Was keiner sieht · Kapitel 44

Was er sah

Am ersten Tag funktionierte es.

Das war das Schlimmste daran — dass es funktionierte, und dass es sich anfühlte wie ein Spiel.

Daan stand auf seinem Hügel, und die Welt wurde still und langsam und gnadenlos scharf, und er sah alles.

Er sah, wie die vierte Kompanie am linken Flügel eine halbe Drehung machte, drei Herzschläge bevor sie es tat — an den Schultern, an den Füssen, an der Art, wie ein Hauptmann den Kopf drehte. Er brüllte es, und Liv rannte, und der Hauptmann verschob zweihundert Mann, und als der Stoss kam, traf er auf Speere statt auf Rücken.

Er sah, wo sie schwach waren, ehe sie es wussten.

Er sah einen Wall aus Schilden auseinandergehen, weil ein Mann in der zweiten Reihe hinkte.

Er sah den Nebel, den die Magier legten, und er sah, wo er dünn war, und er sah, welchen Weg der Feind hindurchsuchen würde, und er sagte es, und sie warteten dort auf ihn.

Und die Kinder in den Hecken meldeten.

Den ganzen Tag über kamen sie an — schmutzige, verstörte, gewöhnliche Kinder, die durch die Linien liefen, weil niemand sie aufhielt, und die dem Hauptmann sagten, wo drei Karren mit Winden standen und welche Kompanie kein Wasser hatte und dass der Kommandant auf einem Schimmel ritt und immer weiter links als rechts.

Der Feind sah sie nicht. Nicht ein einziges Mal.

Sie hatten dreihundert Jahre gelernt, wie man leuchtende Kinder vom Himmel holt.

Es kam ihnen nicht in den Sinn, das Bauernmädchen anzusehen, das im Graben Beeren suchte.

Am Abend des ersten Tages hatten sie neunhundert Mann verloren und der Feind zweitausend, und die Männer im Lager brüllten Daans Namen, wenn er vorbeiging, und ein Fischer aus dem Süden griff nach seinem Ärmel und weinte und sagte, er habe ein Kind zu Hause.

Levin sass am Feuer und rührte in einem Topf.

„Ihr habt heute gewonnen“, sagte er. „Es wird euch morgen umbringen.“

„Wie bitte?“

„Sie sind nicht dumm.“ Er sah nicht auf. „Sie haben heute den ganzen Tag verloren, weil sie taten, was sie geübt haben. Heute Nacht wird ein sehr wütender Mann in einem Zelt sitzen und begreifen, dass er nichts von dem tun darf, was er gelernt hat.“

Er zog den Topf vom Feuer.

„Und dann fängt er an nachzudenken. Und ein Feind, der nachdenkt, ist etwas ganz anderes.“

Am zweiten Tag hörte es auf zu funktionieren.

Sie kamen nicht in Formationen. Sie kamen in Klumpen, ungeordnet, an fünfzehn Stellen gleichzeitig, ohne Standarten und ohne Muster, und sie taten Dinge, die keinen Sinn ergaben — sie warfen Männer weg, sie liefen in Lücken, die keine waren, sie zogen sich zurück, wo sie gewannen.

Und Daan sah alles.

Er sah jeden einzelnen Mann, jeden Schritt, jede Bewegung, mit einer Klarheit, die ihm die Augen brennen liess.

Und es nützte ihm nichts.

Denn man kann fünfzehn Dinge auf einmal sehen und nur eines davon sagen.

„LINKS!“, brüllte er, und Liv rannte, und der Hauptmann warf achthundert Mann nach links, und während sie liefen, sah Daan, wie in der Mitte ein Keil aufbrach, den er nicht gemeldet hatte, weil er den Mund nur einmal aufmachen konnte.

Er sah Männer sterben, weil er das Falsche zuerst gesagt hatte.

Er sah es genau. Er sah jedes Gesicht.

„MITTE! MITTE, VERDAMMT —“

Und Liv rannte, und sie war schnell, aber sie war ein sechzehnjähriges Mädchen mit einem geschienten Arm, und der Weg vom Hügel zum Hauptmann war zweihundert Schritt, und ein Mann braucht zum Sterben ungefähr zwei.

Und dann sah Daan es geschehen, und er konnte nichts tun ausser sehen.

An der geborstenen Flanke, dort, wo die Linie am dünnsten war, brach ein Soldat durch — nicht auf den Hauptmann zu, nicht auf die Fahne, sondern quer, dorthin, wo eine rennende Gestalt mit einem geschienten Arm über das offene Feld hetzte. Ein Läufer. Unbewaffnet. Das leichteste Ziel, das ein Feld zu bieten hat.

Er hob den Speer.

Liv sah ihn nicht. Sie sah nichts als den Hauptmann, zweihundert Schritt entfernt, und die Nachricht in ihrem Kopf, und sie rannte weiter, geradewegs in den Speer hinein.

Daan schrie. Es war sinnlos. Alle schrien.

Und dann, aus den Reihen des Feindes, aus der falschen Richtung, kam ein Pfeil.

Er kam nicht auf Liv zu. Er kam auf den Mann mit dem Speer zu, quer über das eigene Feld, aus den eigenen Linien, ein einziger, ruhiger, unmöglich genauer Schuss — und der Soldat mit dem Speer sackte zusammen, drei Schritte vor einem Mädchen, das im Weiterrennen nicht einmal begriff, dass es gerade gestorben und nicht gestorben war.

Daan drehte den Kopf, und der Lärm der Schlacht fiel von ihm ab.

Weit hinten, in den Reihen der Angreifer, auf einem kleinen Hügel, stand eine Frau mit grauen Augen und einem Bogen. Sie hatte ihn eben erst gesenkt. Sie sah nicht triumphierend aus und nicht erschrocken; sie sah aus wie ein Mensch, der gerade etwas getan hat, das gegen jeden Befehl und gegen jede Vernunft und gegen zweiunddreissig Jahre Ausbildung verstösst, und der noch nicht weiss, was das über ihn aussagt.

Mara hielt Daans Blick, über das ganze brüllende Feld hinweg, einen einzigen Herzschlag lang.

Dann drehte sie sich um, hob den Bogen wieder, und schoss auf einen von Daans Männern.

Und traf.

Und Daan verstand, dass es Menschen gibt, die auf zwei Seiten gleichzeitig stehen, weil die Welt sie in eine Uniform gesteckt hat, ehe sie gefragt wurde, wer sie eigentlich sein wollen — und dass ein solcher Mensch der gefährlichste und der hoffnungsvollste Verbündete ist, den man haben kann, und dass er noch nicht wusste, welches von beidem Mara sein würde.

Um die Mittagszeit brach die linke Flanke.

Daan sah es kommen, wie er alles kommen sah, und er sah auch, wer sie hielt.

Alexia.

Sie stand in der Bresche, wo der Schlamm knietief war, und sie tat, was sie immer tat: Sie arbeitete.

Kein Feuer. Keine Blitze. Nichts von dem, was in den Liedern vorkommt. Sie stand bis zu den Waden im Dreck, die Ärmel hochgekrempelt, und legte die Handflächen auf die Erde, und die Erde vor ihr wurde weich wie warmer Teig, und dreihundert Männer sanken bis zur Hüfte ein und kamen nicht mehr vorwärts.

Es war die unspektakulärste Magie der Welt.

Es sah aus wie Gartenarbeit.

Sie hielt die Bresche eine Stunde lang, ganz allein, eine fünfzigjährige Frau, die neunundzwanzig Jahre gebraucht hatte, um fliegen zu lernen.

Und Daan sah, wie sie starb.

Er sah es von vierhundert Schritt Entfernung, auf einem Hügel, mit der Klarheit eines Gottes und der Macht eines Kindes.

Er sah den Mann, der von rechts kam. Er sah, dass Alexia ihn nicht sehen konnte, weil sie die Hände in der Erde hatte und nicht loslassen durfte. Er sah den Speer, und er sah den Winkel, und er sah den Punkt zwischen der siebten und der achten Rippe, an dem er treffen würde, und die Welt war so langsam wie Honig, und Daan hatte alle Zeit der Welt.

Er hatte alle Zeit der Welt und vierhundert Schritt Entfernung.

Er schrie ihren Namen.

Sie hörte ihn nicht. Natürlich hörte sie ihn nicht. Zwischen ihnen brüllten achttausend Männer.

Alexia hob den Kopf, ganz kurz, so wie man den Kopf hebt, wenn man glaubt, jemand hätte etwas gesagt.

Dann traf sie der Speer.

Sie sackte nicht sofort zusammen. Das war das Unerträglichste. Sie kniete noch einen Moment im Schlamm, mit den Händen in der Erde, und die Erde blieb weich, und die dreihundert Männer steckten weiter fest, weil sie nicht losliess.

Dann fiel sie zur Seite.

Die Erde wurde hart.

Und die Bresche brach.

Sie schlossen sie mit vierhundert Mann und mit Agatha, die in den Schlamm ging wie ein Wintermorgen, und am Abend stand die Linie noch, und niemand sprach darüber.

Daan sass in der Dunkelheit hinter dem Hügel und übergab sich, bis nichts mehr kam.

Dann sass er einfach da.

Liv fand ihn irgendwann. Sie setzte sich neben ihn und sagte kein Wort, und er war ihr dafür so dankbar, dass er es nicht aushielt.

„Ich habe es gesehen“, sagte er.

„Ich weiss.“

„Ich habe es kommen sehen. Ich habe die Rippe gesehen, Liv. Ich habe genau gesehen, wo er treffen würde, und ich habe alle Zeit der Welt gehabt, und ich stand vierhundert Schritt weit weg.“

Er drückte die Handballen in die Augen.

„Wozu ist das gut? Wozu ist das gut, wenn ich es nur zusehen kann?“

Und Liv sagte nichts, weil sie eine der wenigen Menschen auf dieser Welt war, die gelernt hatte, dass man Kummer nicht kleiner redet.

Sie legte ihm nur die heile Hand in den Nacken und liess sie dort.

Am Rand des Lagers, im Dunkeln, sass ein Mann in Silber und sah nach Norden.

Der Hauptmann kam gegen Mitternacht mit den Zahlen.

Zweitausendvierhundert Tote. Von achttausend.

Neun Magier von sechzehn.

„Und morgen?“, fragte der Obermagier.

„Morgen brechen wir“, sagte der Hauptmann. Er sagte es sachlich. Er hatte keine Kraft mehr für irgendetwas anderes. „Vormittag. Vielleicht Mittag, wenn es regnet.“

Niemand sagte etwas.

Draussen, im Norden, lag ein schwarzer Teich in einem alten Wald, und in ihm waren die Sterne einer anderen Welt, und nichts, überhaupt nichts, bewegte sich darin.