Was keiner sieht · Kapitel 24

Was sie ihn fragte

Sie schrie nicht.

Das war das Erste, was Daan auffiel, als sie über die Koppel kamen: Liv schrie nicht, sie weinte nicht, sie rief nicht um Hilfe. Sie kniete im nassen Gras, hatte beide Arme um den Hals des Pferdes gelegt und redete leise auf es ein, in einem gleichmässigen, ruhigen Singsang, wie man mit einem Kind redet, das nicht einschlafen kann.

Sie war schon eine ganze Weile hier.

Das Pferd hatte die Beine unter sich gefaltet. Es hielt den Kopf noch oben, aber es hielt ihn mit Mühe, und sein Licht war nicht mehr blau. Es war die Farbe von Wasser unter Eis.

Und es sah nach Norden.

„Liv“, sagte Richard.

„Es ist gestürzt“, sagte sie, ohne aufzusehen. „Es ist nur gestürzt. Der Boden ist nass. Es steht gleich wieder auf.“

Daan ging in die Knie, zwei Schritte von ihr entfernt.

„Liv. Sieh mich an.“

„Es steht gleich wieder auf.“

„Ich habe dich angelogen.“

Die Hand in der Mähne hielt inne.

Und dann sagte er es. Alles. Er sagte es so, wie er es Richard gesagt hatte, ohne Polster, ohne Umweg — dass er im Hof hingesehen hatte, dass er den Kopf hatte hochgehen sehen, zwei Herzschläge nach Norden, und dass er gewusst hatte, was es bedeutet, und dass er trotzdem gesagt hatte: Ihm fehlt nichts.

Er sagte ihr vom schwarzen Teich und von der dunklen Welt darunter. Von den sechs Lichtern, die heimwärts zogen. Von dem Ruf, der nicht böse war, sondern einsam.

Er sagte ihr, dass sie ihr Pferd retten könne. Und was es koste.

Liv hörte zu, ohne sich zu rühren, das Gesicht an der Mähne.

Als er fertig war, war es sehr still auf der Koppel.

Dann richtete sie sich auf.

„Neun Wochen“, sagte sie.

„Liv —“

„Ich habe dich gefragt.“ Ihre Stimme war ganz ruhig, und darum war sie furchtbar. „Ich bin zu dir gekommen, im Hof, vor allen Leuten, und habe dich gefragt. Ich habe dich gebeten. Und weisst du, warum ausgerechnet dich, Daan?“

Er wusste es. Er wollte es nicht wissen.

„Weil du der Einzige warst, von dem ich dachte, dass er mich nicht anlügt.“

Sie stand auf. Sie war schmutzig bis zu den Knien, und ihre Hände zitterten, und sie hielt sie ganz still, indem sie sie zu Fäusten machte.

„Der Junge, der sieht“, sagte sie. „Alle reden davon. Der Obermagier redet davon. Der ganze Hof starrt dich an, als wärst du ein Wunder.“ Sie machte einen Schritt auf ihn zu. „Und du bist der grösste Feigling, den ich je getroffen habe.“

„Ja“, sagte Daan.

Es half nichts. Es machte alles nur schlimmer.

„Weisst du, was du bist?“ Ihre Stimme brach zum ersten Mal. „Du bist genau wie sie. Wie Agatha. Wie der Obermagier. Ihr steht alle da und wisst alles und sagt nichts, und ihr nennt es Liebe oder Vernunft oder die Ordnung —“

„Liv —“

„— und am Ende steht immer jemand anderes im Gras und hält etwas Sterbendes im Arm!“

Das Pferd rührte sich bei dem Lärm. Es versuchte, den Kopf zu heben, und schaffte es nicht ganz.

Liv sah es an. Alle Wut ging aus ihr heraus wie Luft aus einem Balg.

Sie sank wieder ins Gras.

„Sag mir, was ich tun soll“, sagte sie.

„Du musst es gehen lassen.“

„Und dann bin ich nichts.“

„Und dann lebst du.“

Liv lachte. Es war ein kleines, hässliches Geräusch, und es hatte mit Belustigung nichts zu tun.

Dann hob sie den Kopf und sah ihn an, und ihre Augen waren rot und trocken und vollkommen klar.

„Daan“, sagte sie. „Dein Käfer.“

Etwas in ihm wurde kalt.

„Er ist doch von dort, oder? Wie alle. Er hört den Ruf auch. Er will auch nach Hause.“ Sie legte den Kopf schief, ganz leicht, so wie das blaue Pferd es getan hatte, an dem allerersten Tag. „Er ist nur klein, also merkt es keiner.“

„Liv, das ist nicht —“

Würdest du ihn gehen lassen?

Und Daan öffnete den Mund.

Und da war nichts darin.

Kein Witz. Keine Antwort. Nicht einmal eine Lüge — er suchte danach, er suchte ehrlich nach einer, und er fand keine.

Er hatte diese Frage schon einmal gehört. Von einem Mädchen, das im Sterben lag und danach nichts mehr war.

Damals hatte er auch nichts gesagt.

Liv nickte langsam.

„Nein“, sagte sie. „Natürlich nicht.“

Sie wandte sich ab.

„Aber ich soll.“

Sie legte die Hände unter den Kopf des Pferdes.

„Steh auf“, sagte sie zu ihm. „Steh auf. Bitte. Bitte, steh auf.“

Und das blaue Pferd — weil Tiere geduldig sind, weil sie tun, was man von ihnen erbittet, weil es sie liebte auf jene einfache, ganze Art, mit der Tiere lieben —

stand auf.

Es brauchte lange. Es zitterte. Zweimal knickte ein Hinterbein ein, und beim dritten Mal warf es sich hoch und stand, schwankend, keuchend, mit gesenktem Kopf.

Und es leuchtete. Schwach. Kalt. Aber es leuchtete.

„Siehst du“, sagte Liv.

Sie sagte es nicht zu Daan. Sie sagte es zu niemandem.

„Siehst du. Es geht ihm besser.“

Sie nahm es am Halfter und führte es über die Koppel, langsam, Schritt für Schritt, und das Pferd folgte ihr.

An der Zaunlatte blieb sie stehen.

„Komm mir nicht nach“, sagte sie, ohne sich umzudrehen.

Dann waren sie fort.

Daan blieb im nassen Gras sitzen. Die Sonne war jetzt ganz über dem Stall, und es wurde ein schöner Tag, ein lächerlich schöner Tag.

Richard setzte sich neben ihn, und sie sagten eine Weile nichts.

„Richard.“

„Hm.“

Daan sah geradeaus.

„Könntest du es? Deinen Drachen. Gehen lassen.“

Und Richard tat etwas, das Daan ihm nie verzeihen würde.

Er dachte darüber nach.

Er sass da, kaute auf der Unterlippe, sah hinüber zu dem grossen roten Tier, das in der Morgensonne döste und dessen Flanke sich hob und senkte wie das Meer — und er dachte wirklich darüber nach, ehrlich, ohne Pose, so wie er alles tat.

„Ich weiss es nicht“, sagte er schliesslich.

Dann zuckte er die Schultern.

„Aber ich glaube schon.“

Und Daan sah ihn an — richtig an, mit allem, was der Käfer ihm gab, mit jedem Faden und jedem Zittern und jeder winzigen Wahrheit unter der Haut.

Und er sah, dass Richard nicht log.