Was keiner sieht · Kapitel 29
Ein gewöhnlicher Junge
Es sprach sich schneller herum, als Daan für möglich gehalten hätte.
Am zweiten Tag wusste es die halbe Schule. Am dritten wich man Richard auf den Gängen aus.
Nicht aus Bosheit. Das war das Bittere daran. Sie hatten ihn geliebt — sie liebten ihn immer noch, irgendwie, in derselben Weise, in der man einen Menschen liebt, der eine sehr peinliche Krankheit hat. Sie senkten die Stimmen, wenn er kam. Sie lächelten zu breit. Ein Anwärter aus dem dritten Jahrgang klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „Tut mir leid, Alter“, so wie man es bei einem Todesfall sagt, und ging dann sehr schnell weiter.
Und ein paar von ihnen — und das war das Schlimmste — sahen ihn an, als hätte er etwas Ansteckendes.
Denn er hatte etwas getan, das keiner von ihnen dachte tun zu können. Und solange niemand es tat, war es keine Frage. Jetzt war es eine.
Richard trug es mit einer Fröhlichkeit, die Daan fast wahnsinnig machte.
„Ich habe jetzt viel mehr Zeit“, sagte er beim Essen. „Weisst du, wie lange man braucht, um einen Drachen zu füttern? Ich habe praktisch ein zweites Leben.“
„Richard.“
„Und die Wäsche riecht besser. Er hat nach Schwefel gestunken. Alles hat nach Schwefel gestunken. Meine Socken haben nach Schwefel gestunken.“
„Richard.“
„Was?“
Daan sah ihn an und fand kein einziges Wort.
Am zehnten Tag fand er ihn auf der Wiese hinter den Ställen.
Richard sass im Gras. Nicht mittendrin — am Rand. Er sass genau dort, wo er immer gesessen hatte, mit dem Rücken an einer Flanke, die nicht mehr da war, und vor ihm lag eine grosse, flache, plattgedrückte Stelle im Gras, in der Form eines schlafenden Tieres.
Das Gras richtete sich langsam wieder auf. Man sah die Form noch. In ein paar Tagen würde man sie nicht mehr sehen.
Richard sagte nichts, als Daan sich neben ihn setzte.
Sie sassen eine Weile.
„Ich höre ihn nachts“, sagte Richard.
Daan sah ihn an.
„Nicht — nicht so, wie du denkst. Ich meine, ich höre nichts. Das ist es ja.“ Er zupfte einen Grashalm heraus. „Er hat immer geschnarcht. Die ganze Zeit. Man hat es bis in den Schlafsaal gehört, alle haben sich beschwert.“ Er drehte den Halm zwischen den Fingern. „Und jetzt liege ich da und warte drauf, und es kommt nicht, und dann bin ich wach.“
„Richard —“
„Es ist in Ordnung“, sagte Richard schnell. „Ich würde es wieder tun. Sofort.“
Und dann, sehr leise, zu dem Grashalm:
„Ich hätte nur gern gewusst, ob er gut angekommen ist.“
Daan sass neben ihm und wusste, dass es nichts gab, was er sagen konnte, und er hasste sich dafür, dass er trotzdem nach etwas suchte.
Der Obermagier liess ihn am Abend rufen.
„Du hast eine Naht gelöst“, sagte er, ohne Begrüssung.
„Ich weiss.“
„Eine der wenigen, die zwei Welten auseinanderhalten. Du hast sie herausgezogen, weil du eine Theorie hattest.“ Der alte Mann sah ihn an, und zum ersten Mal lag etwas in seinem Gesicht, das nicht freundlich war. „Und wo ist der Drache, Daan?“
Daan sagte nichts.
„Ein Junge, der niemandem je etwas getan hat, hat alles hergegeben, was ihn ausmachte. Für deine Theorie. Und deine Theorie ist —“ Der Obermagier hielt inne. „Sag du es.“
„Unbewiesen“, sagte Daan.
„Unbewiesen.“
Es war schlimmer, als angeschrien zu werden. Es war viel schlimmer.
Daan stand in dem Turmzimmer, in dem er vor einer Woche noch triumphiert hatte, und spürte, wie ihm die Wände entgegenkamen.
„Und trotzdem“, sagte der Obermagier.
Daan hob den Kopf.
Der alte Mann war ans Nordfenster getreten. Er stand dort mit dem Rücken zu ihm, sehr aufrecht, sehr alt.
„Ich halte diese Wand seit sechzig Jahren“, sagte er. „Ich spüre jede Naht. Ich habe sie reissen gespürt, Daan — dreimal in diesem Jahr, dreimal ein Schnitt, den man im Rückgrat fühlt, wie wenn ein Seil unter Last bricht.“
Er drehte sich um.
„Vor zehn Tagen, als dein Drache hinüberging, habe ich nichts dergleichen gespürt.“
„Sie —“
„Sie ist nicht gerissen.“ Der Obermagier sagte es langsam, als traute er den Wörtern nicht. „Sie hat sich gebogen. Sie hat sich gedehnt, wie etwas, das nachgibt und dann wieder zurückschwingt. Ich habe das in sechzig Jahren nicht ein einziges Mal gespürt, und ich weiss nicht, was es bedeutet.“
Und Daan sah, dass die Hände des alten Mannes wieder zitterten.
„Ich weiss es nicht“, sagte der Obermagier noch einmal, fast staunend. „Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit weiss ich etwas nicht.“
Daan trat einen Schritt vor.
„Dann könnte es bedeuten, dass er wiederkommt.“
„Es könnte bedeuten, dass ein alter Mann müde ist und sich etwas eingebildet hat.“
„Aber es könnte —“
„Ja“, sagte der Obermagier. „Es könnte.“
Er setzte sich, schwer, und sah auf seine Hände.
„Und weil es könnte“, sagte er, „bin ich jetzt ein Mann, der hofft. Weisst du, wie gefährlich das ist? Ich habe tausend Jahre Arithmetik im Rücken und ich fange an zu hoffen, wie ein Bauer, der in den Himmel guckt.“
Er sah auf.
„Bring mir den zweiten.“
Daan wurde kalt.
„Liv.“
„Ihr Pferd stirbt ohnehin. Ich sage das nicht, um grausam zu sein; ich sage es, weil es wahr ist und weil du dich nachher nicht belügen sollst.“ Der Obermagier faltete die Hände. „Sie hat noch Tage. Vielleicht eine Woche. Danach ist die Frage nicht mehr, ob sie loslässt. Danach ist die Frage, ob wir sie begraben.“
Daan rannte.
Er rannte die Turmtreppe hinunter, über den dunklen Hof, an den Ställen vorbei, und er riss die Tür des alten Stalls auf, und der Riegel schlug gegen die Wand.
Die hinterste Box stand offen.
Der umgedrehte Eimer lag im Stroh.
Und die Box war leer.