Was keiner sieht · Kapitel 36

Die Frage

Sie kamen bei Sonnenuntergang durch das Tor.

Daan ging zu Fuss und führte das Pferd. Auf dem Pferd sass Richard, weil er nicht mehr laufen konnte und weil er sich zwanzig Minuten lang geweigert hatte, aufzusteigen, bis Liv ihn angeschrien hatte. Und neben dem Pferd ging Liv, mit dem Arm in Daans Gürtel geschient, dreckig, blutig, sechzehn Jahre alt und vollkommen gewöhnlich.

Der Hof war voller Menschen.

Es war die Stunde vor dem Essen; die Anwärter standen in Gruppen, die Erwählten hatten ihre Wesen bei sich, es war laut, es war ein ganz normaler Abend.

Und dann sahen sie das Pferd.

Daan hatte in seinem Leben eine Menge Stille erlebt. Er war ein Fachmann für Stille. Aber er hatte nie eine gehört wie diese: zweihundert Menschen, die zur selben Sekunde aufhörten zu atmen.

Denn sie kannten es alle.

Sie hatten alle im Hof gestanden, an dem Morgen, an dem Liv das blaue Pferd aus dem Wald geführt hatte. Sie hatten es sterben sehen. Sie hatten geflüstert, wochenlang, über das Mädchen im alten Stall, so wie man über eine Familie flüstert, in der jemand im Sterben liegt.

Und jetzt ging es über den Hof.

Es leuchtete. Es leuchtete tief und satt und blau, und es war gesund, und es ging neben einem Mädchen, in dem kein Funke Licht mehr war.

„Das ist —“, sagte jemand.

„Das ist ihr Pferd.“

„Sie hat es doch —“

„Sie hat es gehen lassen. Alle haben gesagt, dass sie —“

„Aber sie hat kein Licht mehr. Seht sie doch an. Sie hat kein —“

„Und warum ist es dann hier?“

Und dann brach es los.

Es war kein Jubel. Daan hatte mit Jubel gerechnet und war darauf vorbereitet gewesen, ihn zu hassen. Was er nicht erwartet hatte, war die Angst.

Er sah es in ihren Gesichtern, während der Hof zu brüllen anfing, und er sah es sehr deutlich, weil er alles sehr deutlich sah: Sie hatten keine Angst vor dem Pferd.

Sie hatten Angst vor der Frage.

Denn wenn ein Wesen zurückkommen konnte — wenn es wirklich, wirklich zurückkommen konnte —, dann gab es keine Ausrede mehr. Dann war das Ding, das sie alle in ihrem Bauch mit sich herumtrugen und niemals aussprachen, plötzlich eine Aufgabe.

Ein Junge im zweiten Jahrgang, mit einem leuchtenden Fuchs an der Ferse, drehte sich um und ging weg. Sehr schnell. Ohne sich noch einmal umzusehen.

Der Obermagier kam die Stufen herunter.

Er kam langsam. Er sah nicht auf die Menge und nicht auf Daan.

Er sah nur das Pferd an.

Er blieb davor stehen, ein sehr alter Mann in einem staubigen Hof, und er hob die Hand und legte sie dem Tier an den Hals, und er schloss die Augen.

„Es ist ganz“, sagte er.

„Ja.“

„Es ist heimgegangen und wieder heraufgekommen, und es ist ganz.“ Seine Stimme war seltsam. „Ich fühle die Naht nicht. Da ist keine Naht. Es ist frei, und es ist hier.“

Er öffnete die Augen und sah Liv an.

„Und Sie, Kind?“

„Ich habe nichts“, sagte Liv.

„Nein.“ Er nickte langsam. „Sie haben nichts. Und es ist trotzdem gekommen.“

Er stand da und sah auf einen Punkt zwischen seinen Füssen.

„Nicht Besitz“, sagte er. „Besuch.“

Und Daan sah, dass die Hände des ältesten Mannes im Reich zitterten wie die eines Betrunkenen.

Er erzählte ihm alles.

Oben, im Turmzimmer, mit Agatha an der Tür und Alexia am Fenster — die zum ersten Mal in ihrem Leben nichts zu sagen hatte —, erzählte Daan es. Die sechs im Wald. Wie sie sie getrennt hatten. Die Frau namens Mara, die vom Kamm aus zugesehen hatte, elf Tage lang.

Er erzählte, wer sie gewesen waren. Keine Diebe, keine Wegelagerer — Berufssoldaten, sechs davon, aus dem Reich des Königs, die genau gewusst hatten, wie man drei Erwählte auseinandertreibt und einzeln jagt. Menschen, die man dafür ausgebildet hatte. Und die Frau namens Mara, die zweiunddreissig Jahre gelernt hatte, Wesen von Menschen zu lösen.

Als er fertig war, sagte lange niemand etwas.

„Fremde Soldaten“, sagte Agatha schliesslich. „In unserem Wald. Die üben, wie man unsere Kinder tötet.“

„Es war kein Überfall“, sagte Alexia leise vom Fenster. „Es war eine Probe. Und man probt nur für etwas, das man vorhat.“

Es wurde kühl im Turmzimmer, und keiner sprach aus, warum.

Und Daan trat mitten in den Raum.

„Dann müssen wir es jetzt tun“, sagte er.

Alle sahen ihn an.

„Sie haben es gesehen. Sie haben es mit der Hand angefasst. Es kommt zurück, es ist ganz, es ist frei, es ist kein Diebstahl mehr!“ Er drehte sich zum Obermagier. „Sagen Sie es ihnen. Morgen früh. Jedem Erwählten im Reich. Sagen Sie die Wahrheit, lassen Sie sie wählen, und dann gehen sie heim, alle, und die andere Welt hört auf zu sterben.“

„Und dann sind wir wehrlos“, sagte der Obermagier, „in genau dem Augenblick, in dem der König zum ersten Mal seit tausend Jahren die Zähne zeigt.“

Es war so still im Turm, dass man den Wind hörte.

„Denk nach, mein Junge“, sagte der alte Mann sanft. „Ich bitte dich. Denk zu Ende, ehe du redest.“

Er hob eine Hand und zählte an den Fingern ab, ruhig, gründlich, so wie er alles tat.

„Ich trete vor sie hin. Ich sage die Wahrheit. Die Hälfte glaubt mir nicht. Von der anderen Hälfte lässt vielleicht — vielleicht — ein Drittel wirklich los, denn du hast gesehen, wie schwer es ist, du hast es selbst gesehen.“ Er sah Liv an. „Und die, die es tun, sind für Wochen nichts. Verwundete. Leere. Menschen wie dieses Mädchen mit einem gebrochenen Arm. Und draussen wartet ein König, der gerade sechs Berufsmörder in unseren Wald geschickt hat, um zu üben.“

Er liess die Hand sinken.

„Wir tun es“, sagte der Obermagier. „Hörst du mich? Wir tun es. Du hast recht, und ich habe unrecht gehabt, und ich bin ein alter Mann, der sich zum ersten Mal seit sechzig Jahren freut.“

Er lächelte sogar.

„Wir tun es, wenn wir sicher sind.“

Und Daan stand ganz still.

Es war der vernünftigste Satz, den er je gehört hatte.

Er war klug. Er war ehrlich. Er war fürsorglich. Jeder Mensch in diesem Raum atmete auf, als er fiel — Agatha nickte, Alexia liess die Schultern sinken, sogar Daan spürte, wie etwas in seiner Brust sich lösen wollte, wie warmes Wasser, wie Erlaubnis.

Wenn wir sicher sind.

Und dann, ganz langsam, wurde ihm eiskalt.

„Wie oft“, sagte er.

„Wie bitte?“

„Wie oft ist dieser Satz schon gesagt worden?“

Der Obermagier sah ihn an.

„In tausend Jahren“, sagte Daan, und seine Stimme wurde lauter, und er konnte nichts dagegen tun. „In tausend Jahren, in denen es Ernten gab und Seuchen und Zölle und Grenzstreitigkeiten und Thronfolgen — wie oft hat in diesem Turm ein kluger, guter, vernünftiger alter Mann gestanden und gesagt: Ja. Wir tun es. Aber nicht jetzt?“

Niemand antwortete.

„Es gab nie einen Krieg“, sagte Daan. „Ich habe es in Ihren Büchern gelesen — in denen, aus denen Sie die Seiten geschnitten haben. Tausend Jahre, kein einziger Krieg. Und trotzdem hat es niemand getan.“

Er sah den alten Mann an.

„Es braucht keine Gefahr, um zu sagen: Wenn wir sicher sind. Es braucht nur einen guten Grund. Und einen guten Grund gibt es immer.“

Der Wind ging durch das Turmzimmer.

Der Obermagier stand sehr aufrecht, und sein Gesicht war das eines Mannes, dem gerade jemand in den Spiegel geleuchtet hat.

„So“, sagte er endlich, ganz leise, „stiehlt man also eine Welt.“

Und in diesem Augenblick schrie unten im Hof jemand.

Daan war als Erster am Fenster.

Ein Pferd kam durch das Tor gestürmt, schaumbedeckt, halb tot, und der Reiter fiel eher herunter, als dass er abstieg, und richtete sich auf und stand schwankend im Hof, und zweihundert Menschen wichen zurück.

Es war ein Mädchen.

Sie hatte keinen Umhang, kein Wappen, keine Wache und kein Licht.

„Ich muss zum Obersten Magier!“, schrie Elin. „Sofort!