Was keiner sieht · Kapitel 26
Die leeren Seiten
Die Bibliothek der Schule lag im Ostflügel, und Daan war in drei Jahren genau zweimal dort gewesen, beide Male unfreiwillig.
Sie roch nach Staub und kaltem Stein. Niemand sass an den langen Tischen. Auf dem Pult des Bibliothekars lag ein Buch, das seit Monaten auf derselben Seite offen stand, und man sah es daran, dass der Staub die Ränder schon zu einem grauen Rahmen gezogen hatte.
„Erstaunlich“, sagte Daan in die Stille. „Man hat mir immer gesagt, ich sei der Faulste an dieser Schule.“
Er fing bei der Geschichte an.
Es gab reichlich Geschichte. Es gab Bände über die Gründung des Reiches, über die Könige, über die Ernten, über einen Streit mit den Kaufleuten, in dem es hauptsächlich um Zölle auf Salzheringe gegangen war und der offenbar dreissig Jahre gedauert hatte. Es gab drei ganze Bücher über Zeremonien.
Es gab Listen der Erwählten, Jahrgang für Jahrgang, tausend Jahre zurück. Namen und Wesen, Namen und Wesen, säuberlich in Spalten.
Und es gab keine Kriege.
Daan las sich durch drei Jahrhunderte, bevor er begriff, dass ihm etwas fehlte, und es dauerte noch eine weitere Stunde, bis er sagen konnte, was.
In tausend Jahren hatten die Beschützer des Reiches nichts beschützt.
Kein Heer war gekommen. Kein Ungeheuer war aus dem Wald gestiegen. Kein Zauberer hatte einen Turm besetzt. Es gab keine einzige Schlacht, keine Belagerung, keinen Angriff — nichts, wogegen ein Mensch auf einem Drachen jemals hätte fliegen müssen.
Sie wurden gewählt. Sie wurden gefeiert. Sie ritten in den Dienst, sie wurden alt, sie starben.
Und in der Spalte daneben stand, bei manchen, ein einziges kleines Wort.
Verloschen.
Daan sass an dem langen, leeren Tisch, und ihm war kalt.
Er zählte sie.
Er zählte, bis er nicht mehr wollte, und dann zählte er trotzdem weiter, weil er wissen wollte, wie gross das Wort war, das man ihnen gegeben hatte.
Es war ein sehr grosses Wort.
Dann fand er die alten Bände.
Sie standen ganz hinten, in einem Regal, an das man einen Schrank geschoben hatte — nicht versteckt, nur unbequem, was viel wirksamer ist. Das Leder war schwarz geworden. Die Schrift war eckig und altertümlich, und Daan musste jedes Wort zweimal lesen.
Er las von der Gründung. Von den ersten Anwärtern. Von einem Wald, der damals noch anders hiess.
Und dann kam eine Seite, auf der der Satz mitten im Wort aufhörte.
Daan drehte um.
Die nächste Seite war nicht die nächste Seite.
Er hielt das Buch näher an die Lampe, und da sah er es: den feinen, sauberen Grat am Bund, wo ein Messer gesessen hatte. Kein Riss. Kein Ausriss. Jemand hatte sich Zeit genommen. Jemand hatte die Seiten herausgeschnitten, sorgfältig, eine nach der anderen, mit ruhiger Hand.
Es waren viele.
Er ging die Bände durch, alle sieben, und in jedem einzelnen fehlte etwas, und immer an derselben Stelle: dort, wo der Text von den ersten Bindungen sprach.
Nur einmal, ganz am Rand einer Seite, die man übersehen hatte, weil sie zur Hälfte von einer Wasserader unleserlich war, stand ein halber Satz.
Daan las ihn dreimal.
… und solange die Bindungen halten, hält die Wand.
Er lehnte sich zurück.
Die Wand. Der Silberne hatte das Wort benutzt, dort am Teich. Der Wald ist kein Ort. Der Wald ist eine Wand.
Solange die Bindungen halten, hält die Wand.
Und wenn sie nicht halten?
„Ich hatte gehofft, du wärst zu faul dafür.“
Daan fuhr herum.
Agatha stand zwischen den Regalen. Er hatte sie nicht kommen hören — und das, dachte er später, sagte mehr über sie aus als alles andere.
Ihr Blick ging an ihm vorbei auf den Tisch. Auf die sieben schwarzen Bände. Auf das offene Buch mit dem sauberen Schnitt am Bund.
Und Daan sah, wie ihr Gesicht sich veränderte.
Es wurde nicht wütend. Es wurde nicht streng.
Es wurde alt.
„Wer hat die Seiten herausgeschnitten?“, sagte Daan.
Agatha antwortete nicht.
„Er war es. Der Obermagier.“
„Leg das weg, Daan.“
„In tausend Jahren“, sagte Daan, und seine Stimme wurde laut in der leeren Bibliothek, „hat kein einziger Beschützer je etwas beschützt. Es gab nie einen Krieg. Es gab nie einen Feind. Nicht einen einzigen!“ Er schlug mit der flachen Hand auf die Liste, auf die Spalten mit den Namen. „Wir werden ausgebildet, um gegen nichts zu kämpfen. Und dafür stirbt drüben eine ganze Welt.“
Agatha kam langsam an den Tisch.
Sie sah auf die Listen hinunter. Auf die kleinen, ordentlichen Wörter in der Spalte am Rand.
Verloschen. Verloschen. Verloschen.
„Es gibt keinen Feind“, sagte sie leise. „Da hast du recht. Es hat nie einen gegeben.“
„Dann —“
„Und trotzdem“, sagte Agatha, „ist das die dümmste Frage, die du je gestellt hast.“
Daan starrte sie an.
„Du fragst, wovor wir das Reich beschützen.“ Sie legte die Fingerspitzen auf den halben Satz am Seitenrand, sehr sanft, so wie man etwas berührt, das man auswendig kennt. „Das ist die falsche Frage. Ich habe sie mir auch gestellt, als ich so alt war wie du, und ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um zu merken, dass sie falsch ist.“
Sie sah ihn an.
„Frag lieber, was geschieht“, sagte sie, „wenn die Letzten von ihnen nach Hause gehen.“
Die Lampe knisterte.
Draussen, auf der Koppel, wieherte ein Pferd, dünn und heiser, und es klang nicht mehr wie ein Pferd.
Und Daan begriff, mit einer Kälte, die ihm bis in die Finger lief, dass der silberne Bogenschütze — der Mann, der recht hatte, der Mann, der für eine sterbende Welt kämpfte, der einzige Ehrliche in diesem ganzen verfluchten Reich —
dass dieser Mann seit vierzehn Jahren mit aller Kraft daran arbeitete, die Wand einzureissen.
Daan trug den schwersten der sieben Bände die Turmtreppe hinauf und legte ihn dem Obermagier auf den leeren Tisch.
Er schlug ihn auf, dort, wo der Satz mitten im Wort aufhörte, und drehte ihn herum, damit der alte Mann den sauberen Schnitt am Bund sehen konnte.
„Sie haben ruhige Hände“, sagte Daan.
Der Obermagier betrachtete das Buch.
Und dann tat er etwas, das Daan die Sprache verschlug.
Er lächelte. Nicht das freundliche Lächeln. Ein anderes — müde, warm, fast stolz, so wie ein Mann lächelt, der seit langer Zeit auf etwas gewartet hat und nun sieht, dass es endlich eingetroffen ist.
„Endlich“, sagte er.
„Endlich?“
„Setz dich, Daan.“
„Ich will mich nicht —“
„Setz dich. Du wirst es gleich wollen.“
Daan setzte sich.
„Ich habe dir gesagt, dass ich es dir nicht sage“, begann der Obermagier. „Und ich habe es nicht gesagt. Ich habe dich in das Reich des Königs geschickt, damit du einen Hirsch nach Norden lauschen siehst. Ich habe dich mit einer Frau in den Wald geschickt, von der ich wusste, dass sie dir die halbe Wahrheit nicht verweigern kann, wenn es sie das Leben kostet. Und ich habe dich in einer Bibliothek suchen lassen, in der die entscheidenden Seiten fehlen — weil ein Mensch nichts glaubt, was man ihm sagt.“
Er lehnte sich zurück.
„Aber was er selbst gefunden hat, das lässt er nie wieder los. Und jetzt hast du es gefunden. Also frag.“
Daan brauchte einen Moment, um seine Stimme wiederzufinden.
„Was ist die Wand?“
„Genau die richtige Frage.“ Der Obermagier stand auf und ging zum Nordfenster. „Sie ist keine Mauer, wenn du das denkst. Man kann sie nicht sehen und nicht anfassen, und sie steht nirgendwo. Sie ist das, was zwei Welten daran hindert, dieselbe zu werden.“
„Und woraus ist sie?“
Der alte Mann schwieg lange.
„Aus ihnen“, sagte er.
Daan verstand nicht. Und dann verstand er doch, und es war, als hätte ihm jemand den Boden weggezogen.
„Die Wesen.“
„Jedes leuchtende Wesen, das zu uns kommt und sich an einen Menschen bindet, gehört von diesem Augenblick an zu beiden Welten“, sagte der Obermagier. „Es ist von dort. Und es ist bei uns. Es ist eine Naht, Daan. Ein Stich. Und tausend Jahre lang haben wir Stich um Stich gesetzt, Jahrgang um Jahrgang, Kind um Kind — und daraus ist die Wand geworden, die uns trennt.“
Er drehte sich um.
„Wir haben unsere Wand aus den Kindern der anderen Welt genäht.“
Daan sass ganz still.
„Das ist die Wahrheit, die auf den Seiten stand, die ich herausgeschnitten habe“, sagte der Obermagier. „Und jetzt weisst du, warum.“
„Und wenn die Nähte reissen?“, sagte Daan. „Wenn die Letzten nach Hause gehen?“
„Dann fällt die Wand.“
„Und dann kommt was? Ein Heer? Ein Ungeheuer? Was kommt durch, verdammt noch mal?“
„Nichts kommt durch“, sagte der Obermagier ruhig. „Das ist es ja.“
Er kam zurück an den Tisch, und zum ersten Mal, seit Daan ihn kannte, setzte er sich schwer.
„Stell dir zwei Krüge vor. In dem einen ist Wasser. In dem anderen ist keines. Und zwischen ihnen ist eine Wand.“ Er legte die Handflächen aneinander. „Nimm die Wand weg — und der volle Krug greift nicht an. Er tut gar nichts. Er ist einfach kein voller Krug mehr.“
Er zog die Hände auseinander.
„Sie werden uns nicht überfallen, Daan. Sie sind nicht böse. Sie sind leer. Und Leere greift nicht an. Leere füllt sich.“
Und Daan sah es vor sich, so deutlich, als stünde er wieder am schwarzen Teich: den goldenen Staub, der zwischen den Bäumen hing. Das blaue Pferd. Die Wiese. Richards Drache, der in der Sonne döste, riesig und rot und lebendig.
Und dann alles davon — grau.
Nicht zerstört. Nicht verbrannt. Nur ausgeglichen. Zwei Welten, die sich zu einer einzigen, dämmrigen, halblebendigen Ebene verlaufen, in der es nirgendwo mehr richtig hell und nirgendwo mehr richtig dunkel ist, und in der niemand mehr singt, weil keiner mehr genug Licht hat, um zu singen.
„Beide“, sagte er heiser. „Beide Welten.“
„Beide.“
„Der Silberne weiss das nicht.“
„Nein.“ Der Obermagier faltete die Hände. „Er glaubt, er rettet sie. Er ist der anständigste Mensch in diesem Reich, und er wird uns alle umbringen, und er wird es aus Liebe tun. So etwas kommt häufiger vor, als man denkt.“
Daan starrte auf den aufgeschnittenen Band.
„Und Sie“, sagte er langsam. „Sie lassen eine Welt sterben.“
„Ja.“
„Langsam. Über tausend Jahre. Damit unsere lebt.“
„Ja“, sagte der Obermagier. „Ich habe es so gehalten, und die vor mir haben es so gehalten, und ich werde es weiter so halten, bis ich tot bin. Es ist die schlechteste Rechnung, die je aufgestellt wurde.“
Er sah Daan an.
„Sie hat nur den Vorzug, die einzige zu sein, die aufgeht.“
Draussen zog eine Wolke vor die Sonne, und das Turmzimmer wurde für einen Moment dunkel.
Daan sass da, fünfzehn Jahre alt, mit einem Käfer auf der Schulter, und in ihm drehte sich etwas.
Denn irgendetwas stimmte nicht.
Nicht in der Rechnung. Die Rechnung stimmte. Sie war grauenhaft und sie stimmte, und der alte Mann hatte sie tausend Jahre lang gehalten wie ein Mann, der einen Balken trägt, damit ein Haus nicht einstürzt.
Es war etwas anderes.
Es war etwas, das niemand gefragt hatte.
„Warum“, sagte Daan langsam, „muss eine Bindung ewig sein?“
Der Obermagier sagte nichts.
„Elin hat ihren Hirsch gehen lassen. Der Hirsch ist heimgegangen. Ein Stich weniger, ja — aber das Wesen ist nicht tot. Es ist zu Hause. Es lebt.“ Daan beugte sich vor. „Warum kommt es nicht wieder?“
Die Stille im Turmzimmer wurde sehr gross.
„Warum wählen sie einen Menschen für ein ganzes Leben?“, sagte Daan. „Warum nicht für ein Jahr? Für zehn? Warum nicht — hingehen, heimgehen, wiederkommen? Warum ist es ein Diebstahl und kein —“
Er suchte nach dem Wort.
„— kein Besuch?“
Der Obermagier hatte sich nicht bewegt.
Er sass sehr still, und Daan sah, dass die Hände des alten Mannes auf dem Tisch lagen und dass sie ganz leicht zitterten, und in tausend Jahren hatte vermutlich niemand diese Hände zittern sehen.
„Sie müsste nicht ewig sein“, sagte der Obermagier.
Es war fast ein Flüstern.
„Sie müsste es nicht. Nein.“
Er hob den Kopf, und sein Blick war der eines Mannes, der einen sehr weiten Weg sieht und weiss, dass er zu alt ist, um ihn zu gehen.
„Aber dafür“, sagte er, „müssten sie alle loslassen. Alle. Jeder Erwählte in diesem Reich. Jedes Jahr. Immer wieder. Sie müssten hergeben, was sie besonders macht, und dann als gewöhnliche Menschen weiterleben und im nächsten Jahr zusehen, wie ein anderes Kind das bekommt, was sie verloren haben.“
Er lächelte, und es war das traurigste Lächeln, das Daan je gesehen hatte.
„Nenne mir einen einzigen Menschen, mein Junge, der freiwillig aufhört, besonders zu sein.“
Und Daan stand auf.
„Zwei“, sagte er.
Und ging die Treppe hinunter, um Liv zu suchen.