Was keiner sieht · Kapitel 42

Die Bitte

Er rief sie am nächsten Morgen zusammen.

Nicht nur die Erwählten. Alle. Die Anwärter, die Lehrer, die Köche, die Stallburschen, die Wachen, die Bauern aus den drei Dörfern, die vor Angst schon seit einer Woche jeden Tag zum Tor kamen und fragten, ob es stimme.

Sie standen im Hof, sechshundert Menschen, und der oberste Magier des Reiches stellte sich auf die Stufen und sagte ihnen die Wahrheit.

Er sagte sie ganz.

Er sprach eine Stunde lang, ohne ein einziges Mal die Stimme zu heben, und er liess nichts weg. Der Wald war eine Wand. Die Wesen kamen von drüben. Jede Bindung war eine Naht, und die Wand war aus ihnen genäht, und drüben lag eine Welt, in der seit tausend Jahren ein Licht nach dem anderen ausging, weil man ihre Kinder holte und nie zurückgab.

Er sagte ihnen, was das Verlöschen war.

Er sagte ihnen, wie viele.

Und dann sagte er, dass er in seiner Bibliothek sieben Bände aufgeschnitten und die Seiten herausgeschnitten habe, mit ruhiger Hand, vor sechsundvierzig Jahren, und dass er es wieder täte, und dass er sich dafür schäme, und beides sei wahr.

Niemand im Hof machte ein Geräusch.

„Und jetzt“, sagte der Obermagier, „kommen vierzehntausend Mann, um sich das Tor zu holen, damit sie es tausend Jahre lang genauso machen können wie wir.“

Er sah über sie hin.

„Ich habe einen Plan. Er ist wahnsinnig. Er stammt von einem Fünfzehnjährigen, und ich habe drei Nächte gebraucht, um zu begreifen, dass er der einzige ist, der uns bleibt.“

Er hob die Hand, und alle sahen sie an.

Eine alte, fleckige, offene Hand.

„Wir schicken sie heim“, sagte er. „Alle. Heute Nacht. Und dann bitten wir sie, wiederzukommen.“

Der Hof brach auseinander.

Es dauerte lange, bis es wieder still wurde. Es wurde gebrüllt und geweint und geflucht, und ein Bauer aus Ellenbrück schrie, dass man sie alle umbringen werde, und ein Vater packte seinen erwählten Sohn am Arm und zerrte ihn zum Tor, und der Junge riss sich los.

Der Obermagier wartete.

Als es leiser wurde, sagte er:

„Ich befehle es nicht.“

Und da wurde es ganz still.

„Hört mir zu, ihr achtunddreissig.“ Er sah sie an, einen nach dem anderen, und Daan sah, dass er sich für jeden von ihnen Zeit nahm. „Ich könnte es befehlen. Ich habe das Recht dazu. Und ich werde es nicht tun, denn eine Bindung, die man auf Befehl löst, ist ein Diebstahl mit besseren Manieren.“

„Wer es nicht kann, der kann es nicht. Das ist keine Schande. Es gibt Menschen in diesem Hof, die es nicht können, und sie sind nicht schlechter als die anderen — sie sind nur nicht so weit, und niemand hat das Recht, sie deswegen anzusehen.“

Er richtete sich auf.

„Heute Nacht, bei Sonnenuntergang, gehe ich zum schwarzen Teich. Wer kommen will, kommt.“

Sie gingen bei Sonnenuntergang.

Es war ein langer Zug durch den Wald, still, ohne Fackeln, weil man keine Fackeln braucht, wenn achtunddreissig leuchtende Wesen mit einem gehen.

Daan ging vorn. Neben ihm ging Liv, die nichts mehr hatte, und Richard, der nichts mehr hatte, und Elin, die nichts mehr hatte.

Sie hatten nichts zu geben.

Sie kamen trotzdem.

„Warum eigentlich?“, hatte Richard am Nachmittag gefragt, während er sich mühsam die Stiefel band. „Wir sind doch ganz nutzlos.“

Und Liv hatte gesagt: „Weil sie gleich das Schwerste tun, was ein Mensch tun kann. Und weil sie nicht wissen, wie es geht.“

Sie hatte den geschienten Arm angesehen.

„Und wir wissen es.“

Der schwarze Teich lag zwischen den alten Bäumen, und die Sterne darin zitterten nicht.

Achtunddreissig Erwählte standen am Ufer, und achtunddreissig leuchtende Wesen standen bei ihnen, und der Wald war so hell wie an einem Sommermittag, und es war das Schönste und das Schrecklichste, was Daan je gesehen hatte.

Der Obermagier trat ans Wasser.

„Ich kann euch nicht sagen, wie es geht“, sagte er. „Ich habe nie eines gehabt. Ich habe sechzig Jahre lang zugesehen, wie andere Menschen etwas hatten, das ich nicht verstand, und ich habe es in Zahlen aufgeschrieben.“

Er sah über die achtunddreissig Gesichter.

„Aber es sind Leute hier, die es können.“

Und dann traten Liv und Richard und Elin ans Wasser.

Sie hielten keine Rede.

Liv ging zu einem Mädchen aus dem zweiten Jahrgang, das schon seit zehn Minuten weinte und den Kopf ihres leuchtenden Luchses umklammert hielt, und sie sagte kein einziges Wort. Sie setzte sich neben sie ins Gras und legte ihr die heile Hand auf den Rücken und blieb dort.

Richard ging zu dem grossen Jungen aus dem letzten Jahrgang, der ihn drei Tage lang einen Verräter genannt hatte, und sagte: „Es hört nicht auf wehzutun. Falls dir das irgendjemand anderes erzählt, ist er ein Lügner.“ Und der Junge sah ihn an, und Richard zuckte die Schultern und stellte sich neben ihn und sagte nichts mehr.

Elin ging von einem zum anderen, sehr ruhig, ein Mädchen ohne Rang und ohne Licht, und sie sagte jedem einzelnen denselben Satz, und Daan hörte ihn irgendwann zum vierten Mal und musste weggehen, weil er es nicht aushielt.

„Es ist danach sehr still“, sagte sie. „Das ist alles. Es ist nur sehr still.“

Und dann fingen sie an.

Es dauerte die halbe Nacht.

Es war nicht feierlich. Es war das Ungeordnetste, Peinlichste, Menschlichste, was Daan je erlebt hatte: Leute, die zehn Minuten lang dastanden und die Hände nicht aufbekamen. Leute, die es taten und dann zusammenbrachen und angeschrien werden mussten, damit sie aufhörten, ins Wasser zu gehen. Ein Junge, der lachte, während er es tat, und danach nicht mehr aufhören konnte zu lachen, bis Alexia ihn festhielt.

Und das Licht.

Immer wieder das Licht. Grün und silbern und golden und rot, das aufflammte und nach Norden ging, eines nach dem anderen, und jedes Mal wurde der Wald ein bisschen dunkler.

Daan zählte, weil er nicht anders konnte.

Bei neunzehn ging ein Junge ans Wasser, blieb eine Stunde stehen und ging dann zurück in den Wald, und sein Wolf trottete hinter ihm her, und niemand sagte etwas, und niemand sah ihm nach, weil der Obermagier sie alle vorher angesehen hatte, sehr genau, und sie es verstanden hatten.

Bei siebenundzwanzig kniete Agatha neben einem Mädchen, das nicht aufhören konnte zu zittern, und flüsterte ihr etwas ins Ohr, und Daan wusste, was es war, weil er es an ihrem Gesicht sah.

Ich weiss, wie es ist, wenn man es nicht sagt. Bitte tu es.

Bei dreissig kam Gwen an die Reihe.

Sie machte kein Aufheben. Sie hob die Hand, und der Vogel stieg auf, und das kleine goldene Licht ging nach Norden wie all die anderen, und sie sah ihm nach, bis es fort war.

Und während sie ihm nachsah, ging das Gold auch aus ihr heraus. Es dauerte etwa so lange, wie man braucht, um dreimal zu atmen.

Dann stand sie da.

Und Daan sah es auch bei ihr — und es war nicht das, was er erwartet hatte.

Sie weinte. Natürlich weinte sie; sie hatte gerade ihren einzigen Freund fortgeschickt.

Aber darunter, tief darunter, war noch etwas anderes, etwas, das sonst an diesem Ufer niemand hatte, und Daan brauchte einen Moment, bis er es benennen konnte, weil es an einen Ort wie diesen so wenig hingehörte.

Es war Erleichterung.

Sie war das einzige Kind in dieser Nacht, das froh war.

Und Daan verstand es sofort, und es machte ihn nicht ruhiger, sondern kälter: Sie war nicht ihr Wesen losgeworden. Sie war das losgeworden, was sie mit ihrem Wesen tun konnte.

Er sagte es niemandem.

Kurz vor Morgengrauen war es vorbei.

Einunddreissig.

Einunddreissig leuchtende Wesen waren nach Hause gegangen, und sieben standen noch am Ufer, bei sieben Menschen, die es nicht gekonnt hatten, und keiner von ihnen konnte irgendjemandem in die Augen sehen.

Der Wald war dunkel.

Er war so dunkel, wie er seit tausend Jahren nicht gewesen war, und die einunddreissig, die es getan hatten, standen im Gras und waren gewöhnliche Menschen, und einige von ihnen hielten sich an den Händen, weil sie nichts anderes mehr hatten, woran sie sich halten konnten.

Und ganz am Rand, unter den Bäumen, stand ein Mann in Silber.

Er hatte die ganze Nacht dort gestanden.

Der graue Falke sass in seiner Armbeuge.

Und Daan hatte gesehen, wie Levin dreimal in dieser Nacht auf das Wasser zugegangen war.

Und dreimal umgekehrt.

Niemand sagte ein Wort darüber.

Der Obermagier stand am schwarzen Wasser, in dem jetzt keine Farbe mehr war, und sah in die Sterne einer anderen Welt.

„Wir haben getan, was wir konnten“, sagte er.

Und dann setzte sich der oberste Magier des Reiches ins nasse Gras, wie ein alter Mann, der müde ist.

„Jetzt“, sagte er, „warten wir.“