Was keiner sieht · Kapitel 47
Der Himmel
Sie kamen über die Bäume.
Sie kamen nicht in einer Linie und nicht in einer Formation, weil sie keine Soldaten waren und nie welche gewesen waren. Sie kamen wie ein Sturm kommt, wie ein Wetter, ungeordnet, in einer Breite von einer halben Meile, und sie füllten den ganzen nördlichen Himmel.
Es waren nicht einunddreissig.
Es waren Hunderte.
Daan stand mit offenem Mund auf einem Hügel und sah eine Welt kommen.
Er sah Dinge, die er nie gesehen hatte und für die es in keiner Sprache des Reiches ein Wort gab. Er sah einen Vogel mit vier Flügeln, dessen Federn wie Regen aussahen. Er sah etwas, das lief, ohne den Boden zu berühren. Er sah Hirsche in einer Farbe, die es hier nicht gibt, und einen Schwarm winziger Lichter, so dicht wie Bienen, und irgendetwas Grosses, Langsames, unerträglich Schönes, das ganz oben zog und für das er einfach kein Wort hatte, und es tat ihm weh, es anzusehen.
Und Daan begriff, während er hinaufsah, dass die meisten von ihnen noch nie hier gewesen waren.
Es waren nicht einunddreissig heimgekehrte Wesen und ihre Freunde. Der grösste Teil dieses Himmels hatte diese Welt in seinem ganzen Leben nie betreten — hatte keinen Menschen, kein Reich, keine einzige Naht, die es hätte hierherziehen können. Sie hatten keinen Grund zu kommen. Sie schuldeten diesem Ort nichts als tausend Jahre gestohlener Kinder.
Und sie waren trotzdem gekommen.
Weil ein Falke heimgekehrt war und erzählt hatte, dass drüben ein paar Menschen das Schwerste getan hatten, was man tun kann — dass sie losgelassen hatten, ohne zu wissen, ob etwas zurückkäme —, und weil in einer sterbenden Welt, in der seit tausend Jahren nur genommen worden war, zum ersten Mal jemand gefragt hatte.
Und da war offenbar etwas, das durch keine Wand und keine Naht ging und das man doch nicht aufhalten konnte, wenn es einmal begann. Etwas, das man nur beschreiben konnte, indem man ein sehr kleines, sehr menschliches Wort dafür nahm.
Sie kamen aus Solidarität.
Und ganz unten, ganz vorn, dicht über den Wipfeln, kam ein silberner Falke.
Der ganze Wald leuchtete auf.
Auf dem Feld hörte der Krieg auf.
Er hörte nicht sofort auf. Aber er hörte auf, wie Lärm aufhört, wenn jemand eine Tür schliesst: erst in der Mitte, dann an den Rändern, dann überall. Vierzehntausend Männer und der Rest von achttausend hoben zur selben Sekunde den Kopf.
Und dann kamen sie herunter.
Sie fielen nicht über das Heer her.
Das war es, was Daan sein Leben lang nicht vergessen würde — es war kein Angriff, es gab keinen Angriff, sie taten überhaupt nichts, was man in einem Lied besingen könnte.
Sie kamen einfach.
Sie strichen tief über die Linien, hundert, zweihundert, unmöglich zu zählen, und der Wind ihrer Flügel warf Standarten um, und das Licht war so hell, dass die Männer die Arme vor die Augen rissen, und irgendwo in der vierten Reihe warf jemand seinen Speer weg und rannte.
Und die Netzträger standen mit ihren Netzen da.
Und wussten nicht, wohin damit.
Daan sah es. Er sah es von seinem Hügel aus, in aller Deutlichkeit, und er begriff es in derselben Sekunde, und es war das Schönste, was ihm je aufgegangen war.
Dreihundert Jahre Doktrin.
Netze — um ein Wesen von seinem Menschen zu trennen.
Winden — um ein Wesen aus der Luft zu holen, damit sein Mensch bricht.
Kettenschuss — um Flügel zu brechen, vor den Augen dessen, der daran hängt.
Jede einzelne Waffe. Jede einzelne Übung. Jede Formation, jedes Handbuch, jede Stunde von dreihundert Jahren war für eine Sache gebaut:
Töte das Wesen, und du hast den Menschen. Töte den Menschen, und du hast das Wesen.
Und über sie hinweg kamen jetzt Hunderte von Wesen, die zu niemandem gehörten.
Es gab keinen Reiter, den man herunterholen konnte.
Es gab keine Bindung, die man durchschneiden konnte.
Es gab keinen Menschen, den man ihnen wegnehmen konnte, weil sie keinen hatten — weil man von etwas, das niemandem gehört, nichts erpressen kann.
Sie waren frei.
Und deshalb waren sie unangreifbar.
Die Linie des Feindes bog sich.
Und dann brach sie.
Nicht mit einem Schlag. So bricht ein Heer nicht. Es bricht wie ein Deich bricht — irgendwo hinten dreht sich ein Mann um, und dann zwei, und dann sind es zwanzig, und dann ist es niemand mehr, der befiehlt, sondern nur noch elftausend Männer, die alle gleichzeitig festgestellt haben, dass sie nach Hause wollen.
Die Weiden zwischen dem Waldrand und dem Fluss waren voller rennender Menschen.
Und mitten in dem Ganzen, mitten in dem Licht und dem Staub und dem Gebrüll, geschahen die kleinen Dinge.
Ein Luchs aus grünem Licht landete neben einem Mädchen aus dem zweiten Jahrgang, das im Schlamm sass und die Hände vors Gesicht schlug und heulte wie ein kleines Kind.
Der Luchs setzte sich neben sie.
Er band sich nicht an sie. Er leuchtete nicht in ihr. Er sass einfach da, mit dem Rücken an ihrem Rücken, und leckte sich die Pfote.
Ein Junge, der drei Tage lang im Graben gelegen und Beeren gesucht hatte, wurde von einem Wolf umgerannt und lag lachend und schreiend im Dreck, während das Tier ihm das ganze Gesicht abschleckte.
Und Daan sah einen blauen Blitz über das Feld gehen.
Er kam von Norden, und er war schneller als alles, was je über diese Erde gegangen war, und er ging durch die Rennenden hindurch wie ein Messer durch Wasser, und er hielt am Fuss des Hügels, bei einem sechzehnjährigen Mädchen, das dort sass, weil es nicht mehr laufen konnte.
Liv sah auf.
Und das blaue Pferd senkte den Kopf und berührte mit den Nüstern ihr Haar.
Und Daan drehte sich weg, weil manche Dinge einem Menschen allein gehören.
Richard stand in der dritten Reihe.
Er stand da, wo er drei Tage lang gestanden hatte, mit gebrochenen Rippen und einem Speer, den er kaum halten konnte, und um ihn herum rannten elftausend Männer davon, und er sah nach oben.
Über ihm war der Himmel voller Licht.
Grün und silbern und golden und weiss, Flügel und Federn und Dinge ohne Namen, ein ganzer Himmel voller Wunder, die aus einer sterbenden Welt gekommen waren, weil man sie gebeten hatte.
Und dann, ganz hinten, ganz oben —
etwas Rotes.
Es kam über den Wald wie ein Sonnenuntergang, der beschlossen hatte, nicht unterzugehen. Es war so gross wie ein Scheunentor. Es zog einen Kreis über dem Schlachtfeld, an dem Tausende von Männern nach oben starrten, und dann legte es die Flügel an und ging herunter, mitten durch das Licht, mitten durch den Lärm, mitten durch alles —
und landete mit einem Krachen, das die Erde beben liess, in der dritten Reihe der linken Flanke, direkt vor einem sechzehnjährigen Jungen mit gebrochenen Rippen.
Der Drache senkte den grossen, dummen, roten Kopf.
Und Richard —
Richard liess den Speer fallen.
Er stand da, in einem Feld voller rennender Männer, unter einem Himmel voller Wunder, und er sah seinen Drachen an, und dann fing er an zu lachen.
Er lachte, bis er sich die Rippen halten musste, und dann lachte er weiter, obwohl es offensichtlich entsetzlich wehtat, und dann fiel er auf die Knie und legte beide Arme um die Schnauze des grössten Raubtiers des Reiches und lachte in die roten Schuppen hinein.
„Du bist gekommen“, sagte er.
Der Drache schnaubte ihm heisse Luft ins Gesicht.
„Ich habe gesagt, du sollst mich mal besuchen“, sagte Richard, „aber ich habe es nicht so gemeint, du Idiot —“
Und dann konnte er nicht mehr reden.
Und Daan stand oben auf dem Hügel, blutig, heiser, halb blind vor Erschöpfung, und sah zu, wie sein bester Freund mitten in einer verlorenen Schlacht kniete und lachte und heulte und einen Drachen umarmte, der zurückgekommen war, weil man ihn höflich gefragt hatte.
Und er dachte:
Das ist es.
Das ist die ganze Sache. Das ist alles, was es je war.
Wir haben tausend Jahre lang genommen.
Und er hat einfach gefragt.