Was keiner sieht · Kapitel 49

Der König

Sie gingen zu fünft.

Agatha, weil jemand mit Rang dabei sein musste. Mara, weil ihr König ihr glaubte. Daan, weil der Obermagier gesagt hatte, er solle gehen, und weil niemand ihm widersprach, was Daan zutiefst beunruhigte. Liv, weil sie damals zu Elin geritten war, auf einem Pferd, das es nicht mehr gab.

Und Elin.

Sie hatten ihr ein sauberes Hemd gegeben, und sie hatte es abgelehnt.

„Ich gehe so“, hatte sie gesagt.

Und so ging sie: in einem geborgten Männerhemd, mit aufgeriebenen Beinen, dreckig, mager, ohne Wappen, ohne Schmuck, ohne einen Funken Licht.

Das Zelt des Königs stand drei Meilen südlich, und man liess sie eine Stunde warten, was, wie Mara trocken bemerkte, ein gutes Zeichen sei — man lasse nur Leute warten, die man ernst nehme.

Der König war ein grosser Mann.

Er war vielleicht fünfzig, und er hatte ein müdes, kluges, gerötetes Gesicht, und er sass hinter einem Feldtisch, auf dem eine Karte lag, die er nicht mehr brauchte.

Er sah Elin an, als sie hereinkam.

Er sah sie sehr lange an.

„Du bist geritten“, sagte er.

„Ja.“

„Durch meine eigenen Linien.“

„Ja.“

„Sechs Tage.“ Er lehnte sich zurück. „Meine Hauptleute haben mir versichert, dass niemand durch diese Linien kommt.“

„Sie haben mich nicht gesehen“, sagte Elin.

Und dann, in die Stille hinein, ganz ruhig:

„Du hast mich auch nicht gesehen. Seit einem Jahr nicht.“

Der König sagte nichts.

Daan sah, wie sich in seinem Gesicht etwas bewegte und wieder zur Ruhe kam, so wie Wasser sich glättet, und er begriff, dass dieser Mann seine Tochter liebte und dass er nicht die geringste Ahnung hatte, was er mit ihr anfangen sollte, seit sie aufgehört hatte, etwas Besonderes zu sein.

„Setz dich“, sagte der König.

„Ich stehe.“

Er verhandelte gut.

Das war das Unangenehme daran: Er war kein Narr und kein Ungeheuer. Er war ein Mann mit Schulden und einem geschlagenen Heer und elftausend Soldaten, die in vier Wochen wieder marschieren konnten, und er wusste genau, wie stark er noch war.

„Ihr habt eine Schlacht gewonnen“, sagte er. „Mit — verzeiht — Glück. Mit etwas, das ihr selbst nicht versteht und nicht wiederholen könnt. Und ihr habt zweitausendvierhundert Mann verloren, und ich habe elftausend, die noch atmen.“

Er beugte sich vor.

„Sagt mir, warum ich nicht in vier Wochen wiederkomme.“

„Weil dann nichts mehr da ist, das man holen könnte“, sagte Daan.

Der König sah ihn zum ersten Mal richtig an.

„Du bist der Junge.“

„Ja.“

„Der Junge, der sieht.“ Er musterte ihn. „Du bist fünfzehn.“

Daan hatte den Namen zum ersten Mal in einem dunklen Wald gehört, von einem Mann mit einem Bogen, der ihn leise vor sich hin gesagt hatte, als spräche er zu niemandem. Jetzt sagte ihn ein König.

„Ich habe es auch nicht ausgesucht.“

Und da lachte der König — kurz, überrascht, gegen seinen Willen —, und Daan wusste, dass er den nächsten Satz sagen durfte.

„Sie wollen den Wald“, sagte er. „Sie wollen die Zeremonie. Sie wollen bestimmen, welche Kinder wann hineingehen, damit Ihre Kinder gewählt werden und nicht unsere.“

„Und?“

„Sie können ihn haben.“

Die Stille im Zelt war vollkommen.

Agatha rührte sich nicht. Mara hatte die Augen geschlossen.

„Was?“, sagte der König.

„Nicht Sie allein“, sagte Daan. „Alle vier Königreiche. Der Wald gehört ab heute niemandem. Kein Reich richtet die Zeremonie aus. Keins hält das Tor. Keins bestimmt, wer hineindarf. Jedes Kind aus jedem Land, jedes Jahr, ohne Anmeldung, ohne Erlaubnis, ohne Kalender.“

Er legte die Hände auf den Tisch.

„Wir geben es weg.“

Der König starrte ihn an.

„Das ist keine Verhandlung“, sagte er langsam. „Das ist eine Kapitulation.“

„Nein“, sagte Daan. „Eine Kapitulation wäre, wenn Sie es bekämen.“

Er sah dem König in die Augen, und er war fünfzehn Jahre alt und heiser und dreckig und hatte in drei Tagen zweitausend Menschen sterben sehen, und er hatte keine Angst mehr vor irgendetwas in diesem Zelt.

„Weil es Ihnen nichts nützen würde. Das ist der Punkt, den Sie noch nicht verstanden haben.“

„Erklär es mir.“

„Die Wesen sind frei“, sagte Daan. „Sie kommen nicht mehr, weil man sie fängt. Sie kommen nicht, weil man ein Kind in einen Kreis stellt und feierliche Worte spricht. Sie kommen, weil man sie fragt, und sie gehen wieder heim, wann sie wollen, und sie kommen wieder, wenn sie wollen.“

Er beugte sich vor.

„Sie können den Wald erobern. Sie können jeden Baum darin besitzen. Und in dem Augenblick, in dem Sie ein Wesen zwingen wollen, zu bleiben — kommt keines mehr.“

Er richtete sich auf.

„Man kann einen Freiwilligen nicht erobern.“

Der König sass sehr still.

„Sie haben tausend Jahre lang auf ein Tor gestarrt“, sagte Daan, „und geglaubt, wer es besitzt, besitzt die Wunder dahinter. Und wir haben es besessen, tausend Jahre lang, und wissen Sie, was wir dafür bekommen haben?“

Er sah zu Agatha hinüber.

„Eine Spalte in einem Buch. Verloschen. Verloschen. Verloschen.

Der König sah auf die Karte, die er nicht mehr brauchte.

„Und was hindert mich daran“, sagte er endlich, „euer Angebot anzunehmen — und dann trotzdem zu marschieren?“

„Nichts“, sagte Daan.

„Nichts?“

„Gar nichts. Sie können jederzeit kommen. Sie werden fünftausend erschöpfte Männer finden und ein paar hundert Wesen, die niemandem gehören und die keine Netze fürchten.“ Daan zuckte die Schultern. „Und Sie werden gewinnen, wahrscheinlich. Und dann stehen Sie mitten in einem Wald, der niemandem gehört, und die Wesen kommen nicht, und Sie haben elftausend Männer für einen Haufen Bäume ausgegeben.“

Er trat einen Schritt zurück.

„Sie können uns überrennen, Majestät. Sie können uns nicht bestehlen. Es ist nichts mehr da.“

Der König schwieg sehr lange.

Und dann sagte Elin:

„Vater.“

Er sah auf.

„Der Hirsch ist zu Hause“, sagte sie. „Er lebt. Ich habe es gesehen — nicht mit den Augen, aber ich weiss es, seit heute Morgen, ich kann es nicht erklären.“ Ihre Stimme war ganz ruhig. „Und wenn ich ihn eines Tages bitte, wiederzukommen, dann wird er vielleicht kommen. Nicht weil ich eine Prinzessin bin. Sondern weil ich ich bin.“

Sie sah ihren Vater an.

„Du hast mich angesehen, als wäre ich kaputt“, sagte sie. „Seit dem Tag, an dem der Hirsch gegangen ist. Du hast mich in ein Zimmer gesetzt und nicht mehr gewusst, wozu ich gut bin.“

„Und dann bin ich sechs Tage durch dein Reich geritten, an deinen Kundschaftern vorbei, und habe deinen Krieg verloren, bevor er anfing. Und ich habe es getan, weil ich nichts bin.“

Sie liess es stehen.

„Nimm das Angebot an, Vater. Und dann komm nach Hause und sieh mich an.“

Der König sass hinter seinem Feldtisch, ein grosser, müder, kluger Mann mit Schulden und einem geschlagenen Heer, und er sah seine Tochter an, die in einem geborgten Männerhemd vor ihm stand und nicht das Geringste war.

Und dann rieb er sich mit beiden Händen übers Gesicht.

„Setz dich, Elin“, sagte er müde. „Bitte. Setz dich.“

Sie setzte sich.

Und der König zog ein leeres Blatt heran.

Sie brachen am nächsten Morgen auf, ohne Elin.

Sie blieb — es gab einen Vertrag zu schreiben und einen Vater, der sie zum ersten Mal seit dem Hirsch wieder ansah, und beides brauchte sie mehr, als sie sagte. Aber sie kam ans Tor, um sie zu verabschieden, in einem eigenen Hemd jetzt, sauber, und sie sah beinahe aus wie eine Prinzessin, bis sie den Mund aufmachte.

„Ich habe drei Pferde verbraucht“, sagte sie zu Liv. „Auf sechs Tagen. Das erste ist mir unter dem Sattel eingeschlafen. Ich wusste gar nicht, dass Pferde das können.“

„Sie können es nicht“, sagte Liv. „Du hast es umgebracht.“

„Vermutlich.“ Elin sah zu Boden. „Es war ein sehr schlechtes Pferd. Ich bin dennoch traurig darüber.“

Und Liv sah dieses Mädchen an — das nichts hatte, keinen Rang, kein Wesen, kein Licht, das sechs Tage durch drei Königreiche geritten war und einen Krieg verloren hatte, ehe er begann, und dabei glücklicher aussah als jeder Erwählte, den Liv kannte —

und irgendetwas in ihr, das seit Wochen hart und kalt und zu gewesen war, ging einen Spalt weit auf.

„Weisst du was“, sagte Liv. „Wenn du das nächste Mal ein Königreich retten willst —“

Sie sah hinüber zum Hof, wo ein blaues Pferd in der Morgensonne stand und den Kopf nach Norden hielt, ganz leicht, wie eine Nadel.

„— dann nimm meins. Es ist schneller als alles, was du je gesehen hast, und es schläft nicht ein, und es kommt zurück.“ Sie schluckte. „Und es sieht besser aus als deine drei zusammen.“

Elin sah sie an.

Und dann lachten die beiden Mädchen, die einmal die Strahlendsten in zwei Königreichen gewesen waren und jetzt gar nichts mehr waren, an einem Tor über einem Schlachtfeld, bis ihnen die Tränen kamen, und keine von ihnen wusste mehr genau, ob es vom Lachen war oder nicht, und es war auch nicht wichtig.

„Abgemacht“, sagte Elin.