Was keiner sieht · Kapitel 46
Der dritte Tag
Sie schafften es bei Sonnenaufgang zurück.
Levin sagte auf dem ganzen Weg kein Wort. Er ging aufrecht, und er ging schnell, und zweimal blieb er stehen und griff sich ins Leere, dorthin, wo seit vierzehn Jahren ein Gewicht in seiner Armbeuge gelegen hatte.
Als sie ins Lager kamen, sah Agatha ihn an.
Sie sah nur sein Gesicht, und seine leeren Arme, und sie sagte nichts.
Sie ging zu ihm und nahm ihn in den Arm, und Levin liess es geschehen, steif und ungelenk, wie ein Mann, der nicht mehr weiss, wie das geht.
Dann bliesen sie zum dritten Mal die Hörner.
Der dritte Tag war kein Kampf.
Es war eine Arbeit, die vierzehntausend Männer an dem verrichteten, was von achttausend übrig war, und sie verrichteten sie gründlich.
Daan stand auf seinem Hügel, und die Welt war still und langsam und gnadenlos scharf, und er sah alles, und er sah, dass alles zu Ende ging.
Er sah, wie die rechte Flanke sich bog, nicht brach — bog, langsam, wie ein Zweig unter Schnee.
Er sah die Lücken in der eigenen Linie, wo gestern noch Männer gestanden hatten.
Er sah, dass von den Kindern in den Hecken nur noch vier meldeten.
Er hatte aufgehört zu fragen, wo die anderen waren. Am Vormittag hatte ein Junge aus dem zweiten Jahrgang die Nachricht gebracht, dass Gwen — vierzehn, mit ernstem Gesicht, die Levin selbst in den Beeren-Graben gesetzt hatte und die gefragt hatte, was sie sagen solle, wenn man sie fände —, nicht mehr an ihrem Platz lag, und Daan hatte genickt und weitergebrüllt, weil er sonst nichts hätte tun können, und irgendwo in ihm war eine Tür zugegangen, die er später wieder öffnen musste, wenn er noch lebte.
Er brüllte den ganzen Tag.
Er brüllte, bis seine Stimme fort war, und dann brüllte er weiter, und Liv rannte, und rannte, und rannte, mit einem geschienten Arm und Blut an den Beinen, weil sie irgendwann gestürzt war und niemand Zeit gehabt hatte, es zu bemerken.
Es half nicht.
Es half einfach nicht mehr.
Gegen Mittag brach die Linie in der Mitte.
Und Daan sah, wie der Obermagier in die Bresche ging.
Ein alter Mann. Sechsundachtzig Jahre alt, mit einem Stock, der kein Stock war, und er stellte sich in eine Lücke, in der zweihundert Männer gestorben waren, und die Erde vor ihm hob sich wie eine Welle und warf einhundert Soldaten zurück wie Kegel.
Und dann noch einmal.
Und dann sank er auf ein Knie und stützte sich auf, und Daan sah — er sah es bis auf den Grund —, dass in dem alten Mann nichts mehr war.
Er hatte sechzig Jahre lang gerechnet.
Und jetzt gab er alles aus, in einer einzigen Stunde, weil es nichts mehr zu rechnen gab.
Sie holten ihn heraus. Er lebte. Er war leer bis auf den Grund, aber er lebte, und er lag auf einem Karren am Fuss des Hügels und sah in den Himmel, und Daan konnte nicht hinsehen.
Um zwei Uhr sagte der Hauptmann, dass es vorbei sei.
Er sagte es ganz ruhig. Er hatte einen Verband um den Kopf und einen um die linke Hand, und er sagte: „Wir halten noch eine Stunde. Vielleicht zwei. Schicken Sie die Kinder weg, Direktorin. Sofort.“
„Sie bleiben“, sagte Agatha.
„Frau Direktorin —“
„Sie bleiben.“ Ihre Stimme war fest. Ihr Gesicht war es nicht. „Es gibt nichts mehr, wohin man sie schicken könnte.“
Daan ging den Hügel hinunter.
Er wusste nicht, warum. Es gab nichts mehr zu sehen, was er sehen wollte, und alles, was er nicht sehen wollte, sah er ohnehin. Also ging er zu dem einen Menschen im Lager, der noch stiller war als er.
Levin stand am Rand, wo das Gras aufhörte, und sah nach Norden.
Er hatte den Bogen nicht in der Hand. Er hatte ihn seit drei Tagen nicht in der Hand gehabt — er konnte ihn nicht spannen —, und er hatte trotzdem drei Tage lang eine Verteidigung gelenkt, mit nichts als seinem Kopf und vierzehn Jahren Wissen darüber, wie man Erwählte tötet, gegen Männer, die dasselbe wussten. Jetzt gab es nichts mehr zu lenken.
Also sah er einfach nach Norden.
Daan stellte sich neben ihn, und weil er zu müde war, um aufs Feld zu sehen, sah er den Mann an.
Und es dauerte einen Moment, bis er begriff, was fehlte.
Das Silber war weg.
Nicht das Wams — das war noch da, stumpf und verdreckt. Das andere. Das, weswegen man ihn auf hundert Schritt erkannt hatte, und weswegen nie jemand hatte fragen müssen, wer dort steht.
Ein grauer Mann stand am Rand des Grases und sah nach Norden, und man hätte an ihm vorbeigehen können.
Und weil er Daan war, weil er nicht anders konnte, las er das Gesicht des Mannes wie eine Seite.
Er sah, dass Levin nicht auf die Schlacht sah, sondern über den Wald hinweg, dorthin, wo vor vier Tagen ein grauer Falke ins schwarze Wasser gewatet war, weil er nicht mehr fliegen konnte.
Er sah Levin rechnen — nicht mit Zahlen, wie der Obermagier, sondern auf die schlichte, grausame Art eines Mannes, der die Wahrheit nicht mehr abwehren kann: Er konnte nicht fliegen. Er ist ins Wasser gegangen, und er konnte nicht fliegen, und drüben ist eine Welt so gross wie diese, und er war alt und kaputt und müde.
Er sah Levin begreifen, dass sein Falke es nicht geschafft hatte.
Dass das Letzte, was er in vierzehn Jahren getan hatte, gewesen war, das Einzige, das er liebte, in ein schwarzes Wasser zu schicken — damit es dort für eine Botschaft starb, die niemand je hören würde.
Und Daan sah, wie einem Mann, der auf Agatha geschossen hatte, der siebzehn Bindungen durchtrennt hatte, der nicht geblinzelt hatte, als eine Direktorin seinen Namen sagte, die Tränen übers Gesicht liefen — lautlos, während er nach Norden sah.
„Es tut mir leid“, sagte Levin.
Er sagte es nicht zu Daan. Er sagte es über den Wald hinweg, sehr leise, zu einem Tier, das ihn nicht mehr hören konnte.
„Ich hätte dich früher gehen lassen sollen. Solange du noch fliegen konntest.“
Seine Stimme brach.
„Es tut mir so leid.“
Und dann verengten sich seine Augen.
Daan folgte seinem Blick.
Weit weg, sehr weit weg, über den schwarzen Wipfeln der ältesten Bäume des Reiches, bewegte sich ein Punkt.
Er war winzig. Er war ein Nichts, ein Fussel im Abendlicht, etwas, das man für einen Vogel halten konnte oder für müde Augen, die zu lange in denselben Himmel gestarrt hatten.
Levin stand ganz still.
„Nein“, sagte er.
Er sagte es, wie man etwas sagt, das man sich verbietet. Er wusste, was die Sehnsucht mit den Augen macht. Er wusste, dass ein Mann, der etwas verzweifelt genug vermisst, es überall zu sehen beginnt.
„Nein. Bild dir das nicht ein. Nicht.“
Der Punkt kam näher.
Die Sonne stand tief und fiel schräg über den Wald, und einen Herzschlag lang fing der Punkt das Licht —
und glitzerte.
Silbern.
Hart und hell und silbern, wie eine Klinge im Mondlicht, so wie er einmal gewesen sein musste, als ein neunzehnjähriger Junge ihn zum ersten Mal auf dem Arm getragen hatte und dachte, ihm gehöre die Welt.
Und der Falke — der vor vier Tagen nicht hatte fliegen können, der ins schwarze Wasser gewatet war mit einem schleifenden Flügel — zog über dem sterbenden Wald einen weiten, ruhigen, mühelosen Bogen, wie etwas, das sein ganzes Leben lang nichts anderes getan hat.
„Er fliegt“, flüsterte Levin.
Er sagte es, als wäre es das einzige Wort, das ihm geblieben war.
„Daan. Er fliegt.“
Und dann warf der silberne Falke den Kopf zurück und stiess einen einzigen, langen, kreischenden Schrei aus — einen Schrei, der über das ganze Feld hallte, über vierzehntausend Männer und über den Rest von achttausend, sodass jeder Kopf sich hob und jede Klinge einen Herzschlag lang innehielt —
und der Himmel hinter ihm wurde dunkel.