Was keiner sieht · Kapitel 27

Ein Besuch

Sie hatte das Pferd in den alten Stall gebracht, weil es die Koppel nicht mehr schaffte.

Es stand in der hintersten Box, den Kopf über die halbe Tür gelegt, und es leuchtete kaum noch. Wenn man von der anderen Seite des Stalls kam, sah man erst nichts, und dann sah man ein mattes, kaltes Schimmern, wie Mondlicht auf nassem Stein.

Liv sass auf einem umgedrehten Eimer daneben. Sie hatte Stroh im Haar. Sie hatte seit Tagen nicht geschlafen; Daan sah es an ihr, als stünde es geschrieben.

Richard lehnte am Türrahmen und sagte nichts.

„Ich habe die Wahrheit“, sagte Daan.

Liv sah nicht auf.

Und Daan erzählte es. Die Wand. Die Nähte. Tausend Jahre. Die zwei Krüge und das Wasser, das sich ausgleicht, wenn man die Wand fortnimmt. Die graue, halbe Welt, in der niemand mehr singt.

Und dann die Frage, die niemand gestellt hatte.

„Es muss nicht für immer sein“, sagte er. „Das ist der Punkt, Liv. Das war es immer. Elins Hirsch ist nicht gestorben — er ist nach Hause gegangen. Er ist dort. Er lebt.“ Er ging in die Hocke, vor ihrem Eimer, damit sie ihn ansehen musste. „Und niemand — niemand, in tausend Jahren — hat je gefragt, ob eines von ihnen wiederkommt.“

Liv hob langsam den Kopf.

„Wiederkommt“, sagte sie.

„Lass es heimgehen. Lass es sich sattatmen, in seiner eigenen Welt, in seinem eigenen Licht. Und dann —“

„Und dann kommt es zurück.“

„Ja.“

„Woher weisst du das?“

Und da war die Stelle, an der Daan hätte lügen können. Es wäre so leicht gewesen. Er sah es genau vor sich, den ganzen Satz, fertig und rund: Ich habe es gesehen.

Er hatte diesen Satz schon einmal gesagt.

„Ich weiss es nicht“, sagte er.

Die Stille im Stall war entsetzlich.

„Ich weiss es nicht, Liv. Niemand weiss es. Es hat es noch nie jemand versucht. Kein Erwählter in tausend Jahren hat je ein Wesen freiwillig gehen lassen und dann darauf gewartet, ob es wiederkommt — weil keiner es freiwillig gehen lässt.“

Liv stand auf.

Sie stand sehr langsam auf, so wie jemand aufsteht, dem alles wehtut.

„Du kommst hierher“, sagte sie, „in diesen Stall, in dem mein Pferd nicht mehr laufen kann. Und du bittest mich, es fortzuschicken. Damit ich alles verliere, was ich bin.“ Ihre Stimme war ganz leise. „Auf ein Vielleicht.“

„Ja.“

„Und wenn es nicht wiederkommt?“

„Dann bist du gewöhnlich und dein Pferd ist zu Hause und lebendig.“

„Und ich habe nichts“, sagte Liv. „Gar nichts. Nicht einmal ein Grab.“

Daan hätte schweigen können. Sie hatte recht. Sie hatte in allem recht, seit Wochen, und es war zum Verrücktwerden.

Er schwieg nicht.

„Das stimmt nicht“, sagte er. „Du hast nicht nichts. Du hast nur nichts, was die anderen sehen können.“

„Das ist dasselbe.“

„Nein, das ist —“

Und dann sah er sie an.

Er wollte es nicht. Es passierte, wie es immer passierte: Die Welt wurde still, höflich, und zeigte ihm, was da war. Die Hand an der Mähne, die nicht streichelte, sondern festhielt. Die Schultern. Der Winkel des Kinns, den sie erst hatte, seit man sie gewählt hatte.

„Du hältst es nicht, weil du es liebst“, sagte Daan.

Liv wurde ganz still.

„Doch, du liebst es. Aber deshalb hältst du es nicht.“ Er hörte sich selbst zu, wie man einem Fremden zuhört, und er hörte nicht auf. „Du hältst es, weil du ohne das Pferd wieder das Mädchen bist, an dem alle vorbeigehen. Du kennst das seit ein paar Wochen nicht mehr. Ich kenne es seit fünfzehn Jahren.“

Es war die Wahrheit.

Er hatte sie nicht gesucht. Er hatte hingesehen, und da war sie gewesen, wie immer — und er hatte sie genommen und geworfen, weil sie das Einzige war, was er besass, das wehtut.

Der Stall war sehr still.

„Du siehst Dinge“, sagte Liv.

Es war derselbe Satz, mit dem sie ihn im Hof gebeten hatte, ihr recht zu geben. Sie sagte ihn diesmal anders.

„Liv —“

„Und du benutzt sie.“

Liv drehte sich zu ihrem Pferd um und legte die Stirn an seinen Hals.

„Geh weg, Daan.“

„Liv —“

Geh weg.

„Also gut“, sagte Richard vom Türrahmen her. „Dann machen wir's mit meinem.“

Liv hob den Kopf.

Richard stand da, die Arme verschränkt, und sah aus, als hätte er gerade vorgeschlagen, zum Bäcker zu gehen. Er hatte alles gehört, jedes Wort, von Anfang an. Daan wusste es, weil Richard ihn nicht ansah.

„Was?“, sagte Daan.

„Na, irgendjemand muss doch nachsehen.“ Er zuckte die Schultern. „Ihr steht hier und streitet euch um ein Vielleicht. Ein Vielleicht ist eine ziemlich blöde Sache, um sich darum zu streiten. Also finden wir raus, ob es ein Ja oder ein Nein ist.“

„Richard.“ Daan war aufgestanden, ohne es zu merken. „Richard, wenn er nicht zurückkommt, dann bist du —“

„Ein grosser Kerl ohne Drachen. Ich weiss.“

„Du verlierst alles.“

„Ich verliere ein Feuer, das ich nie gebraucht habe.“ Richard löste sich vom Türrahmen. „Daan, ich bin ein hervorragender Reiter, ein passabler Kämpfer und der beliebteste Mensch, den ich kenne. Ich war das alles schon, bevor mir ein Drache begegnet ist. Ich hatte nie das Problem, dass mich niemand sieht.“

Er sagte es ohne jede Spitze. Er merkte gar nicht, was er gesagt hatte.

Und Daan spürte, wie ihm etwas in der Kehle wehtat.

„Und Liv?“, sagte Richard und sah zu ihr hinüber, die noch immer die Stirn an der Mähne hatte. „Wenn es klappt, kriegt sie ihr Pferd wieder. Wenn es nicht klappt, weiss sie es wenigstens, bevor sie sich entscheiden muss.“ Er schob die Hände in die Taschen. „So oder so ist es besser, wenn ich es bin.“

Liv drehte sich um. Ihr Gesicht war nass.

„Das kannst du nicht tun“, sagte sie.

„Doch.“

„Richard, das ist dein Drache. Du liebst ihn.“

„Ja“, sagte Richard. „Sehr sogar.“

Und dann sagte er es, ganz einfach, wie man das Wetter sagt, und Daan wusste in diesem Augenblick, dass er den Satz sein Leben lang nicht mehr vergessen würde:

„Und wenn er nicht zurückkommt — dann ist er wenigstens zu Hause.“

Niemand sagte etwas.

Das kranke Pferd atmete in der hintersten Box, und draussen, über der Wiese, lag ein grosses rotes Tier in der Abendsonne und ahnte nichts.

„Wann?“, sagte Daan schliesslich.

„Morgen früh.“ Richard grinste, und es war ein schiefes, tapferes Grinsen, das Daan direkt in die Brust traf. „Ich will nicht drüber schlafen. Sonst denke ich womöglich nach, und das endet bei mir selten gut.“

Er ging hinaus in den Hof.

Daan sah ihm nach.

Und ganz weit hinten in seinem Kopf, an einem schwarzen Teich, unter Bäumen, die älter waren als das Reich, hörte er eine ruhige, müde Stimme, die vor vielen Nächten zu ihm gesagt hatte:

Wenn du je einen Menschen findest, der es kann — dann bring ihn hierher. Ich will es einmal sehen. Ein einziges Mal. Ich will sehen, dass es geht.

Daan schloss die Augen.

„Ich habe ihn“, sagte er leise.