Was keiner sieht · Kapitel 45
Was seine Hände taten
Er kam kurz nach Mitternacht.
Daan lag wach — er hatte gar nicht erst versucht zu schlafen —, und dann stand ein Schatten über ihm, und er wusste, wer es war, bevor er die Augen aufmachte.
„Komm mit“, sagte Levin.
„Wohin?“
„Das weisst du.“
Daan setzte sich auf.
„Warum ich?“
Und der silberne Bogenschütze stand im Dunkeln, mit einem grauen Falken in der Armbeuge, und sagte:
„Weil ich nicht weiss, ob ich es kann.“
Eine Pause.
„Und weil ich es nicht allein tun will.“
Sie gingen zwei Stunden durch den nachtschwarzen Wald.
Hinter ihnen brannten die Feuer von achttausend Männern, die morgen sterben würden, und vor ihnen war nichts als Bäume, und der Falke lag still in Levins Arm und sah nach Norden, wie seit vierzehn Jahren.
Sie redeten lange nicht.
Darauf sagte Daan:
„Warum haben Sie auf Agatha geschossen?“
Levin ging weiter.
„Sie haben es nie gesagt“, sagte Daan. „Nicht am Bach. Nicht im Hof. Sie haben nie erklärt, warum Ihre Hand abgewichen ist, und ich habe es für Gnade gehalten.“
Er sah ihn von der Seite an.
„Es war keine Gnade. Oder?“
Sie gingen dreissig Schritte.
„Ich bin gekommen, um sie zu töten“, sagte Levin.
Er sagte es ohne jede Betonung.
„Nicht wegen des Systems. Nicht wegen der Wesen. Nicht wegen der Wand.“ Ein Ast knackte unter seinem Stiefel. „Wegen eines Satzes. Es ist nichts, Lev. Er ist nur müde.“
Daan sagte nichts.
„Vierzehn Jahre habe ich in diesem Wald gelebt und nichts getan. Und dann, an dem Tag davor, stand ich am Waldrand und habe zugesehen, wie sie die Zeremonie leitete.“
Er blieb stehen.
„Zum vierzehnten Mal, Daan. Sie stand in ihrem Hof, aufrecht wie ein Stock, und rief Kinder in den Kreis, und lächelte, und sagte die feierlichen Worte. Und sie weiss genau, was sie ihnen umhängt.“
Er ging weiter.
„Ich habe vierzehn Jahre gebraucht, um es nicht mehr ertragen zu können.“
„Und dann?“
„Und dann“, sagte Levin, „hat meine Hand mich verraten.“
Der Wald war sehr still.
„Ich hatte sie im Bogen. Ich hatte sie so sicher, wie ich noch nie etwas hatte. Und in dem Herzschlag, in dem ich hätte loslassen sollen —“ Er sah nach vorn. „— hat meine Hand etwas anderes getan. Sie hat den Schuss gemacht, den ich siebzehnmal gemacht habe. Streifen. Nicht töten.“
Er lachte, kurz und hässlich.
„Nur ist Agatha keine Erwählte. Sie hat keine Bindung, die das Gift zuerst frisst. Ich habe meine Lehrerin fast umgebracht, weil meine Hand barmherzig sein wollte.“
Daan blieb stehen.
„Sie konnten es nicht.“
„Nein.“
„Sie konnten sie nicht töten. Und Sie können ihn nicht gehen lassen.“ Daan sah ihn an. „Zweimal hat Ihre Hand sich geweigert. Und beide Male —“
„Sag es nicht.“
„— beide Male war es Liebe“, sagte Daan.
Levin blieb stehen.
Er stand sehr lange im Dunkeln, und Daan hörte, wie er atmete.
„Ich habe es Versagen genannt“, sagte er.
„Ich weiss.“
Der schwarze Teich lag zwischen den alten Bäumen, und die Sterne einer anderen Welt lagen darin, und sie zitterten nicht.
Levin ging ans Wasser.
Er kniete sich hin, so wie er sich hundertmal hingekniet hatte, und setzte den grauen Falken an den Rand.
Und der Falke straffte sich.
Daan sah es — er sah, wie ein Zittern durch die stumpfen Federn lief, wie der geschundene Flügel sich ein Stück hob, ein einziges Stück, wie das alte, kaputte Tier den Kopf hob und nach Norden sah, dorthin, wo es zu Hause war, zwei Schritte entfernt, seit vierzehn Jahren zwei Schritte entfernt.
Und Levin legte beide Hände in sein Gefieder.
„Hör mir zu“, sagte er.
Seine Stimme war ganz ruhig.
„Du gehst jetzt nach Hause. Und wenn du dort bist, dann sag ihnen etwas von mir.“
Der Falke rührte sich nicht.
„Sag ihnen, dass sie kommen sollen. Nicht für das Reich — das Reich hat es nicht verdient, und ich würde es keinem verübeln, wenn er uns verrecken lässt.“ Er beugte sich vor. „Sag ihnen, sie sollen für die Kinder kommen. Für das Mädchen mit dem Pferd. Für den Grossen mit dem Drachen. Für die einunddreissig, die euch gehen liessen, obwohl es sie alles gekostet hat.“
Er schloss die Augen.
„Und wenn sie fragen, warum sie einem Menschen glauben sollen — dann sag ihnen, wer dich schickt.“
Seine Stimme brach.
„Sag ihnen, du kommst von dem Mann, der dich vierzehn Jahre lang festgehalten hat. Und dass er dich am Ende gehen liess. Und dass sie ihm deshalb glauben können.“
Und dann sagte Levin nichts mehr.
Daan stand fünf Schritte hinter ihm und sah zu und sagte kein Wort, und er redete ihm nicht zu und erklärte ihm nichts und sagte ihm nicht, er solle tapfer sein.
Er stand einfach da.
Und er sah.
Er sah, wie sich die Finger des Mannes ins Gefieder krallten. Weiss und hart, wie hundertmal zuvor, wie an jedem einzelnen Abend seit vierzehn Jahren.
Er sah, wie Levin zu zittern anfing.
Er sah einen Mann, der stärker war als alle in diesem Wald, der einen Pfeil durch ein Schlüsselloch schoss, der einer Direktorin und einem Obermagier ins Gesicht gesehen und nicht geblinzelt hatte — und der am Rand eines schwarzen Teiches kniete und mit seinen eigenen Händen kämpfte und verlor.
„Ich kann nicht“, sagte Levin.
„Ich weiss“, sagte Daan.
„Ich kann nicht.“
„Ich weiss.“
Und dann — nach einer Zeit, die Daan sein Leben lang nicht würde messen können, es war eine Minute oder eine Stunde oder ein Jahr —
bewegte sich der Falke.
Er drehte den Kopf. Ganz langsam. Weg von Norden.
Und er sah den Mann an, der ihn festhielt.
Und dann legte er den grauen, zerzausten, alten Kopf gegen Levins Handgelenk.
Und blieb so.
Es war nicht viel. Es war eine winzige, alltägliche, hundertmal gesehene Geste, wie ein Hund sie macht, wie ein Pferd sie macht, wie jedes Tier auf der Welt sie macht, das seinen Menschen liebt.
Und Daan, der sah, was andere nicht sahen, sah, was sie bedeutete:
Es ist gut. Ich bin nicht böse. Lass los.
Und die Hände des Bogenschützen öffneten sich.
Sie öffneten sich einfach.
Kein Krampf. Kein Ringen. Sie gingen auf, wie eine Hand aufgeht, mehr war es nicht — und ein alter Mann in einer Kate im Norden hatte das vor sehr langer Zeit einem Jungen gezeigt, und der Junge hatte kein Wort davon verstanden, und jetzt verstand er es.
„Geh“, flüsterte Levin.
Der Falke ging ins Wasser.
Er watete. Er konnte nicht fliegen; er watete in das schwarze Wasser, mit einem schleifenden Flügel, kleiner und grauer und erbärmlicher als alles, was Daan je gesehen hatte.
Und dann schloss sich das schwarze Wasser über ihm.
Kein Aufflammen. Kein Licht. Der Teich warf keine Welle und gab kein Zeichen; er nahm den grauen Falken einfach, wie er alles nahm, still und ohne Antwort, und wo eben noch ein Tier gewatet war, waren jetzt nur die Sterne einer anderen Welt, die nicht zitterten.
Levin starrte weiter ins Wasser.
Und Daan, der neben ihm kniete, verstand, was der Mann dachte, weil es in seinem Gesicht stand: Er konnte nicht fliegen. Und drüben ist eine Welt so gross wie diese.
Niemand wusste, ob ein Falke, der nicht fliegen kann, eine ganze Welt durchquert.
Niemand konnte es wissen.
Das war der Preis, den Halvar nie genannt hatte: dass man die Hand öffnet und dann nicht erfährt, ob es richtig war. Dass das Loslassen und die Gewissheit nie zusammen zu haben sind. Man tut es blind, oder man tut es gar nicht.
Levin hatte es blind getan.
Und dann kniete dort nur noch ein Mann.
Ein magerer, sehniger Mann mit einem Bogen, den er nie wieder würde spannen können, am Ufer eines schwarzen Teiches, mit leeren Händen.
Er machte kein Geräusch.
Daan ging zu ihm und kniete sich neben ihn in den Schlamm und legte ihm den Arm um die Schultern, und Levin sackte gegen ihn, und der Junge, den keiner gewählt hatte, hielt den gefährlichsten Mann des Reiches fest, während dieser weinte.
Es war fast Morgen.
Sehr weit weg, im Süden, klang ein Horn.