Was keiner sieht · Kapitel 33
Ein halber Herzschlag
Daan rannte zwölf Minuten lang.
Er wusste, dass es zwölf Minuten waren, weil er alles wusste, weil er jeden Wurzelknoten sah und jeden Stein und jede Lücke im Unterholz, weil sein Blick ihm die schnellste Linie durch den Wald zeigte wie eine helle Schnur — und weil er nach zwölf Minuten begriff, dass es keinen Unterschied machte.
Der Mann hinter ihm wurde nicht müde.
Er wurde auch nicht schneller. Er blieb einfach dort, wo er war: dreissig Schritte zurück, gleichmässig atmend, ohne Hast. Zweimal versuchte Daan, ihn abzuschütteln — einmal über einen Bachlauf, einmal durch ein Dickicht, in dem ein Erwachsener kaum durchkam.
Beide Male stand der Mann danach wieder dreissig Schritte hinter ihm.
Er trieb ihn. Er trieb ihn irgendwohin.
Und Daan, dem die Lunge brannte, dachte an Alexia, die auf einem Pferd gesessen und in ihren leeren Becher gesehen hatte, und an das, was sie gesagt hatte.
Frag dich, wie oft man das üben muss.
Er blieb stehen.
Er drehte sich um, und er stellte sich in den Weg, mitten auf die Lichtung, auf die man ihn getrieben hatte, weil er es sowieso nicht mehr geschafft hätte und weil er lieber stehend keuchte als rennend starb.
Der Mann kam aus den Bäumen.
Er war nicht besonders gross. Er war vielleicht vierzig. Er hatte ein Gesicht wie ein Bauer und eine Narbe am Kinn und einen kurzen, hässlichen, sehr praktischen Knüppel in der Hand, und er sah Daan an, ohne die geringste Wut.
„Klug“, sagte er. „Rennen wäre schlimmer geworden.“
„Ich habe keine Waffe.“
„Ich weiss.“
Er blieb drei Schritte entfernt stehen und musterte Daan, nicht unfreundlich, so wie ein Handwerker eine Arbeit mustert, die er gleich erledigen wird.
„Nimm's nicht persönlich, Junge“, sagte er. „Ich hab nichts gegen dich. Ich weiss nicht mal, wie du heisst. Ich hab zu Hause einen, der ist ungefähr so alt wie du, und der kann auch nicht kochen.“ Er zuckte die Schultern. „Es ist ein Befehl. Mehr ist es nicht. Halt still, dann geht es schnell, das ist das Freundlichste, was ich dir anbieten kann.“
„Das ist die schlechteste Werbung, die ich je gehört habe.“
„Ja“, sagte der Mann. „Ich mach das auch nicht der Werbung wegen.“
Und dann kam er.
Und die Welt wurde langsam.
Honig. Wieder Honig. Und Daan sah alles: die Verlagerung des Gewichts auf den linken Fuss, die Drehung der Schulter, den Bogen, den der Knüppel nehmen würde, den Punkt an seiner Schläfe, an dem er auftreffen würde, in achtundvierzig Hundertsteln einer Sekunde —
und sein Körper kam einen Wimpernschlag zu spät.
Der Knüppel traf ihn an der Schulter statt am Kopf, und die Welt wurde weiss, und dann lag er im Laub.
„Steh auf“, sagte der Mann.
Daan stand auf.
Der Mann schlug wieder. Und wieder sah Daan es kommen — jedes Mal, jedes einzelne verfluchte Mal —, und jedes Mal war seine Hand einen halben Herzschlag zu langsam, und beim vierten Mal spuckte er Blut, und beim sechsten ging er auf ein Knie und stand nicht mehr auf.
Der Mann trat einen Schritt zurück und wartete geduldig.
„Du siehst es“, sagte er, beinahe freundlich. „Man merkt es. Deine Augen gehen immer zuerst dorthin, wo ich hinschlage.“ Er drehte den Knüppel in der Hand. „Es nützt dir nichts, oder?“
Und Daan kniete im Laub, mit einem Auge, das zuschwoll, und hörte eine ganz andere Stimme.
Weisst du, warum du zu langsam bist?
Agatha. Auf einem harten, kurzen Übungsplatz hinter den Ställen.
Zwischen dem, was du siehst, und dem, was du tust, ist ein Abstand. Und in diesem Abstand denkst du.
Ein Krieger fragt nicht. Ein Krieger vertraut sich.
Und wenn ich mir nicht traue?
Es ist nicht dein Körper, der hinterherhinkt. Es ist dein Gewissen.
Daan spuckte ins Laub.
Und dachte: Ich habe es ihr gesagt.
Er hatte im flachen Wasser gestanden und die perfekte, warme, tröstende Lüge im Mund gehabt, und er hatte sie heruntergeschluckt und die Wahrheit gesagt.
Er hatte nichts mehr zu verbergen.
Zum ersten Mal seit neun Wochen war er ein Mensch, dessen Hände tun durften, was sie wollten.
Er stand auf.
„Nochmal“, sagte er.
Der Mann zuckte die Schultern und kam.
Und in dem Augenblick, in dem er kam, in dem die Welt in Honig kippte und Daan die Drehung der Schulter sah und den Bogen des Knüppels und den Punkt an seiner Schläfe —
flackerte zwischen den Bäumen etwas Blaues auf.
Es war nichts. Es war ein Wimpernschlag. Ein kaltes, sattes, unmögliches Blau, weit hinten im Wald, wo überhaupt nichts sein konnte.
Und die Augen des Mannes gingen hin.
Nur die Augen. Nur einen halben Herzschlag lang.
Und Daans Körper war da.
Er dachte nicht. Zum ersten Mal in seinem Leben dachte er überhaupt nicht — er sah den offenen Winkel unter dem erhobenen Arm, sah das Gewicht auf dem vorderen Fuss, sah den nassen Wurzelknoten, auf dem dieser Fuss stand, und sein Körper ging hinein, ohne zu fragen, ohne zu zögern, ohne diesen entsetzlichen, lebenslangen Abstand.
Er trat dem Mann gegen das Knie.
Es war nicht schön. Es war nicht heldenhaft. Es war ein hässlicher, präziser, tiefer Tritt gegen ein Gelenk, das gerade das ganze Gewicht eines erwachsenen Mannes trug, und der Wurzelknoten tat den Rest.
Das Geräusch war schrecklich.
Der Mann ging zu Boden, und er schrie nicht, und das war das Furchtbarste — er machte nur ein kurzes, überraschtes Geräusch und griff nach dem Knüppel, und Daan, der immer noch in dieser langsamen, klaren, gnadenlosen Welt stand, sah genau, wo die Hand hingreifen würde, und war vorher da.
Er schlug ihm den Knüppel gegen die Schläfe.
Einmal.
Der Mann fiel um und blieb liegen.
Und die Zeit kam zurück, alles auf einmal, mit Lärm und Vogelgezwitscher und dem Schmerz in Daans Schulter, der jetzt erst wirklich anfing.
Er stand über dem bewusstlosen Mann und zitterte.
Und ihm wurde übel.
Nicht, weil er ihn geschlagen hatte.
Sondern weil er in diesem einen halben Herzschlag noch etwas anderes gesehen hatte. Er hatte die Stelle unter dem Ohr gesehen. Die Stelle an der Kehle. Den Punkt, an dem der Nacken in die Schulter geht.
Er hatte in diesem einen, langsamen, entsetzlich klaren Augenblick genau gesehen, wo man einen Menschen anfassen muss, damit er nie wieder aufsteht.
Und er hatte es nicht getan.
Aber er hatte es gesehen.
Und Daan stand in einem stillen Wald über einem Mann, der atmete, und begriff zum ersten Mal, wovor der Obermagier eigentlich Angst hatte.
Dann hob er den Kopf.
Zwischen den Bäumen, dreissig Schritte entfernt, stand ein Pferd.
Es war blau.
Es war so blau, dass der ganze Wald blau war, dass jeder Stamm und jedes Blatt und jeder Atemzug blau war, und es stand vollkommen ruhig da und sah ihn an, mit gesenktem Kopf, und es leuchtete, wie es an dem allerersten Morgen an einem Bach geleuchtet hatte.
Daan konnte sich nicht rühren.
„Du bist —“ Seine Stimme brach. „Du bist zurückgekommen.“
Das Pferd sah ihn an.
Und dann tat es etwas, das Daan die Knie weich werden liess, etwas so Einfaches und so Ungeheuerliches, dass er einen Moment brauchte, um zu verstehen, was es bedeutete.
Es kam auf ihn zu.
Nicht zu Liv.
Zu ihm.
Es blieb vor ihm stehen, senkte den Kopf, und wartete.
Und in Daan stieg etwas hoch, heiss und schnell und vollkommen ungefragt.
Mich.
Es hat mich gewählt. Nicht sie. Mich.
Drei Jahre äusserer Ring. Ein Glühwürmchen. Ein Formfehler mit Beinen. Und jetzt stand das schönste Tier der Welt vor ihm und senkte den Kopf, und ein paar hundert Schritt weiter kniete ein Mädchen im Dreck, das vielleicht gerade starb, und Daan war für zwei Herzschläge lang der glücklichste Mensch, den es je gegeben hatte.
Zwei Herzschläge. Er zählte sie später oft nach.
Dann wurde ihm heiss vor Scham, und er suchte sich sehr schnell eine andere Erklärung.
Und Daan, der sah, was andere nicht sahen, begriff es in dem Augenblick, in dem er es sah, und es zerriss ihm das Herz:
Das Tier war nicht zu Liv gegangen.
Weil Liv auch mit ihm verloren hätte.
Es war zu dem gekommen, der schnell genug sehen konnte, um sie beide am Leben zu halten.
Daan griff in die blaue Mähne und schwang sich hinauf.
„Bring mich zu ihr“, sagte er.