Was keiner sieht · Kapitel 50
Der Bär
Im Spätherbst ritt Daan nach Norden.
Er sagte niemandem, warum. Agatha sah ihn an und fragte nicht, und Liv sah ihn an und fragte auch nicht, und Richard sagte, er solle Kuchen mitbringen, und das war das Letzte, was Daan hörte, bevor er durch das Tor ritt.
Er nahm ein gewöhnliches Pferd.
Es hätte ein blaues sein können. Liv hatte es angeboten, ganz beiläufig, als sei es nichts — und es war nichts geworden, das war das Merkwürdige an diesem Herbst: Es war überall Licht, und niemand starrte mehr. Ein leuchtender Fuchs schlief neben dem Ofen in der Küche. Ein Wesen ohne Namen sass drei Wochen lang auf dem Dach der Bibliothek und ging dann wieder.
Aber Daan nahm ein gewöhnliches Pferd, und er brauchte sieben Tage, und er war jeden einzelnen davon froh darüber.
Der Norden war kalt.
Der erste Schnee lag schon, dünn und grau, und das Land war weit und leer, und am fünften Abend sah er wieder etwas Leuchtendes über einen zugefrorenen See ziehen, sehr hoch, sehr weit weg.
Diesmal wusste er, was es war.
Er wusste immer noch nicht, wie es hiess.
Die Kate lag am Ende des Tales, klein und braun.
Aus dem Schornstein kam kein Rauch.
Daan stieg ab, hundert Schritte vor der Tür, und band das Pferd an, und er ging den Rest zu Fuss, und er wusste es schon, ehe er die Tür erreichte.
Sie stand offen.
Drinnen war es kalt und ordentlich. Jemand hatte aufgeräumt — die Decke war zusammengelegt, das Geschirr stand gespült auf dem Brett, und die Asche im Herd war lange kalt. Auf dem Tisch lag ein Löffel.
Daan stand in der Tür und atmete den Geruch, der noch da war. Rauch und nasser Hund.
Dann ging er wieder hinaus und um das Haus herum.
Sie hatten ihn hinter der Kate begraben, oben am Hang, wo man das ganze Tal überblickt. Jemand aus dem Dorf war heraufgekommen und hatte es getan, sauber und gründlich und ohne Aufhebens, und man hatte einen Stein aufgerichtet und keinen Namen hineingeschlagen, weil im Norden jeder wusste, wer dort lag.
Und auf dem Grab sass ein Bär.
Daan blieb stehen.
Er blieb ungefähr zwanzig Schritte entfernt stehen, im Schnee, und er rührte sich sehr lange nicht.
Der Bär war riesig.
Er war ungeheuerlich — ein Tier, das man auf Wappen malt, mit einem Fell wie eine Gewitterwolke, und er leuchtete. Er leuchtete satt und tief und golden, so wie ein Feuer leuchtet, an dem noch niemand gespart hat, und der Schnee um ihn herum war geschmolzen, und das Gras darunter war grün.
Er lag mit dem Kopf auf den Pfoten.
Und er sah in das Tal hinunter.
Daan stand im Schnee.
Er begriff es minutenlang nicht, und dann begriff er es doch, und er musste sich hinsetzen, weil ihn die Beine nicht mehr trugen.
Halvar war tot.
Er war gestorben, so wie er es angekündigt hatte, mit seinem Bären zusammen, an einem Tag, an dem es niemandem aufgefallen war. Und in dem Augenblick, in dem sein Herz stehen geblieben war, war die Bindung gerissen, und der Bär war heimgegangen, nach vierzehn — nein, nach fünfzig Jahren, endlich, in seine eigene Welt, in sein eigenes Licht.
Und er war ganz geworden.
Und dann war er wiedergekommen.
Er war zurückgekommen an einen Hang in einem kalten Tal am Ende der Welt, wo nichts war als ein Stein ohne Namen und ein toter alter Mann darunter, der ihn nicht mehr brauchte und nicht mehr rief und ihm nichts mehr geben konnte.
Er hatte gar nichts davon.
Es gab hier nichts mehr zu holen.
Und er war trotzdem gekommen.
Daan sass im Schnee und weinte.
Er weinte lange und ohne jede Würde, mit offenem Mund, wie er in seinem ganzen Leben nicht geweint hatte, nicht am schwarzen Teich und nicht auf dem Schlachtfeld und nicht an dem Tag, an dem Liv „Danke“ gesagt hatte.
Der Bär sah ihn an.
Er hob den Kopf und sah zu dem Jungen im Schnee hinüber, mit alten, dunklen, geduldigen Augen, und er machte keine Anstalten, aufzustehen, und er machte auch keine Anstalten, ihn zu verjagen.
Er lag einfach auf dem Grab und sah ihn an.
Nach einer Weile stand Daan auf und ging hinüber.
Er setzte sich neben ihn in das grüne, warme, ungehörige Gras, und es war das erste Mal seit sieben Tagen, dass ihm nicht kalt war.
„Er hat mir etwas erklärt“, sagte Daan.
Der Bär atmete.
„Er hat gesagt, es gibt genau einen richtigen Augenblick, und der fühlt sich nach überhaupt nichts an. Wie eine Hand, die aufgeht.“ Daan sah in das Tal hinunter. „Ich habe kein Wort davon verstanden. Ich war fünfzehn und ich dachte, ich weiss alles.“
Er zog die Knie an.
„Ich habe es trotzdem behalten. Und dann stand ich in einem schwarzen Wasser neben einem Mädchen, und ich wollte ihr zureden, und dann habe ich seine Stimme gehört, und ich habe den Mund wieder zugemacht.“
Er wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht.
„Sie hat es geschafft. Sie hat losgelassen. Und ihr Pferd ist zurückgekommen.“
Der Bär rührte sich nicht.
„Ein Mann hat seinen Falken gehen lassen“, sagte Daan. „Nach vierzehn Jahren. Er konnte nicht mehr fliegen, der Falke. Er ist ins Wasser gewatet.“ Er atmete. „Und drei Tage später kam er über die Bäume, und er war silbern, und er flog, und hinter ihm war der ganze Himmel voll.“
Er sah den Bären an.
„Ihr seid alle gekommen.“
Der Wind ging über den Hang.
„Er hat es nicht mehr erlebt“, sagte Daan leise. „Er hat es nicht gewusst. Er hätte dich gehen lassen können und weiterleben, und dann hättest du ihn im Frühjahr besuchen können, und er hätte dir Suppe gemacht und über Schafe geredet, und —“
Seine Stimme brach.
„Er hat es nicht gewusst. Es war noch nicht erfunden.“
Und der Bär, der fünfzig Jahre lang neben einem alten Mann hergegangen war und dessen Welt sich nicht ein einziges Mal um Verträge und Zeremonien und Königreiche geschert hatte, drehte den grossen, schweren Kopf und legte ihn Daan auf das Knie.
Und blieb so.
Sie sassen bis zum Abend.
Darauf stand Daan auf, klopfte sich den Schnee von der Hose und ging zu seinem gewöhnlichen Pferd hinunter.
An der Kate drehte er sich noch einmal um.
Oben am Hang, auf einem namenlosen Stein in einem kalten Tal am Ende der Welt, lag ein goldener Bär und sah in das Tal hinunter, und um ihn herum war das Gras grün.
Er war nicht gekommen, weil ihn jemand gerufen hatte.
Er war nicht gekommen, weil er etwas schuldete.
Er war gekommen, weil er ihn geliebt hatte.
Und Daan sass auf und ritt nach Süden und wusste zum ersten Mal mit vollkommener Sicherheit, dass sie wiederkommen würden. Immer. Jedes Jahr. Für alle Zeit.
Nicht wegen eines Vertrags.
Deswegen.