Was keiner sieht · Kapitel 41

Die Netze

Achtunddreissig Erwählte standen auf dem Übungsplatz hinter den Ställen, und achtunddreissig leuchtende Wesen standen bei ihnen, und es war der prächtigste Anblick, den Daan je gesehen hatte.

Ein Luchs aus grünem Licht. Ein Eber, gross wie ein Ochse, der silbern glomm. Drei Falken. Ein Wolf. Ein Hirsch, der Daan das Herz zusammenzog. Ein Mädchen aus dem ersten Jahrgang mit einem winzigen goldenen Vogel auf dem Finger, das aussah, als würde es gleich weinen.

Und vor ihnen stand ein Mann in einem staubigen Umhang, mit einem Sack in der Hand, und sah sie an, als hätte man ihm einen Karren Kohl geliefert.

„Ihr seid alle tot“, sagte Levin.

Ein Junge lachte.

Levin griff in den Sack, und irgendetwas flog, und dann schrie das Mädchen aus dem ersten Jahrgang, weil ihr goldener Vogel plötzlich am Boden lag, gefangen in einem Netz aus dünnem, grauem Draht, so gross wie ein Taschentuch.

Es war in einer Sekunde vorbei.

„Das kostet einen halben Kupfer“, sagte Levin. „Ich habe siebzig davon in diesem Sack. Ein Bogenschütze im Feld trägt zwanzig.“

Er ging zu dem Mädchen und befreite den Vogel mit ein paar geübten Griffen und gab ihn ihr zurück, und sie starrte ihn an wie ein Gespenst.

„Er hat nichts“, sagte er freundlich. „Aber du hast fünf Sekunden gebraucht, um zu begreifen, dass es passiert ist. Fünf Sekunden. Der Mann, der es geworfen hat, braucht drei, um dich zu erreichen.“

Er drehte sich zu den anderen um.

„Noch einmal: Ihr seid alle tot.“

Und dann sagte er den Satz, der die drei folgenden Tage erklärte.

„Ich bringe euch nicht bei zu kämpfen“, sagte Levin.

Er liess den Sack auf den Boden fallen.

„Ich bringe euch bei, warum ihr es nicht könnt.“

Es waren die schlimmsten drei Tage in Daans Leben, und Daan hatte in diesem Jahr eine ganze Menge schlimme Tage gehabt.

Levin zeigte ihnen die Winden — kleine, hässliche Dinger aus Eisen und Sehne, mit denen zwei Männer einen Drachen im Flug an einem Bein festmachen und herunterreissen. Er erklärte in einem gleichmütigen, sachlichen Ton, wie lange ein Drache braucht, um sich am Boden totzuschlagen, wenn niemand ihm hilft.

„Also fliegt ihr nicht“, sagte er. „Nie. Nicht ein einziges Mal in Reichweite einer Formation.“

Er zeigte ihnen, warum ein leuchtendes Wesen nachts die dümmste Waffe der Welt ist.

„Ihr seid eine Fackel“, sagte er. „Ihr seid eine Fackel, die glaubt, sie sei ein Schwert. Ein Bogenschütze braucht kein Ziel zu suchen, das von selbst leuchtet.“ Er sah in die Runde. „Also versteckt ihr euch nicht. Ihr könnt euch nicht verstecken. Merkt euch das, es ist die halbe Wahrheit über euch.“

Er zeigte ihnen den Kettenschuss und was er mit Flügeln macht.

„Also bleibt euer Wesen ausser Schussweite. Immer.“

Und am zweiten Tag zeigte er ihnen die schlimmste Lektion, und die ging so:

Er stellte einen Jungen und dessen leuchtenden Wolf zwanzig Schritte auseinander. Dann fragte er die Zuschauer, was ein feindlicher Hauptmann täte, wenn er beide sähe.

Niemand antwortete.

„Er tötet den Wolf“, sagte Levin.

Der Junge fuhr auf, und Levin hob die Hand.

„Nicht den Jungen. Der Junge ist unwichtig. Der Junge ist ein Sechzehnjähriger mit einem Speer.“ Er sah sie alle an. „Aber wenn du das Wesen vor seinen Augen tötest, dann hast du in derselben Sekunde auch den Jungen. Er kämpft nicht mehr. Er schreit. Er rennt darauf zu. Er tut alles, was ein Mensch tut, dem gerade jemand das Herz herausgenommen hat — und keins davon ist Krieg.“

Er liess es wirken.

„Ihr seid der Köder für euch selbst.“

Ein Mädchen fing an zu weinen, und niemand machte sich darüber lustig, weil alle anderen kurz davor waren.

Und dann rechnete Daan es zusammen, und er sah, dass die anderen es auch taten, einer nach dem anderen, überall auf dem Platz, wie ein Feuer, das durch trockenes Gras läuft.

Fliegt nicht. Versteckt euch nicht — ihr könnt es nicht. Haltet sie ausser Schussweite. Sie sind der Köder für euch selbst.

Jede einzelne Lektion zeigte in dieselbe Richtung.

Und keiner von ihnen sprach es aus.

Am dritten Tag stellte das Mädchen mit dem goldenen Vogel die Frage.

Sie war vierzehn. Sie hatte drei Tage lang kein Wort gesagt.

„Wie haben Sie es gemacht?“, fragte sie. „Bei den siebzehn?“

Der ganze Platz erstarrte.

Levin stellte den Sack ab.

„Silberzehr“, sagte er.

Er zog einen Pfeil aus dem Köcher und hielt ihn hoch, und die Spitze war matt und grau und sah aus wie nichts.

„Es ist ein sehr altes Gift. Es frisst sich nicht durch das Fleisch. Es frisst sich durch die Kraft.“ Er drehte den Pfeil zwischen den Fingern. „Und in einem Erwählten ist das Stärkste, das Magischste, das Erste, was es findet —“

Er sah das Mädchen an.

„— die Bindung.“

Niemand atmete.

„Ein Streifschuss. Mehr braucht es nicht. Innerhalb von Minuten ist die Bindung fort, und das Wesen ist frei und geht heim. Und dann“, sagte Levin ruhig, „fängt das Gift an, den Menschen zu fressen. Das dauert Stunden.“

„Und dann sterben sie“, sagte das Mädchen.

„Nein.“ Levin steckte den Pfeil zurück. „Dann finden sie das Mondkraut. Es wächst an einer Stelle in diesem Wald, unter einem Vorsprung, wo ein alter Bach aus dem Fels tritt.“

Er sagte es sehr genau. Wie eine Wegbeschreibung.

„Ich habe siebzehnmal an diesem Wasser gesessen“, sagte er, „und zugesehen, wie jemand um sein Leben pflückte, den ich eine Stunde vorher angeschossen hatte.“

Das Mädchen mit dem goldenen Vogel sah ihn an.

„Warum haben Sie ihnen gesagt, wo es wächst?“

Und Levin, der siebzehn Kinder ruiniert hatte, sagte:

„Weil ich sie nicht töten wollte. Ich wollte ihre Wesen nach Hause bringen.“ Er hob den Sack wieder auf. „Ich bin kein Mörder, Kind. Ich bin etwas Schlimmeres. Ich bin ein Mann, der genau weiss, was er tut.“

Sie hassten ihn.

Sie hassten ihn abgrundtief, alle achtunddreissig, und am dritten Tag stellte sich ein grosser Junge aus dem letzten Jahrgang vor ihn und sagte ihm, er sei ein Mörder und ein Verräter, und was er hier eigentlich wolle.

Levin sah ihn an.

„Ich will, dass in fünf Tagen weniger von euch sterben, als sterben müssten“, sagte er.

„Und was, wenn wir das nicht wollen? Von Ihnen?“

„Dann sterbt ihr eben genau so viele, wie sterben müssten.“ Levin zuckte die Schultern. „Das ist mir gleich. Ich bin nicht hier, um gemocht zu werden. Ich habe siebzehn Leute wie euch ruiniert, und ich werde dafür bezahlen, bis ich tot bin, und keiner von euch kann mir etwas antun, was ich mir nicht schon selbst angetan habe.“

Er hob den nächsten Sack.

„Aber solange ich hier stehe, lernt ihr. Netze. Wieder.“

Am dritten Nachmittag machte er einen Fehler.

Er wollte zeigen, wie leicht es ist. Er suchte sich das kleinste, harmloseste Ziel auf dem Platz — das vierzehnjährige Mädchen mit dem winzigen goldenen Vogel, das in drei Tagen genau eine Frage gestellt hatte und aussah, als würde es bei einem lauten Wort zerbrechen.

Daan hatte sie schon einmal gesehen. Im Jahr davor, am Rand eines Kreises, ganz hinten, wo er selbst drei Jahre lang gestanden hatte. Damals hatte nichts an ihr geleuchtet.

„Sie“, sagte Levin und deutete auf sie. „Komm her. Ich zeige den anderen, wie schnell es geht.“

Das Mädchen kam. Es zitterte. Der goldene Vogel sass auf seiner Schulter und zitterte mit.

Levin erklärte, während er um sie herumging, jeden einzelnen Schritt: wie er das Netz führen würde, wie das Wesen fiele, wie das Kind in genau dem Moment aufhörte, ein Gegner zu sein, und nur noch ein schreiendes Ding wäre. Er sagte es sachlich, wie er alles sagte. Er hob den Arm.

Und das Mädchen, das seit drei Tagen kein Wort gesagt hatte, machte den Mund auf.

Der goldene Vogel sang.

Es war nicht laut. Es war das Gegenteil von laut — ein einziger, heller, sehr reiner Ton, kaum mehr als ein Atemzug, und Daan, der zwanzig Schritt entfernt stand, spürte, wie ihm die Nackenhaare aufstanden, ohne dass er hätte sagen können, warum.

Und Levins Arm blieb stehen.

Nicht, weil er ihn anhielt. Daan sah es genau — er sah, mit vollkommener, gnadenloser Klarheit, dass Levin den Arm senken wollte und dass der Arm nicht gehorchte. Dass da für einen Herzschlag, für zwei, für drei etwas anderes die Hand dieses Mannes hielt als sein eigener Wille. Der gefährlichste Bogenschütze des Reiches stand mit erhobenem Arm auf einem Übungsplatz und konnte ihn nicht bewegen, und sein Gesicht war das eines Menschen, dem gerade jemand in den eigenen Körper gegriffen hat.

Dann brach der Ton ab.

Das Mädchen schlug sich die Hände vor den Mund. Der Vogel duckte sich. Und beide, das Kind und der Mann, starrten einander an, gleich weiss, gleich erschrocken, und Daan begriff, dass von den beiden das Mädchen die grössere Angst hatte — denn Levin wusste jetzt wenigstens, was ihm geschehen war, und das Mädchen wusste nur, dass es das getan hatte und nicht, wie, und nicht, ob es aufhören konnte.

Levin liess den Arm sinken. Von selbst, diesmal.

Er sah das Mädchen sehr lange an.

„Wie heisst du?“, fragte er.

„Gwen“, flüsterte sie.

„Weiss jemand, dass du das kannst, Gwen?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich auch nicht“, sagte sie, und ihre Stimme brach. „Ich wollte nur, dass Sie aufhören.“

Und Levin — der siebzehn Bindungen durchtrennt hatte, der auf einem Feld drei Tage lang erklärt hatte, warum diese Kinder tot seien — kniete sich vor das vierzehnjährige Mädchen in den Staub, damit sein Kopf nicht mehr über ihrem war, und sagte etwas sehr Leises, das Daan nicht verstand, und das Mädchen fing an zu weinen, aber es war ein anderes Weinen als vorher.

Daan fand sie später, hinter dem Futterschuppen, wo niemand hinsah.

Sie sass im Dreck, den Rücken an der Bretterwand, die Arme um die Knie. Der goldene Vogel sass neben ihr und rührte sich nicht. Sie weinte nicht mehr. Sie starrte auf ihre eigenen Hände, so wie Levin auf seine gestarrt hatte, als er von den siebzehn erzählte.

Daan setzte sich zwei Schritt entfernt hin, ohne zu fragen.

Lange sagte keiner etwas.

„Ich wollte das nicht“, sagte sie schliesslich.

„Ich weiss.“

„Ich habe nur gedacht: hör auf. Ich habe es nur gedacht.“ Ihre Stimme war ganz dünn. „Und dann hat sein Arm —“

Sie brach ab und sah ihre Hände wieder an.

„Was, wenn ich es wieder denke?“

Und Daan hätte alles Mögliche sagen können. Dass es nicht ihre Schuld war. Dass sie es nicht wusste. Dass es vorbeigeht.

Er sagte nichts davon, weil nichts davon wahr war.

Er dachte an eine Lichtung und an einen Mann, der im Laub lag und atmete, und an das, was er in dem einen langsamen, gnadenlos klaren Augenblick ausserdem gesehen hatte: die Stelle unter dem Ohr. Die Stelle an der Kehle. Den Punkt, an dem der Nacken in die Schulter geht.

Er hatte es nicht getan. Aber er hatte es gesehen. Und seither wusste er, dass er es jederzeit wieder sehen würde.

„Ich weiss nicht, was du tun sollst“, sagte Daan.

Das Mädchen sah ihn an. Zum ersten Mal.

„Aber ich weiss, wie es ist“, sagte er. „Wenn man etwas kann, das man nicht will.“

Sie sagte nichts. Aber sie rückte ein Stück näher, ganz wenig, so wie man näher rückt, wenn es kalt ist.

Und die beiden sassen hinter einem Futterschuppen, zwei Kinder mit einer Gabe, vor der sie sich fürchteten, und der winzige goldene Vogel putzte sich, und auf Daans Schulter sass ein Käfer, den keiner sah, und niemand störte sie, weil niemand hinsah.

Danach war das Training nicht mehr dasselbe.

Es war Daan, der es zuerst merkte, weil er merkte, was andere übersahen: dass Levin aufgehört hatte, „ihr“ zu sagen. Er sagte jetzt Namen. Er wusste sie alle, alle achtunddreissig, und Daan hatte nicht gesehen, wann er sie gelernt hatte, aber Levin sagte Gwen und Tam und der grosse Junge heisst Bertok, und er hat eine Schwester im Dorf, die ihm jeden Sonntag schreibt, und je mehr Namen er sagte, desto langsamer und schwerer wurde seine Stimme.

Am Abend fand Daan ihn allein am Rand des Platzes, den Blick auf die Kinder, die im letzten Licht Netze übten, ungeschickt, lachend, sich gegenseitig fangend, weil Kinder aus allem ein Spiel machen, sogar aus dem Lernen des eigenen Todes.

„Ich habe sie nie gesehen“, sagte Levin.

Daan sagte nichts.

„Vierzehn Jahre. Siebzehn davon. Ich habe ihre Namen aufgeschrieben, damit ich sie nicht vergesse — aber ich habe sie nie gesehen, verstehst du? Sie waren Bindungen. Sie waren ein Ziel und ein Wesen und die drei Sekunden dazwischen, in denen ich schiessen musste.“ Er sah zu, wie ein Junge einen anderen umrannte und beide im Gras landeten. „Es waren Kinder. Es waren die ganze Zeit Kinder, die eine Schwester haben, die ihnen schreibt.“

Er drückte die Handballen in die Augen.

„Was habe ich getan.“

Und Daan, der neben ihm stand, sagte das Einzige, das wahr war und das nichts besser machte.

„Sie haben sie nach Hause gebracht“, sagte er. „Und jetzt bringen Sie diese hier durch fünf Tage. Das ist nicht genug. Aber es ist nicht nichts.“

Und am Abend des dritten Tages, als sie alle im Gras sassen und niemand mehr die Kraft hatte, ihn zu hassen, sagte der grosse Junge aus dem letzten Jahrgang es endlich laut.

Er sagte es nicht zu Levin. Er sagte es in die Luft, so wie man etwas sagt, das man die ganze Zeit gewusst und drei Tage lang nicht ausgesprochen hat.

„Sie dürfen gar nicht dabei sein.“

Niemand widersprach.

„Das ist es doch, oder?“ Er sah nicht auf. „Das ist das Einzige, was Sie uns die ganze Zeit sagen. Wir dürfen nicht fliegen. Wir können uns nicht verstecken. Wir müssen sie ausser Schussweite halten. Wenn sie sterben, sind wir keine Soldaten mehr, sondern nur noch Leute, die schreien.“

Er hob den Kopf.

„Es gibt gar keinen Platz auf diesem Schlachtfeld, an dem ein Wesen stehen kann.“

Levin sagte nichts.

Er packte seine Netze in den Sack, einen nach dem anderen, ruhig, gründlich, und dann warf er ihn sich über die Schulter und ging über den Platz davon.

An der Ecke der Ställe blieb er stehen.

„Drei Tage“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Ich habe drei Tage gebraucht, um euch das beizubringen.“

Der Sack hing schwer an seiner Schulter.

„Ich habe vierzehn Jahre dafür gebraucht.“

Am vierten Abend sassen sie im Kartenzimmer: der Obermagier, Agatha, Alexia, der Hauptmann, Levin. Und Daan, den niemand hineingebeten hatte und den niemand hinauswarf.

Und Levin sagte, was er herausgefunden hatte.

Zuerst eine Sache, die niemanden interessierte.

„Er hat das Heer geliehen“, sagte er. „Vierzehntausend Mann kosten mehr, als sein Reich in einem Jahr einnimmt. Irgendwo sitzt einer, dem er das schuldet.“

„Was geht uns das an?“, sagte der Hauptmann.

„Heute nichts“, sagte Levin.

Dann sagte er die Sache, für die sie ihn geholt hatten.

„Ihr gewinnt nicht.“

Der Hauptmann fuhr auf. Levin hob die Hand.

„Ich sagte, ihr gewinnt nicht. Ich sagte nicht, ihr verliert.“

Er beugte sich über die Karte.

„Hier ist der Engpass. Zwischen dem Waldrand und dem Fluss.“ Er tippte auf die Karte. „Vierzehntausend Mann können dort nicht vierzehntausend Mann sein. Sie können immer nur zwölfhundert sein, und der Rest wartet und wird ungeduldig. Wer diesen Engpass hält, muss nicht gewinnen. Er muss nur bleiben.“

„Mit welchen Truppen?“, sagte der Hauptmann.

„Achttausend Mann. Sechzehn Magier. Und Augen.“

„Augen.“

„Alles hängt an den Augen“, sagte Levin. „Vierzehntausend Mann in einem Engpass sind kein Heer, sondern eine Schlange. Und eine Schlange kann man schlagen, wenn man weiss, wo ihr Kopf gerade ist — und zwar vorher. Ihr braucht Menschen, die sehen, wohin sie sich bewegen, ehe sie es tun, und die es rechtzeitig melden.“

Der Hauptmann sah auf.

„Also die Erwählten. Ein Drache in der Luft sieht alles.“

„Ein Drache in der Luft“, sagte Levin, „ist am zweiten Tag ein Haufen Fleisch mit einer Winde im Bein, und der Junge, der auf ihm sass, ist ein schreiendes Kind, das über ein Feld rennt.“

Es wurde sehr still.

„Ich habe es Ihren Kindern drei Tage lang beigebracht, Hauptmann. Es gibt auf diesem Schlachtfeld keinen einzigen Platz, an dem ein leuchtendes Wesen stehen kann. Nicht in der Luft, nicht in der Linie, nicht dahinter. Es leuchtet.

„Und wer sind dann Ihre Augen?“

Und Levin sah zum ersten Mal an diesem Abend auf.

Er sah nicht den Hauptmann an.

Er sah Elin an, die in der Ecke sass, in einem geborgten Hemd, mit aufgeriebenen Beinen, und die die ganze Zeit kein Wort gesagt hatte.

„Wie viele Leute haben Sie aufgehalten?“, fragte er.

Elin blinzelte.

„Einen“, sagte sie. „Einen Zöllner.“

„Sechs Tage. Drei Königreiche. Ein Zöllner.“ Levin drehte sich zum Kartentisch zurück. „Sie ist die Tochter eines Königs, der gerade ein Heer aufstellt. Sie ist durch seine eigenen Linien geritten, an seinen eigenen Kundschaftern vorbei, und niemand hat sie auch nur angesehen.“

Er tippte wieder auf die Karte.

„Weil sie nichts ist.“

Und Daan, der am Ende des Tisches stand, spürte, wie ihm die Haare am Arm aufstanden.

„Geben Sie mir dreissig Kinder“, sagte Levin, „die kein Licht mehr haben. Keine Wappen, keine Uniformen, keine Wesen. Kinder, die aussehen wie Bauernkinder, weil sie Bauernkinder sind, sobald man ihnen das Leuchten nimmt. Und ich setze sie in jeden Graben und auf jeden Baum und in jede Scheune zwischen hier und dem Engpass.“

Am Tisch rührte sich niemand.

„Und der Feind wird durch sie hindurchmarschieren und sie nicht sehen. Weil man Kinder nicht sieht. Das ist der Grund, warum ich vierzehn Jahre in diesem Wald leben konnte, ohne dass mich je einer gefunden hat: Ich habe aufgehört, jemand zu sein.

Der Hauptmann starrte ihn an.

„Sie wollen unsere Erwählten entwaffnen“, sagte er, „um sie als Spione zu benutzen.“

„Ich will sie am Leben lassen“, sagte Levin. „Das mit den Spionen ist nur der Nebeneffekt.“

Er richtete sich auf.

„Mit den Magiern im Engpass, achttausend Mann in der Enge und dreissig unsichtbaren Kindern in den Hecken —“

Er sah in die Runde.

„— haltet ihr sie drei Tage.“

Stille.

„Drei Tage“, sagte Agatha.

„Drei Tage. Vielleicht vier, wenn es regnet.“

„Und dann?“

„Und dann“, sagte Levin, „sind es immer noch vierzehntausend.“

Der Hauptmann liess sich auf einen Stuhl fallen und starrte auf die Karte.

„Drei Tage nützen uns nichts“, sagte er tonlos. „Es kommt keine Verstärkung. Wir sind die Verstärkung. Es gibt niemanden mehr.“

„Doch“, sagte Daan.

Alle sahen ihn an.

Er stand am Ende des Tisches, fünfzehn Jahre alt, mit einem Käfer auf der Schulter, und er hatte drei Tage lang nichts anderes gedacht, und seine Stimme zitterte trotzdem.

„Es gibt achtunddreissig Wesen in diesem Reich“, sagte er. „Und drüben gibt es eine ganze Welt.“

Der Hauptmann verstand nicht.

Der Obermagier verstand sofort.

Daan sah es in seinem Gesicht — er sah, wie der alte Mann es begriff, und er sah, wie ihm dabei das Blut aus den Wangen wich.

„Wir lassen sie heimgehen“, sagte Daan. „Alle achtunddreissig. Jetzt. Vor der Schlacht.“

„Mein Junge —“

„Und wir bitten sie, wiederzukommen.“

Er sah in die Runde.

„Nicht als Besitz. Nicht gebunden. Wir bitten sie. Wie man einen Freund bittet. Und sie gehen heim, und sie erzählen es, und sie kommen zurück —“

Er atmete.

„— und sie bringen jemanden mit.“

Niemand sagte etwas.

Draussen ging die Sonne unter, und im Kartenzimmer wurde es dunkel, und keiner stand auf, um eine Lampe anzuzünden.

„Und wenn sie nicht kommen?“, sagte Agatha schliesslich.

„Dann kommen sie nicht“, sagte Daan.

„Dann stehen achttausend Mann und sechzehn Magier in einem Engpass gegen vierzehntausend Berufssoldaten“, sagte Agatha, „und wir haben unsere Wesen weggeschickt, und es ist vorbei.“

„Ja.“

„Und du willst, dass wir alles darauf setzen. Ein ganzes Reich. Auf eine Bitte.“

„Ja“, sagte Daan.

Und dann drehte er sich zu dem alten Mann um, der am Fenster stand und sich nicht bewegt hatte.

„Sie haben Ihr Leben lang gerechnet“, sagte er. „Sechzig Jahre. Und die Rechnung ist immer aufgegangen, und die andere Welt ist trotzdem gestorben.“

Er ging um den Tisch herum.

„Sie können nicht ausrechnen, ob sie kommen. Das können Sie nicht. Es gibt keine Zahl dafür.“

Er blieb vor ihm stehen.

„Das nennt man Vertrauen. Und Sie haben es noch nie in Ihrem Leben getan.“

Der Obermagier stand ganz still am Fenster.

Und Daan sah — er sah es genau, weil er alles genau sah — wie die Hände des ältesten Mannes im Reich sich langsam auf dem Fensterbrett schlossen.

Und wieder öffneten.