Was keiner sieht · Kapitel 37

Das Mädchen, das nichts war

Sie hatte sechs Tage gebraucht.

Sie sass im Turmzimmer auf einem Stuhl, den ihr jemand hingeschoben hatte, und sie hielt einen Becher Wasser mit beiden Händen, weil sie ihn sonst fallen gelassen hätte. Ihre Innenseiten waren aufgerieben bis aufs Fleisch. Sie hatte drei Pferde verbraucht. Sie hatte in Scheunen geschlafen.

„Wie sind Sie durchgekommen?“, fragte Agatha. „Über die Grenze. Ohne Papiere.“

Und Elin lachte.

Es war ein hässliches, erschöpftes, ehrliches Lachen, und Daan bekam eine Gänsehaut davon.

„Wissen Sie, wie viele Leute mich aufgehalten haben?“, sagte sie. „Auf sechs Tagen? Durch drei Königreiche?“

Sie hob einen Finger.

„Einer. Ein Zöllner. Er wollte drei Kupfer.“

Sie sah in ihren Becher.

„Als ich noch eine Erwählte war, konnte ich nicht auf den Markt gehen, ohne dass mir vier Wachen folgten. Wenn ich hustete, schrieb es ein Schreiber auf. Jetzt —“ Sie zuckte die Schultern, und es tat ihr weh. „Jetzt bin ich ein Mädchen auf einem Pferd. Niemand sieht mich. Niemand hält mich an. Niemand hat es überhaupt bemerkt, als ich weg war.“

Sie sah auf.

„Ich bin sechs Tage lang durch drei Länder geritten, und der einzige Grund, warum ich hier sitze und Sie warnen kann, ist der, dass ich nichts bin.“

Niemand sagte etwas.

Daan stand am Fenster und spürte, wie ihm die Kehle eng wurde.

„Sie kommen“, sagte Elin.

Sie stellte den Becher ab.

„Vierzehntausend Mann. Sie stehen seit zwei Wochen im Süden, angeblich für ein Manöver. Mein Vater hat es Manöver genannt, seit dem Tag, an dem seine Kundschafter von einem Kamm aus zugesehen haben, wie ein Junge seinen Drachen fortschickte.“

Alexia schloss die Augen.

Und Daan verstand, warum sie für einen Weg, den er selbst in zwei Tagen gegangen war, sechs gebraucht hatte. Sie war um vierzehntausend Mann herumgeritten.

„Und der Bericht der Frau“, sagte Elin, „ist vor drei Tagen angekommen. Ich stand hinter einem Vorhang, als er verlesen wurde. Niemand hat mich bemerkt.“ Ihr Mund verzog sich. „Ich stehe oft hinter Vorhängen. Es ist erstaunlich, was man hört.“

„Was stand darin?“, fragte der Obermagier.

Elin sah ihn an.

„Dass eure Wesen zurückkommen“, sagte sie. „Und dass ihr es noch nicht öffentlich gemacht habt.“

Der alte Mann nickte langsam.

„Und darum marschieren sie jetzt. Ehe noch mehr zurückkommen.“

„Nein“, sagte Elin.

Und Daan sah, wie sich in diesem kleinen, schmutzigen, hohlwangigen Gesicht etwas aufrichtete, das keine Gabe brauchte.

„Sie marschieren jetzt, weil sie Angst haben, dass ihr es öffentlich macht.“

Die Stille im Turmzimmer war anders als vorher.

„Erklärt es“, sagte Agatha.

„Mein Vater will euer Land nicht.“ Elin sprach schnell jetzt, mit der Präzision von jemandem, der sechs Tage lang die Sätze im Kopf sortiert hat. „Es ist ihm gleich. Er hat genug Land, und er hat Schulden, und ein Krieg um Äcker wäre das Dümmste, was er tun könnte.“

Sie beugte sich vor.

„Er will den Wald.“

Und Daan, der am Fenster stand, spürte, wie ihm der Boden wegkippte.

„Er will die Zeremonie“, sagte Elin. „Er will das Tor. Tausend Jahre lang habt ihr bestimmt, wer wann hineingeht und wie lange er bleiben darf, und alle wussten es, und niemand konnte etwas machen, weil ihr Drachen hattet.“ Sie sah in die Runde. „Jetzt habt ihr keine mehr. Und jetzt nimmt er sich das Tor.“

Niemand widersprach.

Das war das Schlimmste.

„Und wenn er es hat“, sagte Elin leise, „dann macht er genau das, was ihr gemacht habt. Tausend Jahre lang. Und die andere Welt —“

Sie brach ab.

Und Daan begriff, in einem einzigen kalten Schwall, wie vollkommen die Falle war, in der sie sassen.

Sie konnten das Reich nicht fallen lassen.

Wenn Elins Vater das Tor bekam, dann ging der Diebstahl weiter — nur unter einer neuen Fahne. Dann war Richards Drache umsonst gegangen und Livs Pferd umsonst und Elins Hirsch umsonst, und die dunkle Welt würde weiter ausbluten, und in tausend Jahren würde irgendein anderer Junge in einer anderen Bibliothek sitzen und Seiten finden, aus denen jemand die Wahrheit geschnitten hatte.

Sie mussten gewinnen.

Sie mussten diesen verfluchten Krieg gewinnen, damit sie danach das Richtige tun durften.

Nach dem Krieg, dachte Daan, und ihm wurde schlecht.

Elin sass auf ihrem Stuhl und sah ihre Hände an.

„Es ist meine Schuld“, sagte sie.

„Was?“

„Sie haben es an mir gelernt.“ Ihre Stimme war ganz ruhig, und das machte es unerträglich. „Vor meinem Bett. In meinem Zimmer. Der halbe Hof stand im Gang, als ich meinen Hirsch gehen liess, und sie haben zugesehen, und ich habe gedacht, sie sehen zu, weil sie um mich weinen.“

Sie hob den Kopf.

„Sie haben gelernt, dass ein Erwählter sich selbst entwaffnen kann.“

„Und dann hat er sechs Leute in euren Wald geschickt, die nachsehen sollten, ob es bei euch auch so weit ist.“

„Elin —“

„Ich habe mein Herz weggegeben“, sagte sie. „Und sie haben eine Waffe daraus gemacht.“

Und Daan ging durch das Turmzimmer und kniete sich vor ihren Stuhl, so wie er sich vor vielen Wochen neben ihr Bett gesetzt hatte, in einem Zimmer, das nach nutzlosen Kräutern roch.

„Nein“, sagte er.

„Doch.“

Nein.“ Er nahm ihr den Becher aus der Hand, weil sie ihn sonst zerdrückt hätte. „Hör mir zu. Du hast etwas Schönes getan. Das Schönste, was ich je gesehen habe. Und sie haben danebengestanden und nichts begriffen — kein einziges Wort, keine Silbe.“

Er sah zu ihr hoch.

„Das ist nicht dein Versagen, Elin. Das ist ihres.

Elin sah ihn an, und ihre Augen liefen über, und sie machte kein Geräusch dabei, und Daan dachte, dass er noch nie einen Menschen so still hatte weinen sehen.

Und dann stand jemand auf.

Liv hatte die ganze Zeit an der Wand gesessen, den geschienten Arm im Schoss, und hatte kein einziges Wort gesagt. Jetzt kam sie herüber. Langsam. Sie ging immer noch, als täte ihr alles weh, und das tat es auch.

Sie blieb vor Elins Stuhl stehen.

Zwei Mädchen, die einmal die Strahlendsten in zwei Königreichen gewesen waren.

Man hatte sie früher von weitem kommen sehen. Beide.

Jetzt musste man hinsehen, um sie zu finden.

Und Liv streckte ihre heile Hand aus, mit der Handfläche nach oben.

Und liess die Finger auseinandergehen.

Ganz langsam. Ganz leicht.

Elin sah auf die offene Hand.

Dann fing sie an zu lachen — ein zerbrochenes, nasses, ungläubiges Lachen —, und sie legte ihre Hand hinein, und die beiden hielten sich fest, und keine von ihnen sagte ein Wort, weil es kein Wort gab, das zwei Menschen sagen könnten, die dasselbe getan haben und dafür alles verloren haben und beide noch da sind.

Daan stand auf und trat zurück.

Er hatte in seinem Leben viele Dinge gesehen, die andere nicht sahen.

Das hier war das Erste, wofür er keine Gabe brauchte.

„Vierzehntausend Mann“, sagte Alexia leise vom Fenster her. „Und in drei Wochen sind sie hier.“

„Zwei“, sagte Elin, ohne Livs Hand loszulassen.

Sie sah nicht auf.

„Sie sind vor vier Tagen aufgebrochen.“