Was keiner sieht · Kapitel 31

Umsonst

Richard brachte Liv ans Ufer und wickelte sie in seinen Mantel, und sie liess es geschehen wie eine Puppe.

Daan ging durch das flache Wasser zu dem knienden Mann.

„Stehen Sie auf“, sagte er.

Der Silberne nahm die Hände nicht vom Gesicht.

„Stehen Sie auf. Ich muss Ihnen etwas sagen, und ich will dabei nicht auf Sie hinuntersehen.“

Langsam, mit der Mühe eines alten Mannes, kam der Bogenschütze auf die Füsse.

Und Daan sagte es ihm.

Er sagte es so, wie es ihm gesagt worden war: ohne Polster, ohne Umweg, ohne einen einzigen Versuch, es weicher zu machen. Die Wand. Die Nähte. Tausend Jahre. Die beiden Krüge und das Wasser, das sich ausgleicht, wenn man die Wand fortnimmt.

Und was geschieht, wenn die letzte Naht reisst.

„Nichts kommt durch“, sagte Daan. „Das ist es ja. Sie greifen nicht an. Sie sind nicht böse. Sie sind leer. Und Leere greift nicht an, sie füllt sich.“

Der Silberne stand ganz still im Wasser.

„Beide Welten werden grau“, sagte Daan. „Nicht zerstört. Nur — ausgeglichen. Bis nirgendwo mehr genug Licht ist, damit irgendwer noch singt.“

„Du lügst“, sagte der Bogenschütze.

„Nein.“

Du lügst.“ Er kam einen Schritt näher, und das Wasser schwappte. „Er hat es dir eingeredet. Der alte Mann im Turm. Das ist es, was sie immer tun — sie erfinden ein Ungeheuer, damit du still hältst, während sie dich ausbluten —“

„Sehen Sie mich an“, sagte Daan.

Und der Silberne sah ihn an.

Und Daan sah zurück, ruhig, mit allem, was ihm ein kleines schwarzes Tier auf seiner Schulter je gegeben hatte, und liess ihn suchen.

Der Mann in Silber begann zu zittern.

„Nein“, sagte er.

„Doch.“

Nein.

Er wandte sich ab. Er ging zwei Schritte durchs Wasser, blieb stehen, drehte sich wieder um, und Daan sah, wie in einem Menschen etwas einstürzte, langsam, von innen, wie ein Haus, dessen Balken nachgeben.

„Ich habe siebzehn Bindungen durchtrennt“, sagte der Bogenschütze.

Seine Stimme war ganz sachlich. Das war das Furchtbare.

„Siebzehn. In vierzehn Jahren. Ich weiss jeden einzelnen Namen. Ich habe sie mir aufgeschrieben, damit ich sie nicht vergesse, denn ich habe mir geschworen, dass ich mir wenigstens die Namen merke, wenn ich ihnen schon das Leben nehme, das sie kannten.“

Er sah auf seine Hände hinunter.

„Ein Mädchen namens Ines. Sie war vierzehn. Sie hat mich angeschrien, sie hat geschrien, bis ihre Stimme weg war, und ich habe dagestanden und gewartet, bis sie fertig war, weil ich dachte —“

Er brach ab.

„Ich dachte, ich rette eine Welt.“

Daan sagte nichts.

„Siebzehn Nähte“, sagte der Silberne. „Ich habe siebzehn Nähte aus der Wand gezogen. Mit ruhiger Hand. Und ich war stolz darauf.“

Er lachte. Es war ein entsetzliches Geräusch.

„Ich bin nicht der Held dieser Geschichte“, sagte er. „Ich bin nicht einmal ihr Bösewicht. Ich bin der Idiot.“

Am Ufer sass der graue Falke.

Er hatte den Kopf gedreht. Er sah nach Norden, wie immer, wie seit vierzehn Jahren, mit dieser unendlichen, geduldigen Sehnsucht, die keine Klage kannte.

Daan sah den Falken an, dann den Mann.

„Lassen Sie ihn gehen“, sagte er leise.

Der Bogenschütze folgte seinem Blick.

Und etwas in seinem Gesicht wurde hart.

„Nein“, sagte er.

Daan trat auf ihn zu.

„Sie haben gerade gesehen, dass es geht. Ein Mädchen von sechzehn hat es getan, in diesem Wasser, vor Ihren Augen. Sie brauchen den Bogen nicht mehr. Sie brauchen das Auge nicht mehr. Es gibt nichts mehr zu durchtrennen —“

„Ich sagte nein.“

„Warum?“ Daan schrie es. „Sie sind frei! Sie haben es gerade selbst gesagt — Ihr ganzer Krieg war ein Irrtum, es ist vorbei, es ist vorbei, Sie müssen nur die Hand aufmachen —“

Und der Silberne fuhr herum, und sein Gesicht war so nah, dass Daan die feinen Narben darin sah.

Weil dann alles umsonst war!

Es hallte über den Teich.

Die Vögel im alten Wald verstummten.

Der Bogenschütze stand im flachen Wasser und atmete schwer, und als er weitersprach, war seine Stimme ganz ruhig, und das war schlimmer als das Brüllen.

„Solange ich ihn halte“, sagte er, „bin ich ein Mann, der ein Opfer bringt. Ich zerstöre, was ich liebe, für eine Sache. Es ist grauenhaft, aber es hat einen Namen. Es hat einen Sinn. Vierzehn Jahre haben einen Sinn.“

Er sah zu dem grauen Falken hinüber, und einen Augenblick lang zerbrach sein Gesicht vollkommen.

„Und wenn ich ihn jetzt gehen lasse“, sagte er, „dann bin ich nur noch ein Mann, der ein Tier vierzehn Jahre lang gequält hat. Und siebzehn Kinder ruiniert. Für nichts.“

Er schloss die Augen.

„Ich kann das nicht sein. Ich kann alles sein, aber das nicht.“

Und Daan stand im Wasser und begriff, mit einer Klarheit, die ihm die Luft nahm, dass er einen Fehler gemacht hatte.

Er hatte geglaubt, der Mann halte den Falken fest, weil er ihn brauche.

Das war einmal wahr gewesen.

Jetzt hielt er ihn fest, weil das Loslassen ihn zwingen würde, in den Spiegel zu sehen.

Und das ist eine ganz andere Art von Griff. Man kann jemandem das Werkzeug nehmen. Man kann ihm sogar die Sache nehmen, für die er kämpft.

Man kann ihm nicht die Scham nehmen.

Der Silberne bückte sich und hob den Bogen aus dem Wasser.

„Was werden Sie jetzt tun?“, sagte Daan.

Der Mann in Silber sah ihn an.

„Ich weiss es nicht“, sagte er.

Und das war das Erschreckendste, was Daan an diesem ganzen Morgen gehört hatte — erschreckender als der Schrei, erschreckender als die siebzehn Namen. Denn ein Mann mit einer Sache ist berechenbar, auch wenn seine Sache falsch ist.

Ein Mann ohne Sache ist alles Mögliche.

Der Bogenschütze ging ans Ufer. Der graue Falke humpelte ihm entgegen, mühsam, treu, wie seit vierzehn Jahren, und der Mann bückte sich und hob ihn auf und barg ihn in der Armbeuge.

An den Bäumen blieb er stehen.

„Sie war gut, deine Freundin“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Sag ihr das. Es wird ihr nichts nützen, aber sag es ihr trotzdem.“

Dann war er fort.

Und Daan stand bis zu den Knien im schwarzen Wasser und dachte: Ich habe ihm gerade das Einzige genommen, was er noch hatte.

Und ich habe ihm nichts dafür gegeben.