preis. Die dritte Naht, die in diesem Jahr riss.
Er erzählte vom schwarzen Teich und von der dunklen Welt darunter, in der dieselben Bäume standen wie hier und kein einziges Licht mehr brannte. Von den sechs Punkten, die durch die Schwärze heimwärts zogen. Von dem Ziehen in seiner Brust, das nicht böse gewesen war, sondern nur einsam.
Er erzählte von einem grauen Falken, der seit vierzehn Jahren nicht sterben durfte.
Richard sagte kein Wort.
Er sass da, den Rücken an seinem Drachen, das Brot vergessen in der Hand, und als Daan fertig war, hörte man nur den Atem des grossen Tieres, ein, aus, ein, aus, ruhig wie die Brandung.
Daan wartete darauf, dass Richard etwas Richardhaftes sagte. Einen Witz. Irgendetwas.
Richard sagte:
„Weiss Liv das?“
Und Daan begriff in diesem Augenblick zwei Dinge auf einmal.
Das eine war, dass Richard mit keinem einzigen Gedanken an sich selbst gedacht hatte. Nicht an seinen Drachen. Nicht an seine Gabe. Nicht an sein Leben, das gerade ein Ablaufdatum bekommen hatte. Seine erste Frage galt einem anderen Menschen, und es war ihm nicht einmal aufgefallen.
Das andere war, dass er darauf keine Antwort hatte, mit der er weiterleben konnte.
Richard drehte den Kopf.
„Daan.“
„Sie hat mich gefragt“, sagte Daan zu seinen Händen. „Im Hof. Sie hat gesagt: Sieh es dir an. Sag mir, dass ich recht habe.“
„Und?“
„Ich habe es angesehen.“
Die Sonne kam über den Stall. Sie legte sich in Streifen über das nasse Gras, und der Drache brummte im Schlaf.
„Es hatte schon angefangen“, sagte Daan. „Ganz wenig. Ein Kopfheben. Zwei Herzschläge nach Norden. Niemand hätte es gesehen.“ Er atmete. „Ich habe es gesehen.“
„Und du hast ihr gesagt —“
„Ich habe gesagt: Ihm fehlt nichts.“
Er hatte erwartet, dass Richard aufspringen würde. Dass er ihn schütteln würde, anschreien, vielleicht schlagen. Richard war gross, und Daan hätte es hingenommen und es beinahe angenehm gefunden.
Richard rührte sich nicht.
Er sah sehr lange über die Wiese, und als er endlich sprach, war seine Stimme ganz ruhig, und das war schlimmer als jedes Brüllen.
„Weisst du, was du ihr genommen hast?“
„Ich weiss, ich —“
„Nicht die Wahrheit.“ Richard schüttelte langsam den Kopf. „Die Wahrheit kriegt sie sowieso. Die kommt zu ihr, ob sie will oder nicht. Sie hat das Pferd. Sie wird zusehen.“
Er sah Daan an.
„Du hast ihr die Zeit gestohlen.“
Und Daan hörte, quer über zwei Reiche hinweg, eine sehr leise Stimme, die zu ihm gesagt hatte: Wenn du je jemandem dasselbe sagen musst, dann sag es früher. Ich hätte gern mehr Zeit gehabt, um mich davon zu verabschieden.
„Sie hätte neun Wochen gehabt“, sagte Richard. „Neun Wochen, um es anzusehen. Um sich zu gewöhnen. Um wütend zu sein und zu heulen und wieder wütend zu sein und irgendwann vielleicht — vielleicht — bereit.“ Er machte eine kleine Bewegung mit der Hand, als liesse er etwas fallen. „Die sind jetzt weg. Die gibst du ihr nie zurück.“
Daan sass im nassen Gras und sagte nichts.
„Ich habe sie geliebt“, sagte er schliesslich. Es klang erbärmlich. Es war das Erbärmlichste, was er je gesagt hatte.
„Ich weiss“, sagte Richard.
Und dann, sehr freundlich:
„Das ist ja das Schlimme daran.“
Der Drache schnaufte und drehte sich im Schlaf, und Richard rutschte ein Stück und fing sich mit der Hand.
Daan sah ihn an. Er wusste nicht, wie man diese Frage stellt, also stellte er sie einfach.
„Und du? Dein Drache. Er wird auch —“
„Ja.“ Richard sah nicht einmal hin. „Um mich kümmere ich mich später.“
Er sagte es so, wie man sagt, dass man das Fenster gleich zumachen wird. Ohne Pathos. Ohne einen einzigen Gedanken daran, dass er soeben etwas Ungeheuerliches getan hatte, indem er sich hintanstellte.
Dann stand er auf und klopfte sich das nasse Gras von der Hose.
„Komm“, sagte er.
„Wohin?“
„Zu Liv.“ Richard reichte ihm die Hand hinunter und zog ihn hoch, mühelos, wie er alles mühelos tat. „Du sagst es ihr. Heute. Jetzt. Und ich gehe mit, weil du sonst kneifst.“
„Sie wird mich hassen.“
„Ja“, sagte Richard. „Und dann sagst du es ihr trotzdem.“
Sie gingen um den Stall herum zur Koppel.
Sie sahen die Zaunlatte, an der Liv jeden Morgen lehnte, und sie war leer.
Sie sahen den Eimer, umgekippt, und das Wasser, das in der Morgensonne im Gras versickerte.
Und dann sahen sie Liv.
Sie kniete mitten auf der Koppel im nassen Gras, und ihre Arme lagen um den Hals des blauen Pferdes.
Und das Pferd lag.