Was keiner sieht · Kapitel 34
Der Ritt
Daan hatte in seinem Leben dreimal auf einem Pferd gesessen, und alle drei Male hatte es geendet, wie es enden musste.
Das hier war kein Reiten.
Das blaue Pferd ging von null auf alles, in einem einzigen Satz, und der Wald kam ihnen entgegen wie eine Wand.
Und die Welt wurde langsam, und Daan sah.
Er sah die Lücke zwischen den beiden Buchen, drei Herzschläge bevor sie da war, und er verlagerte das Gewicht, und das Pferd ging hindurch. Er sah den tiefhängenden Ast, ehe er ihn sehen konnte, und legte sich flach an den Hals, und der Ast strich ihm über den Rücken. Er sah den Wurzelteppich, der zwei Schritte weiter zu Bruch und Beinbruch geworden wäre, und er lenkte, und sie waren daran vorbei.
Er sah den ganzen Wald.
Nicht Bäume — Wege. Der Wald war voller Wege, er war immer voller Wege gewesen, und jeder Mensch, der je zwischen diesen Stämmen gelaufen war, hatte sie nicht gesehen, weil kein Mensch schnell genug sah, um sie zu sehen.
Daan sah sie.
Und das Pferd, das schneller war als alles, was jemals durch diesen Wald gegangen war, tat, was er sagte, ohne zu zögern, ohne einen einzigen Fehltritt, weil zum ersten Mal seit tausend Jahren jemand auf seinem Rücken sass, der so schnell dachte wie es lief.
Und Daan, dem das Blut aus der Lippe lief und dem die Schulter brannte, dessen beste Freundin vielleicht schon tot war —
Daan lachte.
Er konnte nichts dafür. Es brach aus ihm heraus, hell und wild und vollkommen unpassend, und der Wald flog vorbei, und der Käfer sass auf seiner Schulter und hielt sich fest, und der Junge, den keiner gewählt hatte, ritt durch das Unmögliche und lachte.
Das ist es, dachte er. Dafür ist es da.
Und dann hörte er auf zu denken.
Nicht so, wie man aufhört, an etwas zu denken. So, wie ein Rad aufhört, sich zu drehen.
Der Abstand war weg.
Agatha hatte ihn ihm auf einem harten, kurzen Übungsplatz erklärt, und er hatte ihn nie gefunden, und jetzt war er einfach nicht mehr da. Zwischen dem, was Daan sah, und dem, was Daan tat, lag nichts. Kein Zögern. Kein Wort. Nicht einmal ein Name für das, was vorbeiflog.
Und es flog vorbei.
Der Wald wurde zu Fäden. Grüne Fäden, braune Fäden, ein Streifen Himmel, der sich zwischen den Kronen mitzog. Rehe brachen aus dem Unterholz und wurden zur Seite geworfen wie Blätter. Das Gebüsch legte sich flach, ehe sie da waren, und richtete sich hinter ihnen wieder auf. Zweimal brach über ihnen ein Ast, und Daan hörte es erst, als sie längst hundert Schritte weiter waren.
Der Lärm kam immer zu spät.
Er war unsterblich.
Er wusste, dass das nicht stimmte, und er wusste es nicht wirklich, weil Wissen ein Gedanke ist und er keine mehr hatte. Er war fünfzehn, ihm lief das Blut aus der Lippe, er sass auf dem schnellsten Tier, das je über diese Erde gegangen war, und nichts konnte ihn treffen, weil er alles kommen sah. Er lachte in den Fahrtwind hinein, bis ihm die Luft wegblieb, und dann lachte er weiter.
Dann kam ein Bild.
Es kam von selbst, so wie die Äste gekommen waren: Liv am Bach, die Hand in einer blauen Mähne, als traute sie dem Glück noch nicht ganz.
Und noch eines. Liv im Hof. Liv, die Danke sagte.
Und das Rad drehte sich wieder.
Der Abstand war zurück, und in dem Abstand stand ein einziger Satz, und er war so kalt, dass Daan im Sitzen zusammenzuckte.
Du hast sie vergessen.
Nicht einen Augenblick lang. Die ganze Zeit.
Er riss den Kopf hoch.
Der Wald war nicht mehr da.
Er war auf einem Feld. Offenes, flaches, fremdes Land, ein Weg, ein Zaun, ein Hof in der Ferne — und weit hinten eine Kette Hügel, die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Daan kannte jeden Hügel um seine Schule. Diese hier gehörten jemand anderem.
Am Zaun stand ein Mädchen mit einem Eimer.
Sie war vielleicht zehn. Sie hatte den Eimer fallen lassen, das Wasser lief ihr über die Füsse, und sie merkte es nicht, weil sie mit offenem Mund ein blaues Pferd anstarrte, das mitten auf einem fremden Weg stand und leuchtete wie ein heruntergefallenes Stück Himmel.
„Sag es niemandem“, sagte Daan.
Das Mädchen nickte, ohne den Mund zuzumachen.
Dann wendete er das Pferd.
Der Rückweg dauerte kaum länger als ein Atemzug. Er hatte die ganze Zeit gehabt, die er brauchte. Er hatte sie nur nicht dafür gebraucht, an Liv zu denken.
Diesmal lachte er nicht.
Er roch das Blut, bevor er die Lichtung sah.
Das Pferd wurde langsamer, ganz von selbst, und Daan glitt herunter, ehe es stand, und die Welt war immer noch still und scharf, und er sah alles.
Er las es im Boden wie eine Schrift.
Hier hatte es begonnen — der Absatz eines Stiefels, der sich tief eingedreht hatte. Hier war Liv gefallen; der Abdruck einer Hand, Finger gespreizt. Hier war sie aufgestanden. Hier war sie zurückgewichen, sieben Schritte, und hier hatte sie sich einen Ast genommen, und der Ast lag jetzt zerbrochen im Laub.
Und hier war sie wieder gefallen.
Und wieder aufgestanden.
Zweimal.
Dann hörte er das Laub.
Am Rand der Lichtung stemmte sich Liv zum dritten Mal aus dem Boden.
Es sah nicht aus wie in den Geschichten. Sie kam schief hoch, über ein Knie, den linken Arm eng am Körper, und sie brauchte lange dafür.
Dann stand sie. Zwei Atemzüge lang.
Dann gingen die Knie weg, und sie blieb, wo sie war.
Ein Mädchen ohne Gabe, ohne Waffe, ohne den kleinsten Funken Licht — gegen eine Frau, die zweiunddreissig Jahre lang nichts anderes getan hatte.
Daan stand in dem zertretenen Laub und hätte heulen können vor Stolz.
Sie hielt sich den linken Arm. Ihr Gesicht war blutig, und sie sah furchtbar aus, und sie war am Leben.
Und Mara stand vor ihr.
„Warum“, sagte Mara.
Sie hatte den Bogen längst weggelegt. Sie hielt ein kurzes Messer, und sie hielt es locker, und sie machte keine Anstalten, es zu benutzen, weil sie offensichtlich etwas anderes wollte.
„Ich habe es weggeschickt“, sagte Liv.
„Das habe ich gesehen. Ich frage, warum.“
„Weil es nach Hause wollte.“
Mara stand ganz still.
„Es war das schnellste Tier, das je über diese Erde gegangen ist“, sagte sie. „Es hätte dich getragen. Du hättest mich abhängen können, ohne dass ich auch nur den Bogen von der Schulter bekomme. Du wärst fortgeritten.“
„Ja.“
„Und du hast es fortgeschickt.“
„Ja.“
„Warum?“
Und Daan, der zwanzig Schritte entfernt im Schatten stand und noch nicht gesehen worden war, hörte, wie Liv Luft holte.
„Weil es sonst gestorben wäre“, sagte sie.
Mara sah sie an.
Sie sah eine Sechzehnjährige an, die im Dreck kniete, mit gebrochenem Arm, mit nichts, überhaupt nichts mehr — und Daan sah, wie diese Frau ehrlich, aufrichtig, mit ganzer Kraft versuchte, es zu begreifen.
Und es nicht konnte.
„Ich verstehe das nicht“, sagte Mara.
Es klang beinahe verzweifelt.
„Ich weiss“, sagte Liv.
Mara hob das Messer.
„Du wärst mir eine Ehre gewesen“, sagte sie.
Und dann kam das Pferd auf die Lichtung.
Es kam nicht schnell. Es ging.
Es trat zwischen den Bäumen hervor, und es leuchtete, und die ganze Lichtung wurde blau — das Laub, das Blut, das zerbrochene Astende, Maras graues Haar, alles.
Liv sah es zuerst.
Sie kniete im Dreck, mit gebrochenem Arm, unter einer Frau mit einem Messer, und sie sah an dieser Frau vorbei — und alles, was in ihrem Gesicht gewesen war, die Angst und der Trotz und der Schmerz, fiel einfach ab.
Daan sah zu, wie es abfiel.
Er sah einen einzigen Gedanken bei ihr ankommen, langsam, wie Wasser in eine Vertiefung läuft, und er musste nichts raten, weil ihr ganzes Gesicht ihn buchstabierte.
Es lebt.
Es lebt. Es ist gesund.
Sie vergass Mara. Sie vergass das Messer. Für ein paar Herzschläge gab es auf dieser Lichtung nichts als ein Mädchen und ein blaues Tier.
Mara erstarrte.
Dann drehte sie sich um.
Und Daan sah, dass es sie erwischte wie jeden anderen auch — dass eine Frau, die zweiunddreissig Jahre lang gelernt hatte, leuchtende Wesen zu töten, einen Moment lang einfach nur dastand und ein Pferd ansah.
Daan trat neben das Pferd, und seine Hand lag in der Mähne, und er zitterte am ganzen Leib und liess sich nichts anmerken.
„Es ist zurückgekommen“, sagte er.
Und dann sah er zu Liv hinüber.
Er tat es, ohne nachzudenken. Er tat es, weil er ein fünfzehnjähriger Junge war, der gerade das Unmögliche erlebt hatte, und weil das Erste, was ein Mensch tun will, wenn ihm etwas Wunderbares passiert, ist, das Gesicht seines Freundes zu sehen.
Und es kam über ihn, ungefragt.
Er wollte es nicht. Er hatte es nie gewollt. Es passierte einfach, wie es immer passierte — dass er hinsah und alles sah, ob er es aushielt oder nicht.
Und er sah, wie über Livs Gesicht etwas ging.
Es dauerte weniger als einen Wimpernschlag. Es war kein Ausdruck; es war die Vorstufe von einem. Ein Zucken um den Mundwinkel, ein Verengen der Pupille, ein winziges, unwillkürliches Kippen des Kopfes, das jeder andere Mensch auf dieser Welt für nichts gehalten hätte.
Daan hielt es nicht für nichts.
Er las es, ohne es zu wollen, so wie er die Spuren im Laub gelesen hatte.
Es ist nicht zu mir gekommen.
Ich habe es gehen lassen. Ich habe alles gegeben, was ich hatte, ich habe die Hände geöffnet, ich habe im Wasser gekniet und es sterben sehen wollen und es trotzdem gehen lassen —
— und als es zurückkam, ist es an mir vorbei zu dir gegangen.
Dann war es fort.
Es war so schnell fort, dass es nie da gewesen sein konnte, und was übrig blieb, war ein sechzehnjähriges Mädchen mit gebrochenem Arm, das im Dreck kniete und weinte vor Erleichterung, weil das Tier lebte, das sie mehr geliebt hatte als sich selbst.
Beides war wahr.
Beides war gleichzeitig wahr, und Daan wusste in diesem Augenblick, dass sie sich dafür hassen würde, tiefer und länger, als sie ihn je hassen könnte.
Und dann sah Liv ihn an.
Und sie sah, dass er es gesehen hatte.
Zwei Herzschläge lang sahen sie einander an, über eine Lichtung voller zertretenem Laub hinweg, und keiner von beiden sagte ein Wort.
Darauf drehte Daan den Kopf weg.
Er tat es langsam, ohne Eile, als hätte ihn etwas anderes abgelenkt, und er sah zu Mara hinüber und tat, als hätte er nichts bemerkt, und er beschloss in diesem Augenblick, dass er es niemals, unter keinen Umständen, für den Rest seines Lebens erwähnen würde.
Er hatte in einem Stall gelernt, was er anrichten konnte, wenn er aussprach, was er sah.
Es war das Anständigste, was er je getan hatte.
Und es half überhaupt nichts.
Mara wartete auf etwas.
Sie wartete darauf, dass er sie ansah wie einen Gegner. Dass er drohte. Dass er irgendetwas tat, was ein Sieger tut.
Daan sah an ihr vorbei, zu Liv hinunter, die im Dreck kniete und atmete.
Mara sah das Tier an. Sie sah es lange an. Sie sah den Jungen an, der daneben stand, mit einem zugeschwollenen Auge.
Und Daan, der sah, was andere nicht sahen, konnte ihr beim Rechnen zusehen.
Ein Junge, der jede Bewegung sieht, bevor sie geschieht. Auf einem Tier, das schneller ist als alles, was ich kenne. In einem Wald, in dem er jeden Weg kennt und ich keinen.
Ihre Hand mit dem Messer sank.
„Sie kommen also zurück“, sagte sie.
Es war keine Frage.
„Ja“, sagte Daan.
Mara nickte langsam, ein einziges Mal, so wie sie an der Brücke genickt hatte, als sie eine nützliche Auskunft erhalten hatte.
Dann steckte sie das Messer weg.
„Das ist etwas anderes“, sagte sie, mehr zu sich selbst als zu ihnen. „Das ist etwas völlig anderes.“
„Zwei Dinge“, sagte sie.
Sie sah Liv an.
„Du bist dreimal aufgestanden. Ohne alles.“ Etwas ging über ihr Gesicht — kein Lächeln, aber die Stelle, an der eines gewesen wäre. „Ich habe mich geirrt. Du wärst mir immer noch eine Ehre gewesen.“
Dann sah sie Daan an, und ihr Blick blieb einen Moment auf seiner Schulter hängen, dort, wo ein Käfer sass, den sie nicht sehen konnte und von dem sie doch zu wissen schien, dass da etwas war.
„Weisst du, was du mir gerade genommen hast?“, sagte sie.
Daan antwortete nicht.
„Zweiunddreissig Jahre. Ich habe zweiunddreissig Jahre gelernt, wie man ein Wesen von einem Menschen trennt. Und du hast mir gerade gezeigt, dass sie zurückkommen.“ Sie sah zu dem blauen Pferd hinüber, das neben Liv stand. „Alles, was ich bin, ist eben in diesem Wald nutzlos geworden. Ich danke dir nicht dafür.“
Sie hängte den Bogen über die Schulter.
„Das hier war der leise Weg“, sagte sie. „Mein König mag den leisen Weg. Sechs Leute im Wald, kein Aufsehen, niemand war da.“ Etwas in ihrem Gesicht wurde hart. „Er mag es nicht, wenn der leise Weg fehlschlägt. Das ist alles, was ich dir sage, und ich sage es umsonst, weil ich es dem Mädchen schulde, das dreimal aufgestanden ist.“
Sie ging rückwärts zum Waldrand.
An den Bäumen blieb sie stehen und sah Daan noch einmal an — lange, prüfend, wie man jemanden ansieht, von dem man weiss, dass man ihm wieder begegnen wird.
„Wir sehen uns wieder, Junge, der sieht. Und ich weiss ehrlich noch nicht, ob ich dann versuche, dich zu töten, oder ob ich neben dir stehe.“ Sie neigte den Kopf. „Wenn dich das beunruhigt: Mich beunruhigt es auch.“
Und dann war sie fort.
Das blaue Pferd senkte den Kopf.
Es ging über die Lichtung, an Daan vorbei, langsam, über das zertretene Laub und den zerbrochenen Ast und all die Stellen, an denen sie gefallen und aufgestanden war.
Und es blieb vor Liv stehen.
Sie hob den Kopf.
Sie sah es an, und ihr Gesicht tat etwas, für das es kein Wort gibt — weil sie nichts mehr hatte, keine Bindung, keine Gabe, kein Leuchten, weil sie eine gewöhnliche Sechzehnjährige mit gebrochenem Arm war, die im Dreck kniete.
Und das Tier, das ihr nicht mehr gehörte und nie wieder gehören würde, senkte den Kopf und berührte mit den Nüstern ihr Haar.
So wie am ersten Tag. Am Bach. Als der ganze Wald blau geworden war.
Liv machte kein Geräusch.
Sie legte die Stirn an seinen Hals und hielt sich mit ihrer einen heilen Hand daran fest, und sie blieb so, sehr lange, und niemand störte sie.
Und Daan stand am Rand der Lichtung und sah, dass das Pferd nicht leuchtete, weil es zu ihr gehörte.
Es leuchtete, weil es zu Besuch war.