Was keiner sieht · Kapitel 30
Die offene Hand
„Vielleicht ist sie nach Hause“, keuchte Richard, während sie über den dunklen Hof rannten. „Zu ihrer Familie. Vielleicht will sie nur, dass es dort —“
„Nein“, sagte Daan.
Er wusste es. Er wusste es mit einer Sicherheit, die ihm den Magen umdrehte, und er hätte nicht sagen können, ob es der Käfer war oder ob es einfach das war, was er selbst getan hätte.
Es gab nur einen Ort.
Sie rannten in den Wald.
Ein sterbendes Pferd geht langsam. Das war das Einzige, worauf Daan hoffen konnte, und er hasste sich für den Gedanken, während er ihn dachte.
Sie fanden die Spur nach einer halben Stunde: einen Huf im weichen Boden, dann noch einen, dann eine Stelle, wo etwas Schweres gestrauchelt und sich wieder aufgerappelt hatte. Sie war nicht geritten. Sie hatte es geführt. Schritt für Schritt, die ganze Nacht, durch einen Wald, in dem sie sich nicht auskannte, mit einem Tier, das kaum noch stehen konnte.
Richard blieb einmal stehen, die Hände auf den Knien.
„Warum?“, keuchte er. „Warum in Gottes Namen bringt sie es dorthin?“
Und Daan, der rannte und rannte und dem die Luft riss, hörte sich selbst antworten, und er wusste erst, was er sagte, als er es gesagt hatte.
„Weil sie mitgehen will.“
Richard richtete sich auf.
Dann rannten sie schneller, als sie je gerannt waren.
Der Morgen war grau, als sie die Lichtung erreichten.
Der Teich lag schwarz zwischen den alten Bäumen, und im flachen Wasser am Rand stand Liv.
Sie stand bis über die Knie darin, in ihrem Umhang, mit dem Halfter in der Hand, und neben ihr, mit hängendem Kopf, die Hufe im Wasser, stand das blaue Pferd.
Es leuchtete kaum noch. Es war nur ein Schimmern, eine Ahnung von Farbe, wie ein Hauch auf kaltem Glas.
„LIV!“
Sie drehte sich nicht um.
Daan rannte über die Lichtung, und der Käfer auf seiner Schulter brannte kalt, und er wusste in dem Augenblick, in dem seine Stiefel das Wasser trafen, dass er zu langsam war. Er war immer zu langsam. Das war der Fluch seines ganzen verfluchten Lebens: alles sehen und immer, immer einen halben Herzschlag zu spät kommen.
„Liv, tu das nicht!“
„Geh weg.“
Ihre Stimme war ganz ruhig.
„Es ist tief, Liv — es ist nicht Wasser, du weisst nicht, was —“
„Ich weiss genau, was es ist.“ Sie sah auf das schwarze Wasser hinunter, in dem ein anderer Himmel lag. „Es ist da, wo es hinwill.“
Sie zog leicht am Halfter.
„Komm“, sagte sie zu dem Pferd. „Wir gehen zusammen.“
Und Daan stand im flachen Wasser, fünf Schritte entfernt, und begriff, dass es nichts gab, was er sagen konnte. Keine Wahrheit. Kein Argument. Er hatte alles gesagt, was ein Mensch sagen kann, und sie hatte alles gehört, und sie ging trotzdem.
„Liv, bitte —“
„Warum sollte ich hierbleiben?“ Sie fuhr herum, und zum ersten Mal war ihre Stimme nicht ruhig, sondern roh und wund und laut. „Wofür? Damit ich gewöhnlich bin? Damit ich zusehe, wie im nächsten Jahr irgendein Kind mein Leben bekommt? Damit ich alt werde und mich erinnere?“ Ihr Gesicht war nass. „Ich habe nichts, Daan. Ich habe nur das. Und wenn es geht, dann geht es nicht ohne mich.“
Sie wandte sich wieder um.
Und sie ging tiefer.
Das Wasser stand ihr an den Hüften. Zwei Schritte weiter fiel der Grund ab; Daan sah es, er sah die Kante unter der schwarzen Oberfläche, er sah alles, wie immer, wie immer.
„Komm“, sagte Liv und zog am Halfter.
Das Pferd ging nicht.
Sie zog fester.
„Komm doch. Wir gehen nach Hause. Zusammen.“
Das Pferd rührte sich nicht.
Es stand im flachen Wasser, den Kopf gesenkt, die Beine zitternd vor Schwäche — und es setzte keinen einzigen Huf nach vorn.
„Bitte“, sagte Liv, und ihre Stimme kippte. „Bitte, ich lasse dich doch gehen. Siehst du? Ich lasse dich ja gehen. Ich komme nur mit. Ich komme mit —“
Und dann hob das blaue Pferd den Kopf.
Daan sah es kommen.
Er sah, wie sich die Muskeln unter dem stumpfen Fell strafften. Wie sich die Nüstern blähten. Wie das Tier all das, was ihm an Kraft noch geblieben war, in eine einzige Bewegung sammelte — dieselbe Bewegung, die es vor vielen Wochen auf einem Schulhof gemacht hatte, gegen einen frechen Jungen, der ihm zu nahe gekommen war.
Es stiess sie weg.
Es warf den Kopf und traf sie an der Schulter, nicht hart genug, um sie zu verletzen, aber hart genug — und Liv verlor den Halt und fiel rückwärts ins flache Wasser, und das Halfter riss ihr aus der Hand.
Sie schrie auf.
Sie kam hoch, prustend, das Haar im Gesicht.
„Was —“
Und das Pferd stand zwischen ihr und dem tiefen Wasser.
Es hatte sich gedreht. Es stand quer, mit dem Leib zwischen ihr und der Kante, und es sah sie an.
Liv kroch auf den Knien darauf zu.
„Nein“, sagte sie. „Nein, nein, nein — geh zur Seite. Geh zur Seite!“
Sie schlug mit der flachen Hand aufs Wasser. Sie versuchte, sich an ihm vorbeizuzwängen, und das Pferd machte einen einzigen Schritt und stand wieder im Weg, und es tat ihr nichts, es drängte sie nicht einmal — es stand nur.
Und dann senkte es den Kopf und berührte mit den Nüstern ihr Haar.
So wie am ersten Tag. Am Bach. Als der ganze Wald blau geworden war.
Liv erstarrte.
Und Daan, der im flachen Wasser stand und dem die Tränen übers Gesicht liefen, sah, was sie sah, und er hätte alles darum gegeben, es nicht zu sehen:
Das Tier war fast tot. Es zitterte, es konnte kaum stehen, sein Licht war beinahe erloschen, und die Tür in seine eigene Welt war zwei Schritte entfernt, und es hörte den Ruf, es hörte ihn seit Wochen, es wollte nach Hause, so sehr, wie Daan noch nie einen Wunsch gesehen hatte —
und es ging nicht.
Weil sie sonst mitgekommen wäre.
Liv sass im flachen Wasser, das Gesicht an den Beinen ihres sterbenden Pferdes, und ihr Schrei war kein Wort und keine Klage; er war einfach ein Geräusch, das aus einem Menschen kommt, wenn ihm das Letzte genommen wird, das er noch hatte:
die Möglichkeit, sich zu belügen.
Es wollte nicht, dass sie mitkam.
Es wollte, dass sie lebt.
Daan ging durch das flache Wasser zu ihr.
Er ging langsam. Er wusste nicht, warum — es gab nichts mehr zu erschrecken, es war schon alles kaputt —, aber er ging so, wie man in einen Raum geht, in dem jemand schläft.
Er setzte sich neben sie ins Wasser.
Es war eiskalt. Er merkte es kaum.
Eine lange Zeit sagte keiner von beiden etwas. Über ihnen wurde der Himmel heller. Der Wald begann zu erwachen, ein Vogel, dann noch einer, als wäre nichts, als wäre das hier nicht der Morgen, an dem eine Welt zu Ende ging.
Das blaue Pferd stand über ihnen, den Kopf gesenkt, und atmete flach.
„Es hat mich weggestossen“, sagte Liv.
„Ich weiss.“
„Es will nicht, dass ich mitkomme.“
„Nein.“
„Ich habe ihm alles gegeben.“ Ihre Stimme war ganz klein. „Ich habe nicht geschlafen. Ich habe es gefüttert, als es nicht mehr fressen wollte. Ich habe die halbe Nacht mit ihm geredet, jede Nacht, seit Wochen. Und es will nicht, dass ich mitkomme.“
Sie sah zu Daan hinüber, und ihre Augen waren rot und vollkommen leer.
„Was ist denn falsch an mir?“
Und Daan hätte ihr in diesem Augenblick alles gesagt. Jede Lüge, jeden Trost, jedes schöne, warme, falsche Wort, das ihr die nächsten fünf Minuten leichter gemacht hätte.
Er hatte es schon einmal getan.
„Nichts“, sagte er.
Er sagte es sehr einfach.
„Richard konnte es leicht, weil er nie festgehalten hat. Er hat seinen Drachen geliebt wie einen Sommer. Schön, solange er dauert.“ Er sah sie an. „Du hast dein Pferd geliebt wie deinen eigenen Namen. Und wer könnte seinen Namen fortgehen lassen, ohne dass es weh tut?“
Liv weinte nicht. Sie sass nur da, das Wasser bis zur Hüfte, und hörte zu.
„Dein Schmerz ist kein Fehler, Liv“, sagte Daan. „Er ist nicht dein Versagen.“
Eine Pause.
„Er ist das Mass.“
Hinter ihnen bewegte sich das Wasser.
Richard kam herüber und liess sich auf der anderen Seite von Liv ins flache Wasser fallen, mit einem Platschen, das vollkommen unpassend war, und Daan hätte ihn dafür umarmen können.
„Ich sag dir was“, sagte Richard, „und ich sag es dir, weil ich der Einzige hier bin, der es weiss.“
Liv sah ihn nicht an.
„Es hört nicht auf wehzutun.“ Richard sah geradeaus auf das schwarze Wasser. „Das erzählen sie einem immer, dass es irgendwann aufhört. Es ist jetzt elf Tage her, und es tut immer noch weh, und ich glaube, es wird immer weh tun, wenn ich morgens aufwache und es zu still ist.“
Er zuckte die Schultern.
„Aber er ist zu Hause. Und das ist mehr, als er hatte, als er bei mir war.“
Liv hob langsam den Kopf.
„Und wenn er nicht wiederkommt?“
„Dann kommt er nicht wieder“, sagte Richard. „Dann habe ich einen Freund, der es gut hat, und ich sehe ihn nie wieder. Das ist scheusslich.“ Er sah sie zum ersten Mal an. „Es ist trotzdem besser, als ihn hier verrecken zu sehen.“
Das blaue Pferd hob den Kopf.
Nicht viel. Es hatte nicht mehr viel. Aber es sah nach Norden, über das schwarze Wasser hinweg, dorthin, wo unter den Sternen zweier Welten ein leerer Wald wartete — und Daan, dessen Welt in diesem Augenblick still und langsam und gnadenlos scharf wurde, sah, dass in dem Tier nichts mehr war ausser diesem einen Blick.
Es hatte keine Kraft mehr für Angst. Es hatte keine Kraft mehr für Schmerz.
Es hatte gerade noch genug, um sich zu sehnen.
Liv stand auf.
Sie stand auf wie jemand, dem alles wehtut, und sie ging die zwei Schritte durch das Wasser, und sie legte beide Hände in die Mähne.
„Ich kann das nicht“, sagte sie.
„Ich weiss“, sagte Daan.
„Ich kann das nicht.“
„Ich weiss.“
Sie stand sehr lange so.
Und Daan sah — er konnte nicht anders, er sah alles — wie sich ihre Finger in die Mähne krallten. Weiss und hart. Wie die Finger eines Mannes in graues Gefieder.
Und er sagte nichts. Er redete ihr nicht zu. Er zog nicht an ihr, und er nahm ihr nichts ab, und er machte es ihr nicht leichter, weil man es einem Menschen nicht leichter machen kann und weil jeder Versuch nur eine Art wäre, es sich selbst leichter zu machen.
Er blieb einfach im Wasser stehen und sah sie an.
Und irgendwann, sehr viel später, hörte er, wie Liv anfing zu atmen. Anders. Tiefer.
Sie legte die Stirn an den Hals des Pferdes.
„Es tut mir leid“, sagte sie. „Es tut mir so leid. Ich habe dich festgehalten, und du warst die ganze Zeit —“
Sie brach ab.
„Geh nach Hause“, sagte sie.
Und sie öffnete die Hände.
Das Pferd hob den Kopf.
Und dann ging es.
Es ging in das schwarze Wasser, und das Wasser warf keine Welle, und es ging ohne Zögern und ohne einen Blick zurück, weil Tiere nicht zurückblicken, wenn sie endlich heimdürfen.
Und einen Herzschlag lang flammte sein Licht auf.
Blau. Voll und tief und blau, so wie an jenem allerersten Morgen an einem Bach, als es aus dem Wald getreten war und der ganze Wald zu brennen schien und ein Mädchen geweint hatte, weil etwas zu schön war, um wahr zu sein.
Der ganze Teich stand in Blau. Die alten Bäume. Das Wasser. Livs Gesicht.
Und dann nahm der dünne Ort es auf, sanft, wie das Meer einen Fluss aufnimmt.
Und es war dunkel.
Liv stand bis zur Hüfte im schwarzen Wasser, mit leeren Händen, und rührte sich nicht.
Daan sah, wie es aus ihr herausging.
Er sah es genau, weil er verflucht dazu war, alles genau zu sehen: das Leuchten, das nie in ihr gewesen war und immer um sie herum, das Etwas, das sie schöner gemacht hatte als jeden anderen Menschen, den er kannte — und wie es nach oben stieg und nach Norden ging und mit dem Pferd verschwand.
Als sie sich umdrehte, war sie ein Mädchen.
Ein nasses, zitterndes, sehr müdes Mädchen mit Stroh im Haar.
Und dann brach sie zusammen, und Daan fing sie auf, und sie schlug ihm mit beiden Fäusten gegen die Brust, wieder und wieder, und weinte, wie Daan noch nie einen Menschen hatte weinen hören, und er hielt sie fest und liess sie schlagen und sagte kein einziges Wort.
Er hatte gelernt, dass es Kummer gibt, den man nicht kleiner redet.
Und dann, hinter ihnen, im flachen Wasser am Rand der Lichtung, gab jemand ein Geräusch von sich.
Daan sah auf.
Der silberne Bogenschütze stand im Wasser.
Er musste die ganze Zeit dort gestanden haben. Der Bogen hing lose in seiner Hand, und er sah auf die Stelle, an der das blaue Licht gewesen war, und sein Gesicht war das Gesicht eines Mannes, der etwas sieht, an das er seit vierzehn Jahren nicht mehr geglaubt hat.
Er sah zu Daan hinüber.
„Sie hat es gekonnt“, sagte er.
Seine Stimme war ganz dünn.
„Sie ist sechzehn. Und sie hat es gekonnt.“
Und dann sank der Mann in Silber im flachen Wasser auf die Knie und drückte die Hände vors Gesicht, und in dem Schatten hinter ihm, am Ufer, sass ein grauer Falke und sah nach Norden.