Was keiner sieht · Kapitel 32

Die Jäger

Sie gingen zu dritt durch den Wald zurück, und keiner von ihnen sprach.

Liv ging in der Mitte. Sie trug immer noch Richards Mantel, und ihre Haare waren nass, und sie hatte seit einer Stunde kein Wort gesagt. Sie ging nicht langsam. Sie ging einfach — so, wie Menschen gehen, wenn der Körper weiterläuft, weil ihm keiner gesagt hat, dass er aufhören darf.

Richard versuchte es zweimal.

„Weisst du, was mir hilft“, sagte er, „ist an Kuchen zu denken.“

Nichts.

„Ich denke sehr viel an Kuchen. Seit elf Tagen. Es ist beinahe ein Problem.“

Und Liv drehte den Kopf, und sie sah ihn an — und Daan sah, wie sie versuchte, etwas zu tun, das einmal ein Lächeln gewesen war, und wie es nicht ging, und wie Richard sie trotzdem anstrahlte, als hätte es funktioniert.

Der Wald war schön.

Das war das Widerwärtigste daran. Es war später Vormittag, und die Sonne stand schräg zwischen den alten Stämmen, und irgendwo sang ein Vogel, und die Welt hatte nicht die geringste Absicht, so zu tun, als sei etwas geschehen.

Dann wurde der Käfer kalt.

Daan blieb stehen, so plötzlich, dass Richard in ihn hineinlief.

„Was —“

„Sei still.“

Die Welt wurde langsam.

Und Daan sah.

Er sah den Vogel, der nicht mehr sang, und er sah, wo er nicht mehr sang: hinten links, dreissig Schritte, hinter einem umgestürzten Stamm. Er sah einen Zweig, der sich bewegte, obwohl kein Wind ging — vorne rechts, weiter weg, jemand, der zu schnell atmete. Er sah einen Streifen Schatten, der eine Handbreit zu gerade war, um ein Schatten zu sein.

Er zählte.

Er kam auf sechs.

Und dann sah er, wie sie standen, und ihm wurde kalt bis in die Zähne — denn sie standen nicht wie Menschen, die sich verstecken. Sie standen wie Menschen, die eine Karte gelesen haben.

Zwei hinten. Zwei an den Flanken. Einer weit vorn, auf dem Weg, den sie nehmen mussten.

Und einer, der sich überhaupt nicht versteckte.

Mara trat auf den Weg.

Sie hatte den Bogen in der Hand, aber nicht gespannt. Sie trug kein Wappen. Sie sah genauso aus wie an der Brücke — nicht gross, nicht auffällig, mit ruhigen grauen Augen, in denen nichts stand.

„Guten Tag“, sagte sie.

„Sie sind sechs“, sagte Daan sehr schnell, zu Richard, ohne den Blick von der Frau zu nehmen. „Sechs. Zwei hinter uns. Einer rechts, hinter dem Fels. Einer links, bei den Birken. Einer weit vorn, auf dem Weg. Und die Frau.“

Mara neigte anerkennend den Kopf.

„Es stimmt also“, sagte sie. „Du siehst wirklich.“

„Sie sind weit weg von zu Hause.“

„Ja.“

„Es gibt einen Vertrag.“

„Es gibt viele Verträge“, sagte Mara. Sie sagte es ohne Spott. „Ich habe keinen davon geschrieben, und ich werde keinen davon brechen. Ich bin nicht hier.“ Ein winziges Achselzucken. „Frag hinterher irgendwen. Niemand war hier.“

Richard hatte sich vor Liv geschoben. Er hatte es getan, ohne nachzudenken, so wie er alles tat, und er war immer noch gross und breit und vollkommen wehrlos, und Daan hätte in diesem Moment weinen können.

„Was wollen Sie?“, sagte Richard.

Und Mara sah ihn an — den grossen Jungen, der sich vor ein Mädchen stellte —, und einen Augenblick lang tat ihr Gesicht etwas Merkwürdiges.

„Der Drache“, sagte sie.

„Ist weg.“

„Das haben wir gesehen.“

Daan wurde eiskalt.

„Wir haben es gesehen“, sagte Mara ruhig. „Vor elf Tagen. Vom Kamm aus. Man kann das ganze Wasser von dort oben überblicken, wenn man weiss, wo man liegen muss.“

Sie sah zu Liv hinüber.

„Und heute früh auch.“

Die Stille im Wald war entsetzlich.

Sie hatten zugesehen.

Sie hatten oben am Kamm gelegen, im nassen Gras, mit ruhigem Atem, und hatten zugesehen, wie ein Junge seinen Drachen fortschickte. Wie ein Mädchen im flachen Wasser die Hände öffnete. Sie hatten das Blau aufflammen sehen und wieder verlöschen, und sie hatten es sich notiert.

Und dann hatten sie elf Tage gewartet, weil sie sicher sein wollten.

Mara ging zwei Schritte auf sie zu.

Sie sah Liv an.

Sie sah sie sehr lange an — das nasse Haar, den zu grossen Mantel, die leeren Hände, das Gesicht, in dem nichts mehr leuchtete.

Und Daan sah in dem Gesicht der Kriegerin etwas aufsteigen, das er nicht erwartet hatte und das ihm schlimmer vorkam als Hass.

Es war Kummer.

Mara schloss kurz die Augen.

„Ich hatte mich vorbereitet“, sagte sie. „Zweiunddreissig Jahre.“

Dann öffnete sie die Augen wieder, und was auch immer darin gewesen war, war fort, und übrig blieb eine Frau, die einen Auftrag hatte.

„Trennt sie“, sagte sie.

Der Wald explodierte.

Es kam von allen Seiten gleichzeitig, und es war kein Angriff, es war Arbeit — kein Geschrei, kein Kriegsruf, nichts von dem, was in den Liedern vorkam. Sechs Menschen bewegten sich schnell und leise und in exakt aufeinander abgestimmten Winkeln, und ihr einziges Ziel war nicht, jemanden zu töten.

Es war, sie auseinanderzutreiben.

Ein Pfeil schlug rechts in einen Stamm — nicht auf sie gezielt. In den Boden vor Richard. In den Weg. Sie bauten Wände aus Angst und Pfeilen und trieben sie voreinander weg wie Vieh.

„LAUFT!“, brüllte Daan.

Und dann rannten sie, und das war genau das, was die sechs gewollt hatten.

Er sah es. Natürlich sah er es. Er sah, wie sie getrieben wurden, sah die Zange, sah den Keil, den ein Mann links von ihnen bildete — und er wusste in dem Moment, in dem er es sah, dass er es nicht ändern konnte, weil man einen Fluss nicht dadurch aufhält, dass man ihn versteht.

Er brüllte Richards Namen.

Er sah Richard noch einmal, weit rechts, zwischen den Stämmen, gross und breit und ohne Waffe.

Er sah Livs Mantel links durch das Unterholz.

Dann waren beide fort.

Und Daan rannte allein durch einen Wald, den er sein Leben lang gekannt hatte, und hinter ihm lief jemand, der nicht schneller wurde und nicht langsamer, sondern einfach lief — ruhig, gleichmässig, ohne Eile.

So wie jemand läuft, der weiss, dass er alle Zeit der Welt hat.