Was keiner sieht · Kapitel 40

Was Agatha getan hat

Sie kamen am Nachmittag durch das Tor, und Daan ging voran, weil er wusste, was passieren würde, wenn er es nicht tat.

Es dauerte vier Sekunden.

Der erste Wachmann sah das Silber. Der zweite schrie. Und dann standen elf Männer im Hof mit gezogenen Waffen, und die Anwärter rannten, und irgendwo läutete jemand die Glocke, und der silberne Bogenschütze stand mitten in dem Ganzen, den Bogen ungespannt über der Schulter, mit einem sterbenden Falken in der Armbeuge, und rührte sich nicht.

„Er ist bei mir!“, brüllte Daan. „ER IST BEI MIR!

Es half nicht besonders.

Was half, war die Frau, die auf die Stufen trat.

Sie kam nicht schnell. Sie kam so, wie sie immer kam — den Rücken gerade, den Blick überall —, und im Hof wurde es still, weil es im Hof immer still wurde, wenn Agatha kam.

Sie blieb auf der obersten Stufe stehen.

Und sah ihn an.

Daan hatte in diesem Jahr viele Menschen sehr genau angesehen. Er hatte gesehen, wie ein alter Mann seinen Bären ansah, und wie ein Mädchen ihr Pferd ansah, und wie eine Kriegerin ein Schwert ansah.

Er hatte noch nie gesehen, wie ein Mensch so aussah wie Agatha in diesem Augenblick.

Der silberne Bogenschütze setzte den Falken vorsichtig ins Gras.

Dann richtete er sich auf.

„Direktorin“, sagte er.

Und Agatha sagte:

„Levin.“

Der ganze Hof hielt den Atem an, und Daan spürte, wie ihm das Blut in den Ohren rauschte, denn in den elf Wochen, in denen dieser Mann durch sein Leben gegangen war wie ein Schatten aus Metall, hatte niemand ihn je bei einem Namen genannt.

Er hatte einen Namen.

Natürlich hatte er einen Namen.

„Legt die Waffen weg“, sagte Agatha, ohne den Blick von ihm zu nehmen.

„Frau Direktorin, dieser Mann hat —“

Legt sie weg.

Sie kam die Stufen herunter.

Sie ging über den Hof, an den Wachen vorbei, an Daan vorbei, und blieb drei Schritte vor ihm stehen. Und Daan sah, dass ihre Hände zitterten, und er sah, dass sie es wusste, und dass sie sie nicht versteckte, und irgendwie war das das Schlimmste.

Sie sah auf den Falken im Gras.

Sehr lange.

„Er lebt noch“, sagte sie.

„Ja.“

„Nach vierzehn Jahren.“

„Ja.“

Agatha schloss die Augen.

„Das ist meine Schuld“, sagte sie.

Und der Mann, den sie Levin genannt hatte, machte ein Geräusch, das kein Lachen war.

Jetzt sagst du es.“

„Ich habe es immer gesagt.“ Sie öffnete die Augen. „Ich habe es vierzehn Jahre lang jeden Morgen gesagt, wenn ich aufgewacht bin. Ich habe es nur nie dir gesagt, und das ist etwas anderes, und ich weiss es.“

Im Hof stand niemand mehr, der sich bewegte.

„Was hat sie getan?“, sagte Daan.

Er sagte es zu leise. Niemand hörte ihn.

Was hat sie getan?

Und Levin drehte den Kopf und sah ihn an, und in seinen Augen war etwas so Müdes, dass Daan zurückweichen wollte.

„Ich war neunzehn“, sagte er. „Ich war der Beste. Sie hat es allen erzählt — dem ganzen Reich, dem Obermagier, meiner Mutter. Der beste Schüler, den ich je hatte.

Er sah wieder zu Agatha.

„Und dann fing mein Falke an zu verlöschen.“

Der Wind ging über den Hof.

„Ich kam zu ihr“, sagte Levin. „Ich war ein Kind, ich hatte Angst, und ich kam zu der einzigen Person auf dieser Welt, von der ich glaubte, dass sie mich nicht anlügt.“

Daan stand ganz still.

Etwas in seiner Brust war eiskalt geworden.

„Und sie hat mich angesehen“, sagte Levin, „und sie hat gelächelt, und sie hat gesagt: Es ist nichts, Lev. Er ist nur müde. Er wird wieder.

Agatha stand da und sagte kein Wort.

„Drei Jahre“, sagte Levin. „Drei Jahre hat sie mich das glauben lassen. Drei Jahre, in denen ich Zeit gehabt hätte. Zeit, mich daran zu gewöhnen. Zeit, mich zu verabschieden. Zeit, es zu tun, solange er noch fliegen konnte —“

Seine Stimme brach.

„Solange er noch fliegen konnte, Agatha.“

Und Daan stand mitten im Hof seiner Schule, und um ihn herum drehte sich die Welt, und er hörte eine andere Stimme, an einem anderen Ort, in einem staubigen Hof unter einer lächerlich schönen Sonne.

Sieh es dir an. Sag mir, dass ich recht habe.

Ihm fehlt nichts.

Danke.

Er musste sich an der Mauer festhalten.

„Warum?“, sagte Levin.

Es klang nicht wütend. Es klang wie die Frage eines Neunzehnjährigen, der immer noch, nach vierzehn Jahren, keine Antwort bekommen hat.

Warum?

Und Agatha, die stärkste Magierin des Reiches, die einen Pfeil aus der Luft schlug, ohne hinzusehen, stand in ihrem eigenen Hof vor ihrem eigenen Schüler und sagte die Wahrheit.

„Weil ich es nicht ertragen habe“, sagte sie.

Sie sagte es ganz einfach.

„Weil du neunzehn warst und stolz und so verdammt begabt, und weil du mich angesehen hast wie einen Menschen, der alles reparieren kann. Und weil ich in dein Gesicht sehen und dir sagen sollte, dass du alles verlierst, was du bist.“

Sie hob das Kinn.

„Ich habe es nicht über die Lippen gebracht. Und ich habe mir eingeredet, es sei Güte.“

Sie sah auf den grauen Falken im Gras.

„Es war Feigheit“, sagte sie. „Es war die reinste Feigheit, die ich in meinem Leben begangen habe, und ich habe sie einem Kind angetan, und es hat vierzehn Jahre gedauert, und es dauert noch.“

Niemand im Hof atmete.

„Ich habe dir nicht die Wahrheit gestohlen, Levin“, sagte Agatha. „Die hättest du sowieso bekommen.“

Sie sah ihn an.

Ich habe dir die Zeit gestohlen.

Und Daan, der an der Mauer lehnte, weil seine Beine ihn nicht mehr trugen, sah zu Richard hinüber, der auf einer Bank sass mit seinen kaputten Rippen — und Richard sah ihn an, und in seinem Gesicht war kein Vorwurf, überhaupt keiner, nur eine unendliche, freundliche Traurigkeit.

Denn Richard hatte diesen Satz schon einmal gesagt.

Zu ihm — über neun Wochen, die er Liv gestohlen hatte.

Levin stand sehr lange da.

Dann bückte er sich, hob den Falken auf und barg ihn in der Armbeuge, so wie er es tausendmal getan hatte.

„Ich vergebe dir nicht“, sagte er.

„Nein“, sagte Agatha. „Das sollst du auch nicht.“

„Aber ich bleibe.“

Sie sah ihn an.

„In acht Tagen kommen vierzehntausend Mann“, sagte Levin, „die genau das können, was ich kann. Und ihr habt achtunddreissig Kinder, die keine Ahnung haben, was auf sie zukommt.“

Er ging an ihr vorbei, auf das Schulgebäude zu.

„Ruf sie zusammen“, sagte er. „Alle. In einer Stunde. Ich fange mit den Netzen an.“