Was keiner sieht · Kapitel 28
Der rote Drache
Sie brachen auf, als es noch dunkel war.
Der Drache flog nicht. Er hätte fliegen können, aber Richard ging zu Fuss, und deshalb ging der Drache zu Fuss, und er ging hinter ihm her wie ein sehr grosser, sehr zufriedener Hund, der nicht recht weiss, wohin es geht, und dem das vollkommen gleichgültig ist, solange es zusammen ist.
Es war der lächerlichste und der schönste Anblick, den Daan je gesehen hatte.
Liv kam mit. Sie sagte kein Wort auf dem ganzen Weg.
Der Wald wurde alt. Die Bäume standen weiter auseinander. Und dann lag die Lichtung vor ihnen, und in ihrer Mitte der schwarze Teich, glatt wie geschliffener Stein, mit den Sternen zweier Welten darin.
Der Silberne trat zwischen den Bäumen hervor.
Liv machte einen Schritt zurück und griff nach etwas, das sie nicht hatte. Richard stellte sich, ohne nachzudenken, halb vor sie.
„Sie haben auf meine Direktorin geschossen“, sagte Richard freundlich. „Verzeihen Sie, wenn ich nicht in Jubel ausbreche.“
Der Silberne sah ihn an — den grossen, breiten Jungen mit dem schiefen Grinsen, und hinter ihm das rote Tier, das so gross war wie ein Scheunentor.
„Du bist es also“, sagte er.
„Sieht so aus.“
„Weisst du, was du verlierst?“
„Ja“, sagte Richard. „Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, also weiss ich es ungefähr sechshundertmal.“
Er ging an dem Mann in Silber vorbei, an den Rand des Wassers, und der Drache trottete hinter ihm her und legte den grossen Kopf ins Gras.
Und dann kniete Richard sich neben ihn.
Es dauerte lange.
Er sagte nichts Grosses. Das war das Schlimmste daran. Daan stand fünf Schritte entfernt und hörte jedes Wort, und es war nichts Feierliches dabei, gar nichts.
„Du hast mir die Nase verbrannt“, sagte Richard. „Weisst du noch? Gleich am ersten Tag. Ich habe eine ganze Woche wie ein gekochter Krebs ausgesehen.“
Er kratzte dem Drachen die Stelle unter dem Kiefer, wo die Schuppen dünn waren.
„Du schnarchst. Furchtbar. Und du frisst Schafe, obwohl du weisst, dass du keine Schafe fressen sollst, und dann guckst du mich an, als wäre das Schaf von selbst gekommen.“
Der Drache brummte, tief, zufrieden.
„Danke für den Wind“, sagte Richard.
Seine Stimme brach ein einziges Mal, ganz kurz, und dann war sie wieder in Ordnung.
„Das war das Beste. Nicht das Fliegen. Der Wind. Wenn wir oben waren und alles klein war und mir das Zeug aus den Augen lief. Ich habe nie jemandem gesagt, wie sehr ich das —“
Er brach ab.
„Tut mir leid“, sagte er. „Dass ich es nicht früher gemerkt habe. Dass es dir schlecht ging. Ich hätte hinsehen sollen. Ich sehe ja nie hin, ich bin da nicht so gut drin.“
Er legte beide Hände auf den grossen roten Kopf.
„Geh nach Hause“, sagte er.
Und dann, als wäre ihm eben noch etwas eingefallen, in genau dem Ton, in dem er Daan jeden Morgen das Brot vom Teller stahl:
„Und wenn du magst — komm mich mal besuchen. Ja?“
Er öffnete die Hände.
Der Drache hob den Kopf.
Er sah nach Norden, und dann sah er Richard an, sehr lange, mit diesen grossen, dummen, treuen Augen — und dann stand er auf, und die Erde bebte ein wenig, und er ging ins Wasser.
Der Teich warf keine Welle.
Das rote Licht stieg auf. Es floss aus den Schuppen und aus den Flügeln und aus dem gewaltigen Brustkorb, nach oben, nach Norden, durch die Luft, als wäre die Luft nie dort gewesen — und einen Herzschlag lang stand der ganze Wald in Rot, jeder Stamm, jedes Blatt, Livs nasses Gesicht, das Silber des Bogenschützen —
und der Drache war so schön, wie er nie gewesen war, seit Daan ihn kannte.
Dann war er fort.
Und es war dunkel, und der Teich lag schwarz und still, und im Gras war eine grosse, warme Mulde, in der nichts mehr lag.
Richard kniete am Wasser.
Daan sah es, weil er nicht anders konnte: Er sah, wie es aus ihm herausging. Nicht wie Blut. Eher wie Wärme aus einem Raum, in dem das Feuer ausgeht. Das Grosse, das Selbstverständliche, das Mehr, das immer um Richard herum gewesen war und das man erst bemerkte, wenn es fehlte.
Als er sich umdrehte, war er ein Junge.
Ein grosser, kräftiger, ganz gewöhnlicher Junge mit nassen Knien und Stroh am Ärmel.
Er stand auf, klopfte sich die Hose ab, und sah sie an.
„Also“, sagte er. „Das war's dann wohl.“
Und Daan brach zusammen.
Nicht Richard. Richard nicht. Daan stand im Gras und hielt sich die Hand vor den Mund und weinte wie ein Kind, und Richard kam herüber, ein bisschen unbeholfen, und legte ihm den Arm um die Schultern und sagte: „Hey. Hey. Ist doch gut“, und tröstete ihn.
Er tröstete ihn.
Liv stand mit beiden Händen vor dem Gesicht und rührte sich nicht.
Und der Mann in Silber —
Der Mann in Silber stand am Rand der Lichtung, und der Bogen fiel ihm aus der Hand.
Er kam über das Gras. Langsam. Wie jemand geht, dem der Boden fremd geworden ist.
„Wie“, sagte er.
Richard drehte sich um. „Wie bitte?“
„Wie hast du das gemacht?“ Die Stimme des Bogenschützen war ganz dünn. „Ich versuche es seit vierzehn Jahren. Ich stehe jede Woche an diesem Wasser. Ich lege die Hände auf ihn und ich sage ihm, er soll gehen, und meine Finger —“ Er hob sie und sah sie an, als gehörten sie ihm nicht. „Meine Finger machen sich zu. Jedes Mal. Jedes einzelne Mal.“
Der Silberne stand vor Richard, und er war einen halben Kopf grösser, und er sah aus wie ein Bettler.
„Wie hast du das gemacht?“
Und Richard — der niemals nachdachte, der immer als Erster wach war, der sein ganzes Leben lang alles bekommen hatte und deshalb nie etwas hatte festhalten müssen —
Richard zuckte die Schultern.
„Ich hab ihn einfach gehen lassen“, sagte er.
Der Silberne schloss die Augen.
„Das ist keine Antwort.“
„Doch“, sagte Richard sanft. „Das ist die einzige, die es gibt.“
Sie warteten bis zum Mittag.
Sie sassen im Gras um den schwarzen Teich, alle vier, und keiner sprach viel. Die Sonne kam über die alten Bäume und legte sich auf das Wasser, und das Wasser blieb schwarz, weil es kein Wasser war.
Nichts kam.
Kein Licht. Kein Rot. Kein Beben in der Erde.
Der Teich lag da wie ein Loch in der Welt, und darunter, sehr weit weg, zog ein neues Licht durch eine dunkle Ebene nach Hause, und niemand hier oben konnte es sehen.
Liv stand irgendwann auf und ging.
Sie sagte nichts. Sie sah niemanden an. Sie ging einfach zurück in den Wald, dorthin, wo in einem dunklen Stall ein Pferd stand, das nicht mehr laufen konnte, und Daan wusste genau, was sie dachte, weil er es auch dachte.
Siehst du. Es kommt nicht zurück.
Richard sah ihr nach.
Dann lehnte er sich zurück ins Gras, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und sah in den Himmel, in dem nichts war.
„Na ja“, sagte er.
Und nach einer Weile:
„Dann warten wir halt.“