Was keiner sieht · Kapitel 39

Siebzehn

Er brauchte zwei Tage, und am Ende musste er ihn gar nicht finden.

Er ging einfach zum Teich, in der zweiten Nacht, und setzte sich ans Ufer, und wartete.

Es war das, was ein Mann tut, der nirgendwo mehr hingehen kann: Er geht dorthin, wo das Einzige ist, das er nicht bekommt.

Der Silberne kam vor Sonnenaufgang.

Er sah furchtbar aus. Er trug denselben Umhang, aber er hatte sich nicht rasiert, und er ging nicht mehr so, wie er früher gegangen war — dieser ruhige, sparsame Gang, der Daan an eine Katze erinnert hatte. Jetzt ging er wie jeder andere Mann. Er ging einfach.

Und in seiner Armbeuge lag der Falke.

Das Tier lebte noch. Daan sah es sofort, und er wünschte, er hätte es nicht gesehen: das graue Gefieder, der eine Flügel, der schleifte, der Kopf, der zur Seite gedreht war. Nach Norden.

Der Schütze blieb stehen, als er ihn sah. Dann kam er zum Wasser und setzte sich, drei Schritte entfernt, und beide sahen sie in den schwarzen Teich.

„Man hat euch gejagt“, sagte er.

„Ja.“

„Das Mädchen?“

„Sie lebt. Gebrochener Arm.“

„Und der Grosse?“

„Hat gewonnen“, sagte Daan.

Der Silberne drehte den Kopf.

„Er hat was?“

„Er hat gewonnen. Ohne Waffe. Er ist elfmal niedergeschlagen worden und elfmal aufgestanden, und er hat kein einziges Mal zurückgeschlagen — er wollte nur an dem Mann vorbei, weil Liv auf der anderen Seite war.“ Daan sah aufs Wasser. „Und dann hat er ihm das Bein verbunden.“

Der Schütze sagte lange nichts.

„Natürlich hat er das“, sagte er schliesslich.

Und Daan hörte etwas in seiner Stimme, das er dort noch nie gehört hatte, und es dauerte einen Augenblick, bis er es erkannte.

Es war Zärtlichkeit.

„Vierzehntausend Mann kommen“, sagte Daan. „In acht Tagen. Sie wollen den Wald. Sie wollen die Zeremonie.“

„Ich weiss.“

„Sie wissen es?“

„Ich lebe seit vierzehn Jahren in diesem Wald, und ich schlafe nicht viel.“ Der Silberne zuckte die Schultern. „Ich habe ihre Kundschafter zweimal gesehen. Ich habe nichts gesagt. Wem hätte ich es sagen sollen?“

„Sie hätten es mir sagen können!“

„Und du hättest gefragt, warum es mich kümmert.“ Er sah wieder aufs Wasser. „Es kümmert mich ja auch nicht. Wenn dieses Reich morgen untergeht, ist das kein Verlust für die Welt.“

„Und wenn Elins Vater das Tor kriegt?“

Der Silberne wurde ganz still.

„Dann macht er tausend Jahre lang genau dasselbe“, sagte Daan. „Nur mit einer anderen Fahne. Und drüben geht das Licht weiter aus, Jahrgang für Jahrgang, und alles, was Sie getan haben, war umsonst.“

„Es war umsonst.“

„Nein.“

Daan drehte sich zu ihm um.

„Und deswegen bin ich hier.“

Er holte Luft.

„Ihre siebzehn“, sagte er. „Die Bindungen, die Sie durchtrennt haben. Die siebzehn Menschen, deren Namen Sie sich aufgeschrieben haben, damit Sie sie nicht vergessen.“

„Hör auf.“

„Wo sind ihre Wesen jetzt?“

Der Silberne rührte sich nicht.

„Sagen Sie es“, sagte Daan. „Wo sind sie? Die siebzehn leuchtenden Wesen, die Sie mit Gewalt losgerissen haben — wo sind sie in diesem Augenblick?“

Der Mann in Silber öffnete den Mund.

Und schloss ihn wieder.

„Zu Hause“, sagte Daan.

Er sagte es ganz leise.

„Sie sind zu Hause. Alle siebzehn. Sie sind heimgegangen, sie sind da, sie sind ganz, und sie sind wahrscheinlich die einzigen Wesen dieser Welt, die in den letzten vierzehn Jahren ihre eigene Welt wiedergesehen haben.“

Der Falke bewegte sich in der Armbeuge des Mannes.

„Sie haben geglaubt, Sie hätten siebzehn Kinder ruiniert“, sagte Daan. „Sie haben siebzehn Wesen gerettet. Sie haben es falsch gemacht. Sie haben es grausam gemacht, Sie haben es hinter ihrem Rücken und ohne ihre Erlaubnis gemacht, und dafür schulden Sie ihnen etwas bis an Ihr Lebensende.“

Er beugte sich vor.

„Aber Sie waren der Einzige in tausend Jahren, der überhaupt etwas getan hat.“

Und der silberne Bogenschütze, der auf Agatha geschossen hatte, der seit vierzehn Jahren ein sterbendes Tier in den Armen trug, der sich selbst den Idioten dieser Geschichte genannt hatte —

fing an zu weinen.

Er machte kein Geräusch dabei. Er sass am Rand eines schwarzen Teiches, in dem eine sterbende Welt lag, und die Tränen liefen ihm in den Bart, und er hielt den Falken fest, und er sagte kein einziges Wort.

Daan liess ihn.

Er hatte gelernt, dass es Kummer gibt, den man nicht kleiner redet.

Nach einer sehr langen Zeit sagte der Mann:

„Was willst du.“

„Ihr Wissen.“

Daan stand auf.

„Vierzehntausend Männer kommen, und hinter jedem einzelnen von ihnen stehen dreihundert Jahre, die einer einzigen Frage galten: Wie tötet man einen Erwählten?“ Er sah auf den Mann hinunter. „Und es gibt auf dieser Welt genau einen Menschen, der sich dieselbe Frage vierzehn Jahre lang jeden einzelnen Tag gestellt hat.“

Der Silberne sah nicht auf.

„Sie wissen, wo die Netze reissen“, sagte Daan. „Sie wissen, wie eine Winde klemmt. Sie wissen, was ein Mann fürchtet, der ausgebildet wurde, Kinder von Drachen zu holen. Sie kennen jede Schwäche, die ein Beschützer hat, weil Sie sie siebzehnmal ausgenutzt haben.“

„Und was soll ich damit?“

„Uns beibringen“, sagte Daan, „wie man ohne sie überlebt.“

Der Wald war vollkommen still.

Der Silberne hob den Kopf.

Und Daan sah zu, wie in dem zerstörten Gesicht dieses Mannes etwas geschah, das er nur einmal zuvor gesehen hatte — auf den Stufen eines Turms, in den Händen eines sehr alten Mannes, die zu zittern angefangen hatten, weil ihm jemand eine Frage gestellt hatte, die niemand je gestellt hatte.

„Vierzehn Jahre“, sagte der Bogenschütze langsam, „habe ich gelernt, wie man Beschützer zerstört.“

„Ja.“

„Und du willst, dass ich damit ein Reich rette.“

„Ich will, dass Sie damit achtunddreissig Kinder retten“, sagte Daan. „Das Reich ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal.“

Und der Mann in Silber lachte.

Es war das erste Mal. Es war ein rostiges, hässliches, ungeübtes Geräusch, wie eine Tür, die seit Jahren nicht geöffnet wurde.

Er stand auf.

Er stand langsam auf, mit dem Falken in der Armbeuge, und er sah über den schwarzen Teich, und dann sah er Daan an.

„Es gibt eine Sache, die du wissen musst“, sagte er.

„Was?“

„Ich kann euch beibringen, wie ihr sie aufhaltet.“ Er strich dem Falken mit einem Finger über den Kopf. „Ich kann euch nicht beibringen, wie ihr sie besiegt. Dafür sind es zu viele.“

„Was brauchen wir denn, um sie zu besiegen?“

Und der Silberne sah lange auf das Wasser, in dem die Sterne zweier Welten lagen.

„Hilfe“, sagte er.

„Von wem?“

Der Mann in Silber antwortete nicht.

Er sah nur auf das schwarze Wasser hinunter, sehr lange, und Daan sah, wie sich seine Arme ganz langsam um den grauen Falken schlossen — und wie er es merkte — und wie er sie mit Gewalt wieder lockerte.