Was keiner sieht · Kapitel 25

Wen niemand ruft

In der Nacht ging er zurück zum Teich.

Niemand hielt ihn auf. Das war das Merkwürdige an Ruhm: Man durfte auf einmal überallhin, und niemand fragte, wohin.

Der schwarze Teich lag zwischen den Bäumen wie ein herausgefallenes Stück Himmel, und die Sterne darin zitterten nicht.

Daan setzte sich ans Ufer.

„Also gut“, sagte er.

Er hob den Käfer von seiner Schulter. Er tat es vorsichtig, mit zwei Fingern, so wie man etwas anfasst, das kostbar ist — und dann sass das Tier auf seiner offenen Handfläche, klein und schwarz und ganz und gar unscheinbar, und rührte sich nicht.

„Ich habe dich noch nie richtig angesehen“, sagte Daan.

Der Käfer sagte nichts. Er sagte nie etwas.

„Sie fragen mich, ob ich dich gehen lasse. Alle fragen mich das. Ein sterbendes Mädchen hat mich gefragt, und Liv hat mich gefragt, und ich habe zweimal nichts gesagt, und ich bin es leid, ein Mensch zu sein, der zweimal nichts sagt.“

Er sah auf das schwarze Wasser.

„Also. Wir machen das jetzt.“

Seine Kehle war eng. Er hatte nicht gewusst, dass sie eng sein würde.

„Es ist ja nicht so, dass wir uns lange kennen“, sagte Daan. „Zehn Wochen. Du bist ein Käfer. Du hast noch nie ein Wort gesagt.“

„Und trotzdem bist du der Erste, mit dem ich rede.“

Er lachte kurz und nass.

„Nicht so wie sonst. Ich rede ja dauernd. Ich rede so viel, dass sie mich aus dem Unterricht werfen. Ich meine das andere Reden. Das, nach dem man weniger allein ist.“

Er streckte die Hand über das Wasser.

„Da unten ist dein Zuhause. Ich habe es gesehen. Es ist dunkel, und es wartet, und es ist sehr, sehr einsam.“

Er atmete aus.

„Geh.“

Er öffnete die Hand ganz.

Und der Käfer blieb sitzen.

„Geh“, sagte Daan wieder.

Nichts.

Er kippte die Hand ein wenig, zum Wasser hin, und der Käfer krabbelte drei Schritte — und drehte um, und krabbelte zurück in die Mitte seiner Handfläche, und blieb dort sitzen.

„Nein“, sagte Daan. „Nein, nein, so geht das nicht. Ich mache es dir doch leicht. Ich halte dich nicht fest. Sieh her —“ Er hielt die Hand tiefer, bis sie das Wasser fast berührte, dort, wo es dünn war, dort, wo eine ganze Welt wartete. „Da. Das ist es. Da musst du hin. Geh nach Hause.“

Der Käfer sass auf seiner Hand.

Etwas riss in Daan.

GEH DOCH ENDLICH!

Seine Stimme schlug gegen die Bäume und kam zurück, und irgendwo flog ein Vogel auf, und Daan sass mit ausgestrecktem Arm über einem schwarzen Teich und schrie einen Käfer an, und dann hörte er auf, weil er merkte, dass ihm die Tränen übers Gesicht liefen.

Er zog die Hand zurück an die Brust.

Und dann — endlich — sah er hin.

Die Welt wurde still.

Und Daan sah den Käfer, und der Käfer war nicht wie das Pferd.

Er war nicht wie der Hirsch, der lauschte. Er war nicht wie der graue Falke, der sich streckte, sobald er dem Wasser nahe kam. Er war nicht wie das blaue Pferd, das mit der Brust nach Norden stand, wie eine Nadel, ohne dass es das beschloss.

Der Käfer war einfach ein Käfer.

Er zog nicht. Er lauschte nicht. Er drehte sich nicht.

Er wartete nicht darauf, dass Daan die Hand öffnete, denn Daan hatte die Hand die ganze Zeit offen gehabt, und er war nicht gegangen.

Nichts an ihm wollte irgendwohin.

Und Daan sass sehr still und sah in das schwarze Wasser und auf die dunkle Welt darunter, in der irgendwo etwas Grosses und Einsames nach seinen Kindern rief, und er begriff.

Es ruft ihn nicht.

Sechs Lichter zogen durch die Schwärze, heimwärts. Ein Pferd stand nach Norden. Ein Hirsch war gegangen, und ein Falke wartete seit vierzehn Jahren darauf, gehen zu dürfen.

Und um diesen einen, kleinen, schwarzen, unscheinbaren Käfer weinte niemand.

Er war zu klein.

Man hatte drüben nicht bemerkt, dass er fort war.

Niemand hatte seinen Platz frei gelassen. Niemand hatte in der Dunkelheit die Hände gefaltet und gewartet. Niemand rief seinen Namen über die Wand zwischen den Welten, weil niemand je gemerkt hatte, dass er einen hatte.

Daan sass am Ufer, die Hand an der Brust, und weinte, und diesmal wusste er ganz genau, warum.

„Sie haben dich auch nicht vermisst“, flüsterte er.

Der Käfer krabbelte über seinen Daumen und blieb dort stehen.

„Drei Jahre“, sagte Daan. „Drei Jahre habe ich im äusseren Ring gestanden. Und keiner hat gemerkt, dass ich da war, und keiner hätte gemerkt, wenn ich nicht mehr da gewesen wäre.“

Er lachte, kurz und nass.

„Du hast mich nicht wegen der Gabe gewählt. Oder?“

Der Käfer sass da.

„Du hast mich wiedererkannt.“

Und über dem schwarzen Wasser, unter den Sternen zweier Welten, sass ein Junge, den nie jemand gewählt hatte, mit einem Wesen, nach dem nie jemand rief, und keiner von beiden ging irgendwohin.

Er brauchte lange, um wieder klar denken zu können.

Und als er es konnte, war der erste Gedanke kein tröstlicher.

Ich muss nie zahlen.

Liv würde alles verlieren. Richard würde alles verlieren. Der Silberne zerstörte seit vierzehn Jahren das Einzige, was er liebte.

Und Daan würde nichts verlieren. Gar nichts. Er konnte losgehen und kämpfen und alles tun, was getan werden musste, und am Ende sässe dieser Käfer immer noch auf seiner Schulter, weil ihn niemand heimrief.

Er hatte geglaubt, das sei ein Trost.

Es war das Gegenteil.

Denn wer nichts zu verlieren hat, hat auch keine Ausrede.

Daan stand auf.

Er wusste jetzt, dass er Liv nicht überreden konnte. Er würde es nie können. Er hatte kein Recht dazu, und es war ohnehin der Weg des Silbernen — Bindungen kappen, Menschen ausbluten lassen, damit eine Welt weiterlebt. Und der Weg des Obermagiers war derselbe, nur andersherum.

Beide rechneten. Beide opferten. Beide hatten recht.

Und Daan wollte keinen von beiden.

Er ging durch den nachtschwarzen Wald zurück, und je näher er der Schule kam, desto klarer wurde die Frage in ihm — die eine, die niemand gestellt hatte, die im Turmzimmer stehen geblieben war wie ein umgestossener Stuhl.

Und was, glaubst du, beschützen sie?

Er blieb am Waldrand stehen.

Drei Jahre lang hatte man ihm beigebracht, ein Beschützer des Reiches zu werden. Drei Jahre Unterricht, drei Jahre Prüfungen, drei Jahre Ehre.

In drei Jahren hatte ihm kein einziger Mensch gesagt, wovor.