Was keiner sieht · Kapitel 38

Der Rat

Der Krieg fing mit Papier an.

Daan hatte immer gedacht, ein Krieg fange mit Trompeten an. In Wahrheit fing er mit Karten an, mit Listen, mit einem Hauptmann im Sold der Kaufleute, der drei Tage später eintraf und aussah, als hätte er seit einem Jahr nicht geschlafen, und mit sehr viel Zählen.

Sie zählten im grossen Saal.

„Achttausend“, sagte der Hauptmann. „Wenn meine Herren die Handelszüge ohne Bedeckung lassen — und sie werden sie lassen müssen —, dann achttausend, in zehn Tagen hier.“

„Sie haben vierzehn“, sagte Agatha.

„Ja.“

„Und die sind besser.“

„Ja.“

Alexia stand am Kartentisch und rechnete leise und sachlich vor sich hin, so wie sie einen Bach umgeleitet hatte.

„Magier“, sagte sie. „Im ganzen Reich, wenn wir alle rufen, die etwas taugen: einundvierzig. Davon können vielleicht sechzehn im Feld etwas ausrichten, das über Nebel und Pferdeschreck hinausgeht. Die anderen sind Uhrmacher und Hebammen und Leute, die Regen machen.“

„Und die Erwählten?“, fragte der Hauptmann.

Es wurde still.

„Vierundvierzig“, sagte der Obermagier.

Der Hauptmann sah auf.

„Dann steht es doch gar nicht so —“

„Vierundvierzig, von denen sechs im letzten Jahr verloschen sind, ohne dass wir es den Familien gesagt haben.“ Der alte Mann sagte es ohne jede Regung. „Von den achtunddreissig, die bleiben, sind neun Kinder unter sechzehn. Und alle achtunddreissig haben in den letzten zwei Wochen ein blaues Pferd über unseren Hof gehen sehen und wissen seither, dass ihr Wesen sie eines Tages umbringen wird.“

Der alte Mann sah den Hauptmann an.

„Wie viele von ihnen glauben Sie werden für dieses Reich sterben, Hauptmann?“

Der Mann antwortete nicht.

„Sie werden trotzdem kommen“, sagte Agatha. „Die meisten. Sie sind gut erzogen.“

„Ja“, sagte der Obermagier. „Und sie werden dabei sterben.“

Er beugte sich über die Karte.

„Diese vierzehntausend Männer sind nicht irgendwelche Bauern mit Piken. Sie sind dreihundert Jahre lang für eine einzige Frage ausgebildet worden: wie man ein Kind auf einem Drachen tötet. Sie haben Netze. Sie haben Winden. Sie haben Kettenschuss und Fallgruben und Formationen, deren Namen wir nicht kennen. Wir werden ihnen achtunddreissig leuchtende Kinder entgegenschicken —“

Er richtete sich auf.

„— und sie werden sie ernten.“

Und da stand Daan auf.

Er hatte die ganze Zeit an der Wand gestanden, zwischen Liv, deren Arm noch geschient war, und Richard, der auf einem Stuhl sass, weil Stehen wehtat, und Elin, die drei Tage geschlafen hatte und immer noch aussah wie der Tod.

„Dann schicken wir sie nicht“, sagte er.

Alle drehten sich um.

„Wir lassen sie los“, sagte Daan. „Alle. Jetzt. Vor der Schlacht.“

Der Hauptmann lachte.

Er lachte wirklich — ein kurzes, ungläubiges Bellen —, und dann sah er sich um und merkte, dass sonst niemand lachte, und hörte auf.

„Denkt doch nach!“ Daan trat an den Tisch. „Sie haben dreihundert Jahre gelernt, wie man Erwählte tötet. Alles, was sie haben, ist dafür gebaut. Die Netze, die Winden, die Formationen — jede einzelne Sache in diesem Heer ist gegen einen Drachen gedacht.“

Er schlug mit der flachen Hand auf die Karte.

„Und wenn keiner da ist?“

Niemand sagte etwas.

„Richard hat einen ihrer Besten geschlagen“, sagte Daan, und seine Stimme wurde lauter. „Einen ihrer Besten. Ohne Waffe, ohne Gabe, mit gebrochenen Rippen. Wisst ihr, warum? Weil der Mann zwanzig Jahre lang gelernt hat, wie man einen Jungen von einem Drachen holt — und dann stand da ein Junge ohne Drachen, der einfach nicht aufhörte, auf ihn zuzugehen, und er wusste nicht, was er tun soll!“

„Das war ein Mann“, sagte Agatha ruhig. „Das hier sind vierzehntausend.“

„Das ist doch dasselbe —“

„Nein“, sagte der Obermagier.

Er sagte es freundlich.

Und Daan wusste, in dem Augenblick, in dem er es hörte, dass er verloren hatte.

„Setz dich, Daan. Nein — bleib stehen. Du sollst es hören, und du sollst es im Stehen hören, weil es dir gebührt.“

Der alte Mann kam um den Tisch herum.

„Du hast recht“, sagte er. „In allem. Ihre Waffen sind für einen Feind gebaut, den es dann nicht mehr gäbe. Ihre Doktrin wäre wertlos. Ein Teil ihrer Offiziere würde tatsächlich nicht wissen, was er tun soll.“

Er blieb vor ihm stehen.

„Und dann“, sagte er, „würden sie es trotzdem tun.“

„Was?“

„Was Soldaten seit Anbeginn tun, wenn ihre klugen Pläne nicht gebraucht werden. Sie würden in einer Linie kommen. Vierzehntausend Mann in einer Linie, mit Speeren, gegen achttausend, die schlechter sind, und gegen sechzehn Magier, die Nebel machen.“

Er legte Daan die Hand auf die Schulter, dorthin, wo der Käfer sass.

„Sie brauchen keine Netze, um uns zu schlagen, mein Junge. Die Netze waren nur für die Drachen. Für uns anderen reicht ein Speer.“

Daan stand da und suchte nach etwas.

Er suchte mit allem, was er hatte, mit dem Käfer und mit der Wut und mit dem verfluchten, gnadenlosen Blick, der ihm sein Leben lang alles gezeigt hatte, was er nicht sehen wollte.

Und er fand nichts.

Weil der alte Mann recht hatte.

„Ich glaube dir“, sagte der Obermagier leise. „Ich glaube dir jedes Wort. Und wenn ich hundert Jahre Zeit hätte, würde ich es tun. Aber ich habe zehn Tage.“

Er drückte kurz zu.

„Wir behalten die Wesen. Wir werden mit ihnen kämpfen, und viele von ihnen werden sterben, und wir werden vielleicht verlieren. Und wenn wir gewinnen, dann tun wir das Richtige.“

Er ging zurück an den Tisch.

„Nach dem Krieg.“

Daan ging aus dem Saal.

Er ging über den Hof, an den Ställen vorbei, an dem blauen Pferd vorbei, das ihm nachsah, und hinter ihm rief jemand seinen Namen.

„Daan!“

Er ging weiter.

Daan.“ Liv holte ihn kurz vor dem Tor ein, den geschienten Arm am Leib, ausser Atem. „Was hat er gesagt?“

„Dass er recht hat.“

„Und?“

„Und er hat recht.“

„Dann gehen wir noch einmal zu ihm. Dann gehen wir zu Agatha, dann —“

Wir?

Es kam heraus, bevor er denken konnte.

Und er wusste, während er weitersprach, dass es falsch war. Er sah es sogar. Er sah ihre Schulter kippen, bevor sie kippte, er sah den Satz landen, bevor er landete, er sah alles, wie immer.

Er sagte ihn trotzdem.

„Du redest über Loslassen wie jemand, der weiss, wie das geht. Du hast losgelassen, schon gut. Und dann kam es zurück.“ Er hörte die eigene Stimme und mochte sie nicht. „Nur nicht zu dir.“

Der Hof wurde sehr still.

Es gab genau eine Sache auf dieser Welt, von der Daan geschworen hatte, sie niemals zu erwähnen, unter keinen Umständen, für den Rest seines Lebens.

Er hatte es keine Woche ausgehalten.

Liv sagte nichts. Ihr Gesicht tat nichts — es lag einfach da, so wie es auf der Lichtung dagelegen hatte.

Dann nickte sie einmal, kurz, als hätte sie etwas bestätigt bekommen, das sie ohnehin gewusst hatte, und ging zurück über den Hof.

Es waren vierzig Schritt. Daan stand am Tor und ging sie nicht.

Er ging durch das Tor und über die Wiese und in den Wald.

Er lief, bis er nicht mehr konnte, und dann sass er im Moos und atmete, und der Käfer sass auf seiner Schulter und sagte nichts.

„Er hat recht“, sagte Daan.

Der Wald schwieg.

„Er hat recht, und ich habe recht, und beides zusammen geht nicht, und in zehn Tagen sterben achtunddreissig Kinder.“

Er drückte die Handballen in die Augen.

Und dann, ganz langsam, hob er den Kopf.

Denn irgendwo, ganz hinten in seinem Schädel, hatte sich ein Gedanke aufgesetzt und sah ihn an.

Sie sind dreihundert Jahre lang für eine einzige Frage ausgebildet worden: wie man Erwählte tötet.

Daan stand auf.

Es gab auf dieser Welt genau einen Menschen, der dieselbe Frage vierzehn Jahre lang studiert hatte. Der jede Schwäche eines Erwählten kannte. Der wusste, wo die Netze reissen und wo die Winden klemmen und was ein Mann fürchtet, der ausgebildet wurde, Kinder von Drachen zu holen.

Genau einen Menschen, der das Handwerk des Feindes von innen kannte.

Und dieser Mensch sass irgendwo in diesem Wald, allein, mit einem sterbenden Falken und ohne einen einzigen Grund, morgen früh aufzustehen.

Daan wischte sich das Gesicht ab.

„Also gut“, sagte er zu dem Käfer.

„Suchen wir ihn.“