Was keiner sieht · Kapitel 43

Der Engpass

Nichts kam.

Nicht am ersten Tag. Nicht am zweiten. Nicht am dritten.

Der schwarze Teich lag zwischen den alten Bäumen, still und leer, und die einunddreissig gingen jeden Morgen hin und standen am Ufer und sahen ins Wasser, und jeden Abend gingen sie zurück, und keiner sagte etwas.

Am vierten Tag marschierten sie.

Achttausend Mann bewegen sich langsamer, als Daan gedacht hatte, und sie riechen schlechter, und sie singen nicht. Er hatte immer geglaubt, Soldaten würden singen. In Wahrheit fluchten sie über ihre Stiefel und stritten darüber, wer den Karren zog, und einer von ihnen erzählte drei Tage lang denselben Witz.

Es waren keine Helden. Es waren Schuster und Bauern und Fischer mit Speeren.

Und dazwischen gingen einunddreissig Kinder ohne Licht.

Levin verteilte sie unterwegs.

Er tat es persönlich, jedes einzelne, und er nahm sich Zeit dafür, und Daan sah zu, wie ein Mann, der siebzehn Leben zerstört hatte, sich vor einem vierzehnjährigen Mädchen in die Hocke setzte und ihr erklärte, in welchem Graben sie liegen und wann sie den Kopf heben durfte.

„Du bist keine Kundschafterin“, sagte er zu ihr. „Kundschafter erschiesst man. Du bist ein Bauernmädchen, das Beeren sucht.“

„Und wenn sie mich fragen?“

„Dann sagst du, du suchst Beeren. Sie glauben dir. Sie werden dir immer glauben.“ Er sah sie an. „Sie sehen dich nicht, Kind. Das ist das Schlimmste, was ihnen jemals passieren wird.“

Sie liessen sie zurück, einen nach dem anderen, in Hecken und Scheunen und Bachbetten, dreissig Meilen weit gestreut, und jedes Mal, wenn eines von ihnen verschwand, wurde die Kolonne ein bisschen stiller.

Der Engpass war eine Enttäuschung.

Daan hatte sich Felsen vorgestellt, Schluchten, so etwas wie in den Liedern. In Wahrheit war es ein flaches Stück Land zwischen einem Waldrand und einem Fluss, ungefähr sechshundert Schritt breit, mit ein paar Weiden darauf.

Man hätte dort ein Fest feiern können.

„Sechshundert Schritt“, sagte der Hauptmann, fast liebevoll. „Sie haben vierzehntausend Mann, und sie kriegen nur zwölfhundert davon gleichzeitig auf mich drauf.“

Sie gruben zwei Tage.

Und dann kamen sie.

Daan sah sie vor allen anderen, weil er alles vor allen anderen sah.

Er stand auf dem kleinen Hügel hinter der Linie, wo man ihn hingestellt hatte, weil er dort am nützlichsten war — der Junge, der sieht, das Auge des ganzen verfluchten Heeres — und er sah zuerst den Staub, weit im Süden, und dann die Bewegung darin, und dann, als die Welt still und langsam und gnadenlos scharf wurde, sah er alles.

Er sah die Standarten und die Zugordnung und die Karren mit den Winden. Er sah die Bogenschützen an den Flanken und die Netzträger in der dritten Reihe, sauber, ordentlich, jeder mit seinem Sack.

Er sah eine Armee, die für den falschen Krieg ausgerüstet war, und er wusste, dass es keinen Unterschied machte.

„Wie viele?“, sagte der Hauptmann neben ihm.

„Alle“, sagte Daan.

Sie brauchten den ganzen Tag, um sich aufzustellen.

Und Daan stand auf seinem Hügel und sah zu, wie sich das Feld gegenüber füllte, und er hatte in seinem Leben viele hässliche Dinge gesehen, aber er hatte noch nie etwas gesehen, das so ordentlich war.

Es war kein Ungeheuer. Es war kein Zauberer auf einem Turm. Es war kein Heer aus Schatten.

Es waren vierzehntausend Männer, die einen Beruf hatten.

Am Abend ging er die Linie ab.

Er fand Richard in der dritten Reihe, zwischen zwei Fischern aus dem Süden, mit einem Speer, den er kaum halten konnte, weil seine Rippen noch nicht verheilt waren.

„Du solltest nicht hier sein“, sagte Daan.

„Ich weiss.“ Richard grinste schief. „Das haben mir heute schon vier Leute erklärt. Einer davon war ein Hauptmann.“

„Du kannst nicht mal atmen.“

„Ich kann stehen.“ Er sah die Linie entlang, auf die Männer neben sich, die ihn ansahen wie ein grosses, freundliches, unerklärliches Wunder. „Sie sind alle furchtbar aufgeregt, weil ein Erwählter bei ihnen steht. Ich habe dreimal gesagt, dass ich keiner mehr bin.“

Er zuckte die Schultern, und es tat ihm weh.

„Es interessiert sie nicht. Sie fühlen sich besser. Also stehe ich hier.“

Und Daan sah ihn an, den grossen, kaputten, gewöhnlichen Jungen mit dem Speer, und ihm wurde die Kehle eng.

„Richard.“

„Sag es nicht.“

„Was?“

„Was immer du gerade sagen wolltest. Es klingt, als wäre es ein Abschied, und ich hasse Abschiede, ich bin schrecklich darin.“ Richard sah ihn an. „Sag es mir übermorgen. Beim Kuchen.“

Elin sass auf einem Karren am Rand des Lagers und versuchte, etwas zu essen.

Daan setzte sich neben sie, weil sie ihn gesehen hatte und weil man dann schlecht weitergeht.

„Was ist das?“, fragte er.

„Man hat es mir als Brot verkauft.“ Elin drehte den Klumpen in der Hand. „Ich glaube, es ist ein Stein, der eine schwere Kindheit hatte.“

Daan lachte.

Er lachte, ohne es zu wollen, und es überraschte ihn, weil er nicht gewusst hatte, dass er das noch konnte.

„Richard isst so was“, sagte er.

„Richard isst alles. Ich habe gesehen, wie er heute einem Fischer die Zwiebel weggegessen hat, und der Fischer hat sich bedankt.“

„Er kann das. Er hat es einmal einem Drachen abgeschaut.“

Und Elin lachte — ein hässliches, schnaubendes Lachen, das ihr selbst peinlich zu sein schien und das Daan von diesem Augenblick an sehr mochte.

Sie sassen eine Weile auf dem Karren und sagten nicht viel.

Es war leicht.

Das war es, was Daan erst später begreifen würde, viel später, wenn es zu spät war, um noch irgendetwas daran zu ändern: Es war leicht.

Zwischen ihm und diesem Mädchen lag nichts. Keine Lüge. Keine neun Wochen. Kein Wimpernschlag auf einer Lichtung. Sie hatte ihn nie um etwas gebeten, das er ihr nicht geben konnte, und er hatte ihr nie etwas genommen, und wenn sie nebeneinander sassen und über einen Steinbrotklumpen lachten, dann war das einfach — nur das.

Zwei Leute, die lachten.

Es kostete nichts.

Und zwanzig Schritt entfernt, zwischen zwei Zelten, stand ein Mädchen mit einem geschienten Arm und sah ihnen zu.

Sie stand dort vielleicht zehn Sekunden.

Sie sagte nichts, und sie kam nicht näher, und ihr Gesicht tat nichts Dramatisches — es tat überhaupt nichts, es lag einfach da, so wie ein Gesicht daliegt, wenn ein Mensch etwas begreift, das er nicht begreifen wollte.

So kann er sein.

Er kann so sein.

Nur mit mir nicht mehr.

Dann drehte sie sich um und ging zurück auf ihren Hügel.

Und der Junge, der sah, was andere nicht sahen — der einen Kampf aus zertretenem Laub las, der einen Wimpernschlag auf vierzig Schritt entzifferte, der jede winzige Wahrheit unter jeder Haut fand, ob er es aushielt oder nicht —

sah sie natürlich.

Er sah sie sofort. Am Rand des Blickfelds, zwischen zwei Zelten, ein Umriss, den er auf hundert Schritt erkannt hätte. Und er sah, was ihr Gesicht tat, weil er gar nicht anders konnte.

Er drehte den Kopf nicht.

Es dauerte zehn Sekunden. Zehn Sekunden, in denen ein Blick gereicht hätte. Ein Winken. Ein Komm her, setz dich zu uns, sie haben Elin einen Stein als Brot verkauft.

Er tat es nicht.

Denn wenn er den Kopf drehte, war es nicht mehr leicht. Dann waren da wieder die neun Wochen und der Wimpernschlag auf der Lichtung und ein Hof, in dem er einen Satz gesagt hatte, den er nicht hatte sagen dürfen. Dann war er wieder jemand, der etwas gutzumachen hatte.

Für zehn Sekunden wollte er das nicht sein.

Also lachte er weiter über den Steinbrotklumpen, bis die Schritte hinter ihm fort waren.

Und redete sich, während er sie noch hörte, ein, dass er sie nicht gehört hatte.

Liv fand er auf dem Hügel, wo sie mit den Läufern sass.

Ihr Arm war noch geschient. Sie würde nicht kämpfen. Sie würde rennen — von Daans Hügel zum Hauptmann und zurück, den ganzen Tag, mit allem, was Daan sah.

Sie sass im Gras und sah nach Norden.

„Es kommt nicht“, sagte sie.

Daan setzte sich neben sie.

„Vier Tage“, sagte Liv. „Wenn sie kommen wollten, wären sie längst da.“

„Vielleicht ist es weit.“

„Vielleicht wollen sie nicht.“ Sie riss ein Büschel Gras aus. „Und ehrlich gesagt, Daan — warum sollten sie? Wir haben sie tausend Jahre lang gestohlen. Und jetzt schicken wir sie heim und sagen: Kommt bitte wieder, wir brauchen euch, es ist dringend.“ Sie lachte. Es war kein gutes Lachen. „Ich würde nicht kommen.“

Daan sagte nichts, weil er nichts hatte.

Sie sassen eine Weile.

„Ich träume von ihm“, sagte Liv leise. „Jede Nacht. Nicht davon, wie er weggeht. Von dem Bach. Vom ersten Tag.“

Sie sah in die Dunkelheit im Norden.

„Ich bereue es nicht“, sagte sie. „Ich will nur, dass du weisst, dass ich es nicht bereue. Falls morgen —“

„Liv.“

„Falls morgen etwas passiert“, sagte sie fest, „sollst du wissen, dass ich es nicht bereue. Nicht eine Sekunde. Es war das Einzige in meinem ganzen Leben, das wirklich meins war — die Entscheidung. Nicht das Pferd. Die Entscheidung.“

Und dann drehte sie den Kopf und sah ihn an, und Daan sah, dass sie geweint hatte und dass es ihr gleichgültig war.

„Und wenn es nicht kommt, dann kommt es nicht.“

Am Rand des Lagers, ganz aussen, wo das Licht der Feuer nicht mehr hinreichte, sass ein Mann in Silber mit einem grauen Falken in der Armbeuge und sah nach Norden.

Er sass dort die ganze Nacht.

Daan wachte zweimal auf, und beide Male war die Gestalt da, unbeweglich, ein Umriss gegen die Sterne.

Und beim zweiten Mal sah er, dass Levin den Kopf des Falken in beiden Händen hielt und mit ihm redete, ganz leise, so wie man mit jemandem redet, den man um etwas Ungeheuerliches bitten muss.

Im Morgengrauen bliesen sie die Hörner.