Was keiner sieht · Kapitel 48
Was übrig blieb
Niemand jubelte.
Daan hatte gedacht, es würde Jubel geben. In den Liedern gibt es immer Jubel. In Wahrheit standen achttausend Männer — oder das, was von ihnen übrig war — auf einem Feld voller Toter und sahen sich um und wussten nicht, wohin mit den Händen.
Ein paar setzten sich einfach hin.
Einer fing an, ordentlich seine Ausrüstung zusammenzusuchen, Riemen für Riemen, als wäre es ein Übungstag, und niemand hielt ihn auf.
Über ihnen kreisten die Wesen.
Sie blieben. Das war das Merkwürdigste an diesem Nachmittag: Sie flogen nicht davon. Sie sassen auf den Karren und in den Weiden und auf dem zertretenen Gras, Hunderte von ihnen, und leuchteten, und sahen zu, wie Menschen ihre Toten einsammelten.
Sie halfen nicht. Sie konnten nicht helfen.
Sie blieben einfach da.
Und Daan, der über das Feld ging und nach Gesichtern suchte, merkte irgendwann, dass die Männer aufhörten, sie anzustarren, und dass ein alter Fischer aus dem Süden sich ohne ein Wort neben einen leuchtenden Wolf setzte und anfing, seine Stiefel auszuziehen.
Sie fanden Alexia am späten Nachmittag.
Sie lag da, wo sie gefallen war, in dem Schlamm, den sie selbst weich gemacht hatte, mit den Ärmeln bis über die Ellenbogen hochgekrempelt.
Agatha kniete neben ihr und schloss ihr die Augen und blieb dann eine lange Zeit so.
„Neunundzwanzig Jahre“, sagte sie irgendwann.
„Was?“
„Sie hat neunundzwanzig Jahre gebraucht, um fliegen zu lernen.“ Agatha stand auf. Ihr Gesicht war vollkommen ruhig, und Daan hatte noch nie einen Menschen so gesehen. „Sie hat es mir dreimal die Woche erzählt. Vierundzwanzig Jahre lang.“
Sie wischte sich die Hände an der Hose ab.
„Ich hätte ihr sagen sollen, dass es mich beeindruckt hat.“
Von den einunddreissig Kindern in den Hecken kam jedes zurück.
Eines fanden sie erst am zweiten Tag.
Gwen lag noch an ihrem Platz, wo sie drei Tage gelegen und Beeren gesucht hatte, reglos, das Meldeholz in der Hand, mit dem sie hätte melden sollen, was sie sah — und für einen entsetzlichen Moment dachte Levin, was alle dachten.
Dann bewegte sich ihre Hand.
Sie hatte sich nicht gerührt, drei Tage lang, keinen Finger. Weil ein Mann ihr gesagt hatte, man werde sie nicht sehen — und weil sie ihm geglaubt hatte. Sie war vierzehn, halb verhungert und steif vor Kälte, und sie hatte den ganzen Krieg über sich hinweggehen lassen, ohne den Kopf zu heben. Niemand hatte sie gesehen. Genau das hatte sie gerettet.
Levin trug sie selbst zurück.
Er liess es sich nicht abnehmen. Er trug ein vierzehnjähriges Mädchen zwei Meilen weit über ein Schlachtfeld, ganz vorsichtig, als wäre sie aus etwas, das bricht. Einmal, nur einmal, sah sie zu ihm hoch. „Ich habe nichts gemeldet“, flüsterte sie. „Ich habe mich nicht getraut.“ Und Levin, der siebzehn Kinder ruiniert hatte, sagte: „Das war das Klügste, was du tun konntest.“
Und über ihnen, hoch oben, zog ein silberner Falke seine Kreise, und kam nicht herunter, und flog nicht weg.
Daan fand Mara am Flussufer.
Sie sass auf einem Stein, allein, ohne Waffen. Sie hatte einen tiefen Schnitt über der Braue und einen Arm in einem Tuch, und sie sass einfach da und sah aufs Wasser.
Er setzte sich neben sie, weil er zu müde war, um vorsichtig zu sein.
Sie sagten eine Weile nichts.
„Zweiunddreissig Jahre“, sagte Mara schliesslich.
Daan wartete.
„Ich habe zweiunddreissig Jahre gelernt, wie man Erwählte tötet. Ich habe geschlafen mit dem Kopf voller Netze. Ich habe meine Tochter nicht aufwachsen sehen, weil ich in Lagern war und Winden geübt habe.“
Sie sah aufs Wasser.
„Und dann kommt ein Himmel voller Wesen, die niemandem gehören, und mein ganzes Leben ist —“
Sie machte eine kleine, hilflose Bewegung mit der Hand.
„— nichts. Es ist einfach nichts. Es gibt nichts mehr, wofür ich ausgebildet bin.“
„Ich weiss, wie sich das anfühlt“, sagte Daan.
Mara sah ihn an.
„Nein“, sagte sie. „Das tust du nicht.“
„Da drüben sitzt ein Mann, der vierzehn Jahre gelernt hat, wie man Bindungen durchtrennt“, sagte Daan. „Es gibt keine mehr zu durchtrennen. Und er hat heute Nacht ein Kind aus einem Graben getragen, das sich drei Tage lang nicht gerührt hat, weil er ihm gesagt hat, dass man es nicht sieht.“
Er zog die Knie an.
„Es sitzen heute Abend eine Menge Leute an diesem Fluss, deren Leben nicht mehr gebraucht wird.“
Mara lachte. Es war ein kurzes, hässliches, ehrliches Geräusch.
„Ihr habt nicht gewonnen“, sagte sie nach einer Weile.
„Wir haben —“
„Ihr habt eine Schlacht gewonnen. Ihr habt elftausend Männer nach Hause gejagt, und die Hälfte von ihnen wird in vier Wochen wieder stehen, und mein König sitzt in seinem Zelt und ist ein gedemütigter Mann.“ Sie sah ihn an. „Und ein gedemütigter König ist gefährlicher als ein gieriger.“
„Und was sollen wir tun?“
„Ihm etwas geben.“
„Wir haben nichts.“
„Doch“, sagte Mara. „Ihr habt das, was er wollte.“
Und Daan sah sie an, und irgendwo in seinem Kopf ging eine Tür auf.
Er stand auf.
Er blieb einen Moment stehen, weil ihm schwindlig wurde, und dann sagte er:
„Kommen Sie mit.“
„Wohin?“
„Zu einem alten Mann auf einem Karren.“
Der Obermagier lag auf dem Karren am Fuss des Hügels, wo sie ihn hingelegt hatten, und über ihm hockte auf der Deichsel ein Vogel mit vier Flügeln, den er die ganze Zeit ansah.
Er war zu erschöpft, um sich zu rühren.
„Ah“, sagte er, als Daan kam. „Der Junge, der sieht.“
„Wie geht es Ihnen?“
„Ich habe heute Morgen in einer einzigen Stunde ausgegeben, was ich in sechzig Jahren gespart habe.“ Der alte Mann lächelte. „Ich bin ausgezeichnet gelaunt. Es ist verwirrend.“
Daan kniete sich neben den Karren.
„Elins Vater will den Wald“, sagte er.
„Ja.“
„Er will die Zeremonie. Er will bestimmen, wer hineingeht und wann.“
„Ja.“
„Und solange irgendjemand das bestimmt“, sagte Daan, „fängt es wieder von vorne an. Nur mit einer anderen Fahne.“
Der Obermagier sah ihn an.
Und Daan sah, wie in dem uralten, zerbrochenen Gesicht etwas aufwachte.
„Sag es“, sagte der alte Mann leise.
Und Daan sagte es.
„Wir geben es weg.“
Der Wind ging über das Feld.
„Nicht an ihn“, sagte Daan. „An alle. An alle vier Königreiche. Kein Reich richtet die Zeremonie mehr aus. Keiner hält das Tor. Keiner bestimmt, wer hineingeht.“
Er beugte sich vor.
„Man kann uns den Wald nicht wegnehmen, wenn er uns nicht gehört.“
Der Obermagier lag sehr still.
Und dann fing der oberste Magier des Reiches, der sechzig Jahre lang gerechnet und tausend Jahre Diebstahl verwaltet hatte, auf einem Karren am Rand eines Schlachtfelds an zu lachen — ein trockenes, keuchendes, schmerzhaftes Lachen, das ihn schüttelte, bis Agatha herbeilief und dachte, er stürbe.
„Tausend Jahre“, keuchte er. „Tausend Jahre haben wir uns gefragt, wie wir es behalten.“
Er sah zu Daan hinauf, und seine Augen waren nass.
„Und die Antwort war die ganze Zeit dieselbe wie bei allem anderen auch.“
Er hob eine zitternde, fleckige, alte Hand.
Und öffnete sie.