Was keiner sieht · Kapitel 35
Richard
Sie ritten zu zweit.
Liv sass vor ihm, den gebrochenen Arm an den Leib gepresst, und sie sagte kein Wort, aber sie hielt sich mit der heilen Hand in der Mähne fest, und Daan spürte, dass sie zitterte, und es lag nicht am Fieber.
Sie ritten nach Osten, dorthin, wo er Richard zuletzt gesehen hatte.
Und es war still.
Das war das Schlimmste. Kein Schrei. Kein Krachen. Nichts. Nur ein Wald am späten Vormittag, in dem die Vögel wieder sangen, und Vögel singen nicht, wenn gekämpft wird, und sie hatten längst wieder angefangen.
Das hiess, es war vorbei.
Daan sagte es nicht. Liv sagte es nicht. Das Pferd lief.
Sie fanden ihn auf einer Lichtung, und Daan sah zuerst das Blut.
Es war überall. Es war im Laub, an den Stämmen, in einem breiten, verschmierten Streifen quer über den Boden, und Daan war schon halb vom Pferd, als er begriff, dass mitten in diesem ganzen Schlachtfeld jemand sass.
Richard sass im Dreck, mit dem Rücken an einer Buche.
Er hatte kein Hemd an. Sein Gesicht war eine einzige Schwellung, sein linkes Auge war zu, seine Rippen standen falsch, und er atmete flach und vorsichtig, wie man atmet, wenn Atmen wehtut.
Und drei Schritte weiter lag ein Mann.
Er war gross. Er war viel grösser als Richard und viel älter und viel besser, das sah Daan sofort und mit einem Blick, an den Muskeln, an den Narben, an der Art, wie die Hände selbst im Liegen noch halb geschlossen waren.
Er war bewusstlos.
Und um seinen Oberschenkel, fest und ordentlich und mit einem sauberen Knoten, war Richards Hemd gebunden.
Daan blieb stehen.
„Du hast ihn verbunden“, sagte er.
„Er hat geblutet“, sagte Richard, als sei das eine Erklärung.
„Er wollte dich umbringen.“
„Ja, aber dann hätte er ja verblutet.“ Richard verzog das Gesicht und griff sich an die Rippen. „Kann ich bitte gleich weitermachen mit dem Diskutieren? Ich glaube, ich habe eine Rippe drin, wo keine hingehört.“
Liv rutschte vom Pferd, fiel fast, ging zu ihm und liess sich neben ihm in den Dreck fallen, und dann fing sie an zu weinen, zum ersten Mal seit dem schwarzen Wasser, und sie weinte so, dass es wehtat, sie zu hören.
Richard legte ihr den unverletzten Arm um die Schulter.
„Ist ja gut“, sagte er. „Ist ja gut. Guck mal, wie ich aussehe. Das ist doch komisch. Ich sehe aus wie eine getretene Aubergine.“
„Wie“, sagte Daan.
Seine Stimme kam von sehr weit weg.
„Richard. Wie?“
„Ach das.“ Richard zuckte die Schultern und bereute es sofort. „Weiss auch nicht so genau. Er war besser. Er war viel besser. Ehrlich gesagt hat er mich ungefähr zwanzigmal getroffen.“
„Und dann?“
„Und dann ist er irgendwann müde geworden.“
Daan starrte ihn an.
„Er ist müde geworden?“
„Ja.“ Richard sah ihn aus seinem einen offenen Auge an, ehrlich verwundert. „Was denn sonst? Ich hatte ja keine Chance. Ich konnte nur weitermachen.“
Und dann sah Daan sich um.
Er hatte es nicht tun wollen. Er hatte es sein Leben lang nicht gewollt, dieses verfluchte Sehen, das ihm alles zeigte, ob er es aushielt oder nicht.
Die Welt wurde still.
Und die Lichtung erzählte es ihm.
Er sah, wo es angefangen hatte: dort drüben, am Rand, wo Richard aus dem Unterholz gekommen war. Er sah den ersten Treffer, an der Stelle, wo das Laub weggewischt war und Blut lag.
Er sah, wo Richard gefallen war.
Und er sah, wo er aufgestanden war, und dann sah er es wieder, und wieder, und wieder — ein Muster aus Abdrücken, Blut und weggetretenem Laub, das sich über die ganze Lichtung zog wie eine Handschrift.
Elf Mal.
Richard war elfmal zu Boden gegangen.
Und elfmal aufgestanden.
Aber das war es nicht, was Daan die Luft nahm.
Es war die Richtung.
Denn er stand in der Mitte der Lichtung und las die Spuren wie eine Schrift, und die Spuren sagten alle dasselbe, elfmal hintereinander, ohne eine einzige Ausnahme:
Richard hatte nicht zurückgeschlagen.
Richard hatte nicht gedeckt, nicht ausgewichen, nicht getänzelt, nicht einen einzigen Schritt zur Seite gemacht, um sich zu retten.
Er war jedes Mal nach Westen gegangen.
Nach Westen — dorthin, wo Liv war. Wo Liv gerade vor einer Frau kniete, die zweiunddreissig Jahre trainiert hatte.
Er hatte gar nicht gekämpft.
Er hatte nur versucht, an dem Mann vorbeizukommen.
Elfmal war er aufgestanden und nach Westen gegangen. Elfmal hatte der Mann ihn niedergeschlagen. Und beim zwölften Mal —
Daan drehte sich um und sah die Stelle, an der der grosse Mann lag.
Beim zwölften Mal hatte der Mann sich nicht mehr rechtzeitig gedreht.
Weil er müde war.
Weil er zwanzig Minuten lang einen Jungen geschlagen hatte, der nicht aufhörte, nach Westen zu gehen. Weil er zwanzig Jahre gelernt hatte, wie man Drachenreiter tötet — wie man tief bleibt, wie man die Sichtlinie bricht, wie man das Herz eines grossen Tieres findet — und nichts, überhaupt nichts davon half ihm gegen einen sechzehnjährigen Jungen ohne Waffe, der einfach immer wieder aufstand und in ihn hineinlief.
Er hatte nicht gegen einen Gegner gekämpft.
Er hatte gegen eine Richtung gekämpft.
Daan stand in der Mitte der Lichtung, und die Welt kam zurück, und er hörte, wie Richard hinter ihm mit Liv redete.
„— und deswegen sage ich ja, Kuchen ist strategisch. Man hat immer Kuchen dabei, dann kann man —“
„Richard.“
„Hm?“
Daan drehte sich um.
„Du wolltest zu ihr.“
Richard sah ihn an.
Und zum ersten Mal, seit Daan ihn kannte, wurde sein Gesicht ganz ernst.
„Natürlich wollte ich zu ihr“, sagte er.
Er sagte es so, wie man sagt, dass Wasser nass ist.
„Sie war ganz allein, Daan.“
Und Daan stand in einem Wald voller Blut, neben einem Pferd, das aus einer anderen Welt zurückgekommen war, und sah seinen besten Freund an — einen gewöhnlichen, kaputten, halb bewusstlosen Jungen, der einen Berufsmörder besiegt hatte, ohne ein einziges Mal zurückzuschlagen —
und er dachte an ein Reich, das sich vor Nachbarn fürchtete, weil es seine Drachen verlor.
Und er dachte: Wir schaffen das.
Herrgott. Wirklich.